"Zwei rosa Striche bringen Lea Johnens* Leben durcheinander: Sie ist schwanger. Und muss eine Entscheidung treffen, die ihr keiner abnehmen kann. Neun Momente einer Abtreibung." *Name geändert.

Der Sex

Abtreiben? Niemals. Mutter sein schafft man schon, auch im Studium. Das dachte ich – bis ich schwanger wurde. Am 23. Dezember ist es passiert. Mein Freund und ich haben normalerweise mit Kondom verhütet. Nur dieses eine Mal nicht. Wir waren unvorsichtig, wie man eben manchmal unvorsichtig ist. Ich war erst vor wenigen Tagen von meinem Praktikum aus Berlin nach Köln zurückgekehrt. Lucas* und ich hatten uns in der Zeit kaum gesehen und am Telefon viel gestritten. An Weihnachten waren wir uns kurz wieder nah. Deshalb weiß ich das Datum so genau.

Die Nachricht

Nach Weihnachten hatte ich viel Energie. Ich brauchte kaum Schlaf, zum ersten Mal seit Jahren hatte ich keine Migräne mehr. Egal, was ich gemacht hab, egal wie viel Alkohol ich getrunken habe – keine Kopfschmerzen. Heute denke ich: Das waren die Hormone. Ich habe in dieser Zeit völlig irre Sachen gemacht, wie an Silvester um fünf Uhr morgens vier Stunden nach Berlin zu einer Party zu fahren. Und am selben Tag wieder zurück. Ich aß Currywurst, obwohl ich seit Jahren Vegetarierin bin. Und bekam gleich darauf Heißhunger auf Mon Chéri. Wie im Film. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass etwas komisch sein könnte. Ich schrieb in mein Tagebuch: "Wenn ich jetzt schwanger wäre, das wäre der Horror." Am nächsten Morgen ging ich zur Apotheke und besorgte mir einen Schwangerschaftstest. Nur zur Sicherheit. Ich machte ihn allein zu Hause auf dem Klo. Ich wusste, wie es geht, ich hatte vor ein paar Jahren schon mal einen gemacht. Mit einem Unterschied: Diesmal zeigte er zwei Striche an – positiv.

Die Gedanken

Ich konnte kaum noch atmen. In meinem Kopf waren plötzlich Bilder: ich mit Baby, mein Freund, wir als Eltern. Und immer wieder der Gedanke: "Scheiße, was mache ich jetzt?" Panisch rief ich meine beste Freundin an. Sie kam sofort, mit einem zweiten Test. Der war auch positiv. Ich bin durch die Wohnung gerannt, habe mir die Haare gerauft und geschrien: "Ich will kein Kind mit Lucas bekommen! Ich will kein Kind alleine bekommen! Ich will überhaupt kein Kind bekommen!" Ich wohnte in der Zeit im Dachgeschoss eines Altbaus ohne Heizung, nur mit einem Kohleofen im Wohnzimmer. Ich stellte mir vor, wie ich mit einem Baby im Tragetuch die Treppen hochlaufe und allein im kalten Schlafzimmer hocke. Ich war 25, mitten im Studium und hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Mein Freund und ich hatten gerade beschlossen, eine Auszeit zu nehmen. Er war im Sommerurlaub fremdgegangen, ich hatte in Berlin mit jemand anderem geknutscht. Wir hatten es uns nach Weihnachten gestanden und gehofft, dass wir uns danach wieder nahekommen würden. Aber so richtig glaubten wir beide nicht daran. Es wegen eines Kindes noch mal zu versuchen wäre ein beschissener Grund.

Meine Freundin blieb ruhig. Sie brachte mich dazu, einen Frauenarzt anzurufen. Die Sprechstundenhilfe sagte: "Ach, wie schön. Dann kommen sie Dienstag in einer Woche zu uns. Und wenn ihr Bauch ein bisschen zieht, das ist ganz normal. Der dehnt sich aus." Die Arzthelferin sprach mit mir, wie mit einer werdenden Mutter. Dabei fühlte ich mich nicht so und wollte das auch nicht. Ich nuschelte "okay", legte auf und googelte einen anderen Arzt in meiner Nähe. Diesmal kam ich gleich zur Sache: "Ich bin ungewollt schwanger und brauche sofort einen Termin." Am Nachmittag saß ich in seinem Wartezimmer. Ich spürte das Ziehen, von dem die Arzthelferin am Telefon gesprochen hatte.

Der Arztbesuch

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

Ein Knubbel auf dem Monitor des Ultraschallgeräts. "Das ist der Fötus", sagte der Arzt. "Sie sind in der siebten Woche." Als ich nicht lächelte, schaltete er schnell den Monitor aus. Ich solle mir in Ruhe überlegen, ob ich das Kind wolle, sagte er. Wichtig sei nur: Bis zur neunten Woche könnte ich noch mit einer Hormontablette abtreiben, danach bräuchte ich einen Eingriff, unter Narkose. Ich schluckte. Bevor ich ging, fragte er noch, ob ich einen Lebenspartner hätte. "Das weiß ich auch gerade nicht", sagte ich. Da gab er mir einen Rat: Ich solle erst mit Lucas sprechen, wenn ich wüsste, was ich will. "Es ist Ihr Körper, Ihre Entscheidung, und Sie tragen die Konsequenzen", sagte er. Ich war überrascht. Mein erster Impuls wäre gewesen, meinen Freund anzurufen. Ich dachte nach: Lucas war 14 Jahre älter als ich. Er wünschte sich Kinder. Ich beschloss, ihm erst mal nichts zu sagen.

Die Zweifel

In den kommenden Tagen sprach ich mit meiner besten Freundin, meinem Bruder, meiner Schwester. Meine Mutter erreichte ich nicht. Sie war in der Schweiz – für ein Schweigeseminar, bei dem Handys verboten sind. Im Internet fand ich eine Nummer und bekam sie endlich ans Telefon. Ihre Meinung war mir wichtig. Auch, weil sie selbst schon einmal abgetrieben hatte. Ich wusste, dass sie mich nicht verurteilen würde. Sie sagte: "Wenn du das Kind bekommen willst, bin ich für dich da. Und wenn du dich dagegen entscheidest, auch."

Mein Vater dachte anders. "Du darfst nicht abtreiben", sagte er. "Das verzeihst du dir nie." Seine Stimme klang hart, und das tat mir weh. Schon als Kind hatte ich Angst, mich mit meinen Eltern zu streiten. Ich versuche oft, es allen Menschen recht zu machen, weil ich sie nicht enttäuschen will. Diesmal würde es vielleicht nicht anders gehen.