Brexit, Trump und AfD: Warum wir jetzt für Europa, unsere Freiheit und Demokratie kämpfen.

Nein, sagte sie. Nein, sie habe bei der Abstimmung zum Brexit nicht gewählt. Aber jetzt war sie schockiert, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU beschlossene Sache war. Sie wolle etwas tun, sagte sie einem Reporter. Deshalb sei sie auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren. Gegen das Ergebnis einer Abstimmung, an der sie selbst nicht teilgenommen hatte.

"Wie blöd kann man sein?", dachte ich, als ich dieses Interview im Juni im Radio hörte. Und dann dachte ich: "Das könnte ich sein." Zwei von drei Wahlberechtigten unter 24 Jahren haben beim Brexit mitgestimmt. Immerhin. Aber bei den über 65-Jährigen waren es 90 Prozent. Die Jungen profitieren am meisten von der EU, von Erasmus etwa und davon, überall in Europa studieren und arbeiten zu können, ohne bürokratische Schikanen. Doch es waren die Alten, die über die Zukunft aller entschieden haben.

Nach dem Brexit sprachen viele von der "unpolitischen Generation". Aber vielleicht waren wir bislang bloß optimistisch? Ich, zum Beispiel, habe lange angenommen, dass die Welt sich schon zum Guten entwickeln würde. Sich engagieren ist super, klar. Aber es würde auch ohne mich klappen.

Seit vergangenem Jahr weiß ich: Nein, das stimmt nicht. Einen Monat nach dem Brexit wurde in der Türkei geputscht, mit Panzern, Hunderten Toten und Racheaktionen von Präsident Erdoğan (Putsch? So was gibt es noch?). Wieder einige Monate später wählten die US-Amerikaner einen Mann zum Präsidenten, der so offensichtlich ungeeignet ist, dass man darüber an der Demokratie zweifeln kann. Und in Deutschland? Wird die AfD in zwei Bundesländern mal eben die zweitstärkste Partei.

2016 war ein Jahr der politischen Schocks. Die Erkenntnis: Das große Ganze ist in Gefahr. Historische Rückschritte sind möglich. Nichts ist mehr selbstverständlich.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

So einen Schock gab es vor 50 Jahren schon mal: In Berlin demonstrierte ein Student gegen den Besuch eines Diktators, als er erschossen wurde. Die Kugel schlug aus anderthalb Metern Entfernung in den Hinterkopf des Studenten und zertrümmerte seinen Schädel. Am 2. Juni 1967 starb Benno Ohnesorg. Der Täter, ein Polizist, wurde freigesprochen.

Für viele war das damals ein Zeichen: Bald würden die alten Nazis, die nach dem Krieg weiter als Lehrer, Beamte und Richter arbeiteten, ihr wahres Gesicht zeigen. Ein neuer Faschismus drohte. Der Feind, dachte man, lauerte in den Institutionen. So entstand die Studentenbewegung der 68er, die Parlamenten, Parteien und Justiz misstraute.

Vielleicht erleben wir heute, vor der Bundestagswahl und dem G 20-Gipfel in Deutschland, einen ähnlichen historischen Moment. Nur, dass es jetzt darum geht, Institutionen zu verteidigen, die sich als zerbrechlich erwiesen haben.

Die Schocks haben auch etwas Gutes. Sie schaffen, was Politikern und Parteiprogrammen oft nicht gelingt: das Gefühl zu erzeugen, etwas tun zu müssen. Vier Leute, die damit begonnen haben, stellen sich auf den nächsten Seiten vor. Sie werden nicht nur Erfolg haben in ihrem Kampf für die EU, die Demokratie und die Freiheit. Aber am Tag danach werden sie etwas besseres antworten können als: Nein.