Mehr als eine Million Menschen sind seit dem Sommer 2015 nach Deutschland geflüchtet, meldet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nun gehen die Herausforderungen erst los. Überall ist Hilfe nötig: Menschen, die von Krieg und Folter traumatisiert wurden, brauchen psychologische Betreuung. Und alle brauchen Wohnungen, Sprachkurse, Ausbildungsplätze und Jobs. Was bedeutet das für die professionellen Helfer? Ein Psychologe, eine Lehrerin und ein Sozialarbeiter erzählen von ihrer Arbeit mit Menschen, die neu in Deutschland sind.

Die Psychologen

Die Therapie von Flüchtlingen findet meist in einem von 32 psychosozialen Zentren statt, die auch auf die Arbeit mit Folteropfern spezialisiert sind. Dort können bundesweit jedoch nur 5.147 Menschen im Jahr behandelt werden. Das sind weniger als 0,7 Prozent aller, die allein 2016 nach Deutschland kamen. Eine Studie ergab, dass 63,3 Prozent der Geflüchteten unter psychischen Erkrankungen leiden und Hilfe brauchen. Das Bundesfamilienministerium hat im vergangenen Jahr drei Millionen Euro in den Ausbau psychosozialer Zentren investiert, für dieses Jahr sind weitere drei Millionen vorgesehen, was immer noch kaum ausreicht. Vereine wie Segemi versuchen, zusätzlich zu helfen.

Leon Sautier, 31, hat Psychologie studiert und macht gerade seine Ausbildung zum Psychotherapeuten. © Paula Winkler

"Traumatisierte Geflüchtete brauchen psychologische Hilfe, anders kann Integration nicht gelingen. Viele leiden unter Flashbacks, weil sie die furchtbaren Erlebnisse auf der Flucht nicht verarbeiten konnten. Allerdings wird hierzulande immer noch viel zu wenig für die psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen getan. Um das zu ändern, habe ich gemeinsam mit Psychotherapeuten und Psychiatern den gemeinnützigen Verein Segemi gegründet. Wir wollen Geflüchteten eine Therapie ermöglichen. Das funktioniert so: Wie bei all meinen Patienten muss ich der Krankenkasse zunächst den Therapiebedarf und meinen Behandlungsplan erklären. Den Bedarf kann ich gut begründen, denn traumatisierte Geflüchtete sind oft in Lebensgefahr. Bei der Psychotherapie mit Geflüchteten muss ich allerdings zusätzlich nachweisen, dass ich einen Dolmetscher habe, der uns durch die gesamte Behandlung begleiten wird. Das ist aus zwei Gründen problematisch: Einerseits haben viele Therapeuten Vorbehalte, was die Arbeit mit einem Dolmetscher im Gespräch betrifft. Denn mit dem Dolmetscher ist ein Dritter im Raum, und das verändert die ganze Gesprächssituation. Wenn jeder Satz gedolmetscht werden muss, bleibt außerdem nur die Hälfte der Therapiezeit übrig. Zudem ist so ein Dolmetscher teuer. Eine Therapiestunde kostet 35 Euro plus 10 Euro Fahrtkostenpauschale. Bei 25 Therapiestunden ist man schon bei über 1.000 Euro. Die Kosten werden von den Krankenkassen nicht übernommen. Um die Finanzierung kümmere ich mich also selbst. Bisher wurden diese Kosten über Spenden finanziert. Das ist sehr umständlich. Natürlich könnte ich mir diesen Aufwand sparen. Doch ich mache das aus Überzeugung und aus vollem Herzen. Der Bedarf ist groß. Ich hoffe, dass sich in Zukunft noch mehr Therapeuten dazu entschließen, mit Geflüchteten zu arbeiten."

Leon Sautier

Die Lehrer

Rund 18.000 Lehrer unterrichten heute in Integrationskursen. Oft unter prekären Bedingungen: Bei den meisten Trägern, die im Auftrag des Bundesministeriums für Migration Kurse anbieten, arbeiten die Lehrer auf Honorarbasis. Bei den Kursen an Volkshochschulen sind es sogar mehr als 90 Prozent. Diese Lehrer gelten also als Freiberufler, müssen sich selbst versichern und haben keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub oder Krankentage. Das Durchschnittsgehalt pro Monat liegt laut Lehrerverband GEW trotz akademischer Ausbildung nur zwischen 1.250 und 1.750 Euro. Kritiker sagen, es handele sich bei den Lehrern um Scheinselbstständige. Das Ministerium will das nicht kommentieren.

Meike Pfeiffer, 29, hat Anglistik und Germanistik in Koblenz studiert und arbeitet jetzt im Fachbereich für Integrationskurse an der Volkshochschule Neuwied. © Paula Winkler

"In meinem ersten Integrationskurs waren wir wie eine kleine Familie. Wir haben uns jeden Tag im Unterricht gesehen und sind eng zusammengewachsen. Die Teilnehmer haben mich ihre zweite Mama genannt, sie waren meine Babys. Dabei war mein ältestes Baby 26, gerade mal zwei Jahre jünger als ich damals. Davor hatte ich mich erfolglos auf Stellen bei Unis und Verlagen beworben und als Englischlehrerin an der Volkshochschule gejobbt. Meine dortige Fachbereichsleiterin riet mir dazu, beim Bundesamt für Migration die Zulassung als Integrationslehrerin zu beantragen. Ich bekam den Bescheid ziemlich schnell und stand zwei Wochen später schon in meinem ersten Integrationskurs. Anfangs war ich total überfordert. Ich hatte keine Ahnung, wie ich Menschen Deutsch beibringen kann, die nicht einmal im selben Alphabet schreiben. Ich kannte weder die Lehrbücher noch das Kursformat. In den ersten Unterrichtswochen gab es nahe der Heimatstadt einer türkischen Schülerin einen Terroranschlag. Ein anderer erzählte, wie er auf der Ladefläche eines Lkw versteckt nach Europa geschmuggelt worden war. Bei solchen Geschichten finde ich keine Worte mehr. Im Kurs haben wir uns einfach sehr viel umarmt. Die Bezahlung war anfangs sehr schlecht: Ich bekam 23 Euro pro Unterrichtseinheit, Vor- und Nachbereitung wurden nicht bezahlt. Wenn ich krank war, gab es gar kein Geld. Dazu kam die Unsicherheit, weil ich nur Honorarverträge hatte: Ich wollte bald heiraten und ein Haus bauen, aber wusste nicht, ob ich am nächsten Tag noch einen Job habe. Dann wurde das Mindesthonorar im Juli von 23 auf 35 Euro angehoben. Inzwischen bin ich selbst Fachbereichsleiterin und verwalte die Kurse, die ich vorher abgehalten habe. Ich denke noch oft an meinen ersten Kurs. Das war ein schöner Job, aber einer, den man sich nicht auf Dauer leisten kann."

Meike Pfeiffer

Die Sozialarbeiter

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

Die Jobaussichten für Absolventen der Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit haben sich in den letzten zwei Jahren radikal verbessert. Während es früher kaum Jobs gab, werden Sozialarbeiter inzwischen stärker gesucht als Ingenieure. Allein zwischen Januar und Dezember 2015 hat sich laut Institut der deutschen Wirtschaft die Zahl der freien Arbeitsplätze für Sozialarbeiter verdoppelt. Bayern hat in den letzten vier Jahren das Budget für Asylsozialberatung mehr als verzehnfacht. Für soziale Start-ups wie jobs4refugees gibt es neue Stipendien- und Förderprogramme (etwa "Ankommer", das von der KfW Stiftung finanziert wird). Trotzdem ist der Betreuungsschlüssel in vielen Heimen 1 : 100 oder schlechter.

Robert Barr, 28, hat Philosophie, VWL und Global Politics in Bayreuth und London studiert. 2015 gründete er jobs4refugees. © Paula Winkler

"Arbeit ist neben dem Asylantrag das wichtigste Thema für Geflüchtete. Viele hatten zu Hause Jobs und wollen auch hier arbeiten. Oft hören sie aber monatelang nichts von den Jobcentern. Die sind überfordert, ist ja auch verständlich bei dem Andrang. Ich wollte helfen. Deshalb fing ich an, nach Feierabend mit meinem Laptop in Geflüchtetenunterkünfte zu gehen. Ich habe in Excel-Tabellen notiert, welche Jobs die Leute suchen und welche Ausbildungen sie gemacht haben. Dann habe ich bei Unternehmen angerufen und einfach gefragt, ob sie passende Stellen haben. Das hat ganz gut geklappt. Nach ein paar Monaten dachte ich: Jetzt oder nie. Ich kündigte meinen Job bei einem Umweltverband und gründete jobs4refugees, meine eigene NGO. Heute sind wir zu viert im Team, bald zu siebt. Zusammen haben wir schon mehr als 80 Geflüchteten geholfen, einen Job oder Ausbildungsplatz zu finden. Da sind Regaleinräumer dabei, genauso wie Geologen und Vermessungsingenieure. Wir finanzieren uns über Stiftungen und Spenden. Es gibt viel zu tun, und nicht immer läuft alles wie geplant. Man muss für Geflüchtete bei den zuständigen Ausländerbehörden eine Arbeits- erlaubnis beantragen. Die Bearbeitung dauert oft so lange, dass wir die Arbeitgeber immer wieder vertrösten müssen. Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt uns sehr gut. Zum Beispiel haben wir Ali aus Mali zu einer Kochausbildung im Hotel Adlon in Berlin verholfen. Die Arbeitsagentur hat unseren Antrag auf Ausbildungsbeihilfe sofort bewilligt. Wir konnten Ali von Niedersachsen nach Berlin ummelden, was sonst nicht so einfach ist. Die Leute, denen wir helfen, sind motiviert. Außerdem finde ich gut, dass ich die Auswirkungen meiner Arbeit direkt sehen kann. Ali geht gern zur Arbeit, und Eik, der Küchenchef im Adlon, schwärmt von Alis Lernbereitschaft. Genau das liebe ich an meinem Job."

Robert Barr