An vielen Unis streiten Studenten für selbstverwaltete Orte. Wir haben sie besucht – und gefragt, wie der Kampf gelingt.

Erste Taktik: Besetzen und bleiben. Das Random White House in Frankfurt

In Frankfurt gibt es auch die von Studenten geführte Trinkhalle mit hübscher Deko. © Ina Niehoff

David erfährt von der Hausbesetzung per SMS: "Komm vorbei, brauchen Unterstützung." Es ist der Morgen des 15. Februar 2016. David, der eigentlich anders heißt, nimmt sein Fahrrad und fährt los. Als er gegen 10 Uhr ankommt, sind die Fenster des kleinen weißen Gebäudes am Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt schon mit Plakaten und Mülltüten zugeklebt.

Zehn Studenten haben sie dort angebracht, nachdem sie am Vortag die Schreibtische aus dem Haus getragen und alte Sofas hineingestellt haben. Von ihnen hat David die Ketten-SMS erhalten, jetzt schließt sich der Politikstudent den Besetzern an, zusammen mit anderen. Sie wollen das Haus, von dem es heißt, dass es leer stehe, zu einem studentischen Freiraum machen, einem Ort für Partys, Poetry-Slams und politische Veranstaltungen. Sie nennen es: Random White House.

Es gibt nur ein Problem: Das Haus stand gar nicht leer. In den Räumen habe ein Gastwissenschaftler gearbeitet, sagt Tanja Brühl, die Vizepräsidentin der Goethe-Universität. "Der Kollege war nur sehr oft in der Bibliothek." Auch die offiziellen Studentenvertreter kritisierten das Vorgehen der Besetzer: "Ich hielt es für übereilten Aktionismus", sagt Max Rudel aus dem AStA-Vorstand.

David und die anderen geben trotzdem nicht auf. Sie bleiben fünf Tage und fünf Nächte, schlafen auf den Sofas, um zu verhindern, dass die Räume zurückerobert werden, nur weil gerade niemand da ist. "Wir brauchen das Haus", sagt David. "Auf dem Campus gibt es keinen Ort, an dem studentisches Leben möglich ist." Nach mehreren Tagen harter Verhandlung mit der Uni gibt es einen Kompromiss: Hälfte-Hälfte. Heute ist in dem linken Gebäudeteil das Random White House, im rechten der Fachbereich Theologie und das International Office.

Im "Randi", wie das Studentencafé von vielen genannt wird, gab es seitdem Glühweinabende, Vorträge mit Titeln wie Warum sich gesellschaftliche Verhältnisse nicht dekonstruieren lassen – und bald steigt die Party zum ersten Jahrestag der Besetzung.

Drinnen alte Couchs, linke Sprüche und die Wertanlage des kleinen Mannes: Leergut © Ina Niehoff

Zweite Taktik: Unterschriften sammeln. Das Café Erdreich an der TU Berlin

Anfang Oktober sitzt Christian Kowalewski auf einem der kaputten Bürostühle im Café Erdreich, als eine Frau hereinkommt und ihm einen Brief in die Hand drückt. Kowalewski, den alle Kowa nennen, ist Sprecher der Fachschaft Geotechnologie an der TU Berlin, die das Café mit zwei anderen Fachschaften betreibt. "Schon ewig", gebe es das Erdreich, sagt Kowa. Hier können Studenten kickern und Billard spielen, der Kaffee kostet 50 Cent.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

Doch damit soll jetzt Schluss sein, so steht es in dem Brief. Das Gebäudemanagement beschwert sich über den Lärm und verfügt: "Die zum Café gehörenden Räumlichkeiten sind bis zum 15. Oktober 2016 zu räumen." Aus dem Erdreich soll ein von der Universität betriebener Lernraum werden, heißt es. Noch am selben Abend stellt Kowa den Uni-Präsidenten Christian Thomsen auf einer Feier zur Rede: Man könne doch nicht einfach den Studenten ihre Räume wegnehmen. Der Präsident reagiert verständnisvoll. Die angedrohte Räumung wird erst mal verschoben.

In den nächsten Tagen verfassen die Fachschaften einen Protestbrief, den mehr als 1.200 Studenten unterschreiben. Außerdem gibt es eine Demo vor dem Büro des Uni-Präsidenten. "Ich fand das gut", sagt Christian Thomsen heute. Er beschließt: Wegen der Lärmbelästigungen muss das Café umziehen, bekommt dafür aber einen Ausweichraum. In dem frei werdenden Zimmer wird wie geplant der Lernraum eingerichtet, den die Fachschaften jedoch selbst verwalten dürfen. "Wir haben jetzt zwei Räume", sagt Kowa.

CAFÉ ERDREICH – An der TU Berlin kann man kickern und billig Kaffee trinken: im Erdreich © Ina Niehoff

Dritte Taktik: Alternativen annehmen. Das Studentenhaus in Kassel

Im K19 riecht es nach Bühnennebel und altem Rauch, als hätte hier gerade erst ein Rockkonzert stattgefunden. Ganz falsch ist das nicht, sagt Sven Gruß. "Hier gab es schon viele Konzerte", erzählt der Kulturreferent des AStA, "sogar Kraftklub hat hier gespielt!" Die Band wird im Sommer vor Zehntausenden Menschen beim Rock am Ring auftreten, vor ein paar Jahren spielten sie noch hier, in dem Studentenhaus auf dem Campus der Uni Kassel, in dem es schon bei 200 Zuhörern eng wird.

Bald soll dieser Ort geschlossen werden. Mehr als zehn Jahre nach seiner Gründung wurde direkt nebenan ein Studentenwohnheim eröffnet. Damit fingen die Probleme an. "Wir bekamen Facebook-Nachrichten, wütende Anrufe", sagt Sven Gruß. "Es war zu laut." Und jetzt? Besetzungen? Petitionen? Demos? Nein, sagt Gruß. Für ihn hat die Schließung eine gute Seite.

Ganz in der Nähe, aber weit genug weg vom Wohnheim, ist eine alte Fabrikhalle. Dort soll jetzt ein neues Studentenhaus entstehen. Das hat die Uni-Leitung entschieden. Ein Architekturstudent hat den Umbau gestaltet, das Studentenparlament hat mitgeplant. 2018 soll es fertig werden. "Einige werden sagen: Das K19 war immer hier, warum haben wir das aufgegeben?", sagt Sven Gruß. "Aber das ist so ein urkonservatives Argument." Und weil im Neubau auch noch mehr Platz ist als im alten K19, könnten Kraftklub demnächst eigentlich mal wieder vorbeikommen.

K19 – Schick sieht es noch nicht aus, aber das Potenzial der Immobilie ist zu erkennen: Es wird vermutlich schön loftig im neuen K19, das in dieser alten Fabrikhalle in Kassel entsteht. © Ina Niehoff

"Nischen im Uni-Alltag"

ZEIT Campus: Herr Rucht, welche Rolle spielen selbstverwaltete Cafés an den Hochschulen?

Dieter Rucht: Jede Raumbesetzung ist eine Auflehnung gegen dominierende Normen. In dem Raum sollen eigene Regeln gelten. In solchen Freiräumen werden Lebens- und Kommunikationsformen ausprobiert, die man in der Gesellschaft so nicht vorfindet, zum Beispiel basisdemokratische Entscheidungen. Regeln und Praktiken, die bislang als naturgegeben erschienen, werden dadurch außer Kraft gesetzt. Das ist keine triviale Angelegenheit.

ZEIT Campus: Sie erforschen studentische Proteste schon lange. Was hat sich verändert?

Rucht: Studierende sind heute pragmatischer, fordern verbesserte Studienbedingungen statt Revolutionen. Man kann das auch an den studentischen Freiräumen feststellen: Früher ging es dabei um prefigurative politics, man praktizierte einen gesellschaftlichen Entwurf im Kleinen. Heute haben die Freiräume eher einen defensiven Charakter: Sie sind Nischen im durchgetakteten Uni-Alltag. Ich war kürzlich in einem selbstverwalteten Café in Berlin. Alle saßen vor ihren Laptops und haben gearbeitet. Es gab kein Anzeichen auf Diskussionslust und Politisierung.

ZEIT Campus: Sind Studenten heute desillusioniert?

Rucht: Nein, aber das Studium hat sich gewandelt. Ab dem ersten Tag geht es um Creditpoints. Wenn man wochenlang einen Raum besetzt, verpasst man Prüfungen. Und noch etwas ist anders: Wenn früher Professoren in Talaren rumgelaufen sind, hatte das einen symbolgeladenen und rituellen Charakter, gegen den man sich auflehnen konnte. Diese theatralische Symbolik ist heute verschwunden.