Maggie wer? Sie war die Studentin, die mit ihrem Song Pharrell Williams überwältigte. Jetzt geht sie auf ihre erste Europa-Tour. Bleibt sie ein One-Hit-Wonder, oder wird sie der nächste große Popstar?

In einem schwarzen Mercedes wird Maggie Rogers durch Berlin gefahren. Auf der Rückbank rechts von ihr sitzt ihr Manager, ein bärtiger Typ aus Brooklyn, links eine blondierte Frau von der Plattenfirma aus Los Angeles. Gerade ist Maggie von New York nach London und weiter nach Berlin gejettet, um Interviews zu geben. Mit ihren langen Haaren, der Schlaghose und dem roten Lidschatten sieht die 22-Jährige aus wie ein Hippie-Mädchen aus einem Ethnologie-Seminar. "Das ist heute mein Popstar-Tag", sagt Maggie Rogers.

Nur – wie verhält man sich als Popstar? Neulich habe ein Stylist sie frisiert, sagt Maggie. Mit einem Fön und sehr viel Haarspray. Die Frisur habe schrecklich ausgesehen. "Aber wie erkläre ich, was ich will?", fragt sie. Sie will ihre Haare ganz natürlich tragen, so wie die Sängerin Feist. "Ach, ich kämme mich in Zukunft selbst", sagt Maggie Rogers. Die Frau von der Plattenfirma nickt: Ja, mit Hairstylisten, das sei schon schwierig.

Vor einem Jahr war Maggie Rogers noch eine unbekannte Studentin, dann hat sie ein Zufall im Internet bekannt gemacht. Ihren ersten erfolgreichen Song Alaska haben schon mehr als 24 Millionen Menschen bei Spotify gehört. Er hat fast drei Millionen Plays jeweils bei Soundcloud und YouTube. Ihre weitere Karriere will sie nicht dem Zufall überlassen, deshalb hat sie sich dafür Profis gesucht. Denn Maggie Rogers will der nächste große Popstar werden, eben nur ohne Haarspray.

Anfang 2016 studierte sie an der Tisch School of the Arts der New York University, wie zuvor bereits Lady Gaga. Wenige Monate vor ihrem Abschluss in Englisch und Musik hatte Maggie Rogers sich dort für eine Meisterklasse angemeldet. Die Aufgabe des Kurses: Jeder Student soll ein Lied schreiben – ein prominenter Musiker würde ihn bewerten. Maggie Rogers schrieb Alaska. Für den Text brauchte sie eine Dreiviertelstunde, für die Musik knapp vier Stunden. "Das war, als würde ich eine Hausaufgabe erledigen. Ich hab es einfach gemacht", sagt Maggie Rogers.

Was danach geschah, kennen viele aus einem Video auf YouTube: Ein Samstag, ein Tonstudio im Clive Davis Institute der Uni, knapp zwanzig Studenten, ein Kamerateam, ein Professor und vor dem Mischpult der prominente Gastdozent: Pharrell Williams, der an einigen der größten Hits der vergangenen Jahre mitgeschrieben hat, an Get Lucky von Daft Punk und natürlich Happy. Die ersten zwei Lieder der Studenten findet Williams ganz okay. Maggie Rogers ist als Letzte an der Reihe. "Alle in meinem Jahrgang nennen mich das Banjo-Mädchen", sagt sie. "Sie macht auch moderne Sachen, nicht nur 'Boom tschika boom'", sagt ihr Professor. Dann beginnt ihr Lied: eine Mischung aus Elektro und Folk. Während Maggie Rogers auf den Fußboden starrt und schüchtern ihren Kopf wiegt, beißt Pharrell Williams sich auf seine Unterlippe, schüttelt den Kopf und grinst. Er schaut, als könne er nicht glauben, was er gerade hört. Er, der Starproduzent, der unendlich viel Musik kennt, wippt zum Lied der blassen Studentin mit seinen Füßen. "Das ist einzigartig", sagt Pharrell Williams. "Es ist wie damals, als der Wu-Tang Clan rauskam. Man kann es nicht bewerten. Es ist unvergleichlich." Und dann sagt Williams noch: "Das ist eine Droge für mich." Maggie Rogers lächelt verlegen und sagt: "Danke!"

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

Nach knapp sieben Minuten endet die Session. Man könnte denken, die beiden hätten danach Handynummern ausgetauscht, er hätte ein bisschen für sie rumtelefoniert, sie einer Plattenfirma vorgestellt, vielleicht ein paar Songs aufgenommen. "Wir folgen einander seitdem bei Twitter, sonst nichts", sagt Maggie Rogers. Alles, was in dem Tonstudio passiert sei, sehe man auf dem Internetvideo. Als Pharrell Williams das Video später bei Twitter teilte, antwortete sie: "Thanks professor p!" Das war’s.

Viele Videos versickern im Internet. Doch manchmal gelingt, wofür Musiker früher jahrelang Lieder in schäbigen Kneipen spielen mussten: Sie werden entdeckt. Ein Nutzer namens Moittaibsass teilte das YouTube-Video am 6. Juni 2016 auf Reddit, einem großen Onlineforum. Er schreibt dazu: "Pharrell’s reaction to this girl’s song is so genuine, I love it" . Der Post wurde von anderen Nutzern positiv bewertet, erschien auf der Startseite von Reddit, ein Schneeballeffekt setzte ein: Menschen auf der ganzen Welt waren gerührt und teilten das Video bei Facebook und Twitter – so, wie sonst Katzenvideos oder Ryan-Gosling-Memes. Ein "OMG!"-Moment im Pop. Maggie Rogers war nun nicht mehr das Banjo-Mädchen, sondern das Pharrell- Williams-Mädchen.

Was an dem Video fasziniert, ist aber nicht nur Williams’ Reaktion, es ist auch Maggie Rogers’ Lied: Sie singt von Gletschern, eisigen Stürmen und darüber, wie sie bei einer Wanderung durch Alaska sich selbst gefunden hat. Alaska, ein Sehnsuchtsort der Großstädter, der seit dem Buch Into the Wild Sinnsuchende wie Maggie Rogers anzieht. Man kann das Lied morgens auf dem Weg ins Büro hören und sich in die Wildnis träumen oder in einem Hostel in Reykjavík dazu an der Bar tanzen. Sogar Chelsea Clinton, die Tochter von Bill und Hillary Clinton, sagte in einem Interview, Alaska sei ihr neues Lieblingslied.

Knapp 200.000 Fans hat Maggie Rogers bei Facebook. Sie ist jetzt bis April auf Amerika- und Europa-Tour. Ihre Konzerte sind schon ausverkauft. Nun erscheint ihr Mini-Album Now That the Light Is fading mit fünf Liedern. Doch reicht ein YouTube-Hit schon, um Popstar zu werden? Maggie Rogers hat Talent, sie hatte Glück, doch ist das genug?