Wer programmieren kann, wird von Firmen umworben wie nie zuvor. Aber muss deshalb jeder Codezeilen schreiben? Was wirklich gefragt ist

Carina Mentrup arbeitet in der Messehalle 2 in Hannover an der Zukunft. Carina ist 29 und studiert Englisch und Geografie auf Lehramt. Zur Messehalle ist sie für einen Hackathon gefahren, eine Wortschöpfung aus "Hack" und "Marathon". Pizzakartons liegen auf dem Boden, es riecht nach Kaffee und kaltem Schweiß: Auch wenn es hier aussieht wie am Tag nach einer Party – gefeiert hat niemand. Einige Teilnehmer haben extra Visitenkarten gedruckt und suchen nach Kontakten und Jobs, andere wollen lieber in Ruhe basteln, experimentieren und bauen. Mentrup ist eine von knapp 100 Teilnehmern. In kleinen Teams von bis zu sechs Leuten wollen sie an diesem Wochenende Anfang Dezember virtuelle Welten erschaffen – sogenannte Virtual Realities, kurz VR – und brainstormen und programmieren.

Was hat Carina Mentrup, die angehende Lehrerin, auf einem Hackathon zu suchen? Stimmt schon: Wer jetzt in den Beruf einsteigt und etwas von IT versteht, hat gute Chancen. Kaum eine Gruppe umwerben viele Firmen derzeit so stark wie jene Absolventen, die Informatik studiert haben und sich für Apps und neue Technologien interessieren. Denn der IT-Markt wächst so schnell wie kaum eine andere Branche: Um neun Prozent ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze 2016 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, meldet die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Studie "Arbeitsmarkt für Akademiker". Der Branchenverband Bitkom spricht sogar von einem Anstieg um fast 20 Prozent bei offenen Stellen im Vergleich zum Vorjahr.

Muss jetzt jeder in seiner Freizeit programmieren lernen?

Schon seit Jahren wird von der Digitalisierung gesprochen und wie sie Unternehmen verändert. Aber inzwischen sind damit nicht mehr nur Apple oder Google gemeint, sondern auch der deutsche Mittelstand. Heute brauchen nicht mehr nur große Soft- oder Hardware-Unternehmen Entwickler und Programmierer für neue Technologien, sondern fast jede Firma. Sogar viele Gärtnereien, zum Beispiel, haben eine Internetseite, viele Firmen brauchen eine App oder einen Onlineshop, um im Markt konkurrenzfähig zu bleiben.

Das soziale Netzwerk LinkedIn gab 2015 eine Studie in Auftrag, für die rund 300 Geschäftsführer und Personaler in Deutschland befragt wurden. Sie zeigte, dass das "Verständnis für Programmierung" eine der wichtigsten Kompetenzen von Arbeitnehmern ist, die auch in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird.

Also gilt das auch für BWLer, Geisteswissenschaftler, Lehramtsstudentinnen wie Carina Mentrup? Muss jetzt jeder in seiner Freizeit mit YouTube-Tutorials programmieren lernen?

Die Unternehmen wollen junge Talente, die digital denken

Auf dem Hackathon in Hannover bekommt man eine Ahnung vom Arbeitsmarkt der Zukunft. Zunächst bestätigt sich: Es gibt zurzeit viele Unternehmen, die Sorgen haben, geeignete Mitarbeiter zu finden. Daran verdienen Personaldienstleister wie etwa Young Targets. Und das macht Veranstaltungen wie diese überhaupt erst möglich: Die Berliner organisieren auch Hackathons und andere Events, zu denen sie IT-Interessierte einladen. Von den teilnehmenden Firmen lassen sie sich dafür bezahlen. Auch in der Messehalle in Hannover versuchen traditionelle Unternehmen wie die Deutsche Bahn oder der Energiekonzern Vattenfall zwischen ausgerollten Schlafsäcken und Laptops ihren Platz zu finden. Sie schicken Mitarbeiter und zahlen den Veranstaltern des Hackathons mehrere Tausend Euro dafür, dass auch sie ihre Projekte vorstellen und T-Shirts mit Firmenlogo verteilen dürfen. Sie wollen junge Talente finden, die am besten nicht nur Befehle in Programmiersprachen beherrschen, sondern digital denken und mit viel Spaß und wenig Schlaf Projekte entwickeln wollen. Carina Mentrup möchte für ihre Masterarbeit eine virtuelle Welt entwerfen. Schüler der Unterstufe sollen darin sehen und verstehen, welche Auswirkungen ein zu hoher Plastikkonsum hat – auf die Weltmeere und das Leben eines Fisches.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

Sie schlägt also ein digitales Projekt vor, ohne selbst programmieren zu können. Und das ist hier auch gar nicht notwendig: Wie die anderen Teilnehmer hat Carina zu Beginn des Hackathons ihre Idee vor allen gepitcht. Für die VR-App zur Umweltbildung konnte sie fünf Teilnehmer gewinnen, die gemeinsam mit ihr versuchen, die Idee an diesem Wochenende umzusetzen. Da sind Daniel, Christian und Lukas, die ihr Geld als selbstständige Programmierer verdienen und einfach aus Spaß mitarbeiten. Da sind auch Joke, der Umweltingenieurwesen studiert, und Martin, der Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert. Programmieren kann also nur die Hälfte der Gruppe, aber das scheint nicht wichtig, weil auch andere Fähigkeiten gebraucht werden: Einer muss das Team koordinieren und Ideen sammeln.

"Ich bin keine Technikexpertin", sagt Carina. Sie sei aber von neuen Technologien fasziniert und habe die Hoffnung, dass das Lernen mit Virtual Reality für Kinder manchmal spannender sei, als bloß Arbeitszettel im Unterricht auszufüllen. Manchmal habe sie sich an diesem Wochenende aber schon komisch gefühlt: Sie habe ja noch ein iPhone 4, sagt sie schmunzelnd.

"Nicht jeder muss coden können"

Schon vor vier Jahren warb Barack Obama für die Hour of Code, eine NGO, die möglichst viele Menschen auf der Welt für Informatik und das Programmieren begeistern möchte. In Onlinekursen und Workshops können Kinder und Erwachsene coden lernen. In Deutschland gründeten Thomas Bendig, Geschäftsführer des Fraunhofer-Verbundes für Informations- und Kommunikationstechnologie, und Journalist Ranga Yogeshwar den Arbeitskreis "Jeder kann programmieren".

Im vergangenen Jahr fanden in Deutschland mehrere Dutzend Hackathons statt. Sogar das Bundesverkehrsministerium richtete Anfang Dezember einen solchen Wettbewerb aus. Der Slogan: "Unsere Daten. Deine Ideen." Der Deal: Die Programmierer und Entwickler haben Spaß und können Neues ausprobieren, Firmen können Ideen abgreifen und talentierte Studenten kennenlernen. In einem Beitrag von McKinsey heißt es, dass Hackathons die Möglichkeit bieten, den digitalen Wandel in großen Unternehmen und Organisationen zu beschleunigen.

Erst im Oktober vergangenen Jahres verabschiedete Bundesbildungsministerin Johanna Wanka den sogenannten Digital-Pakt: Damit sollen in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro in die digitale Ausstattung von Schulen gesteckt werden. Das Ziel: Kinder sollen das Programmieren bereits im Unterricht in der Grundschule lernen wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Carina Mentrup wünscht sich, dass die Technikbegeisterung die Kinder beim Lernen motiviert. "Das ist ein wichtiger Schritt, die Schüler auf die digitalisierte Zukunft vorzubereiten", sagt sie.

"Virtual Reality-Videos wirken stärker als jedes Werbeposter"

In den Messehallen blickt Carina einem Programmierer prüfend über die Schulter. Während sie sonst in Vorlesungen sitzt, arbeitet sie in Hannover an der Optimierung einer virtuellen Welt. "Kannst du mehr Verpackungsmüll auf den Küchentisch legen?", fragt sie. Mit ein paar Klicks und Codes erscheinen Plastiktüten und Folien auf dem Bildschirm.

"Nicht jeder muss coden können"

Am Nachbartisch: Mitarbeiter des Energiekonzerns Vattenfall. Das Unternehmen hat die App "Smart Home" für die Steuerung von Licht, Heizung oder einer Überwachungsanlage entwickelt, die mit speziellen Geräten mit dem WLAN verbunden werden können. Mit einem Team aus Designern und Programmierern möchte Vattenfall einen VR-Film entwickeln. "Der Film hilft dabei, Technik für Konsumenten emotional erfahrbar zu machen", sagt Ivan Polunic, Produktmanager bei Vattenfall. Das heißt: Wer als potenzieller Vattenfall-Kunde eine VR-Brille aufsetzt und sieht, wie man ein Haus vor Einbrechern schützen kann, soll dadurch lernen, wie hilfreich solche Entwicklungen sein könnten. Das wirke stärker als jedes Werbeposter, sagt Polunic und hofft, dass VR-Werbung die Wahrscheinlichkeit für einen Kauf erhöht. Auch er möchte wie Carina Mentrup am Ende des Hackathons mit einem fertigen Produkt zurück in sein Büro fahren – und mit einen Stapel Visitenkarten.

Unternehmen suchen Mitarbeiter, die sich mit dem "Internet der Dinge" auskennen – darauf deutet eine Studie des IT-Beratungsunternehmens Capgemini von 2015 hin, für die 153 Firmen befragt wurden. Gesucht werden also Leute, die sich mit einer internetfähigen Waschmaschine auskennen oder App-Ideen für mobile Geräte entwickeln können. Und Leute wie Carina Mentrup, die eher auf Nutzbarkeit achten und Einfälle aus einem anderen Berufsfeld mitbringen.

Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, ist davon überzeugt, dass es Mitarbeiter braucht, die beide Welten verstehen: "Davon auszugehen, dass Hochschulabsolventen nur noch einen Job bekommen, wenn sie programmieren können, ist übertrieben", sagt er. Für die Studie "Wirtschaft 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Ökonomie" hat er analysiert, welche Arbeitsplätze in Zukunft wegfallen und welche neu entstehen werden. "Nicht jeder muss coden können", sagt Weber, "aber jeder sollte verstehen, wie der eigene Beitrag mit der gesamten Wertschöpfung über Computersysteme verknüpft ist."

Einige Wochen nach dem Hackathon in Hannover hat Carina Mentrup zwar beschlossen, ihre Masterarbeit noch fertig zu schreiben, aber unmittelbar danach als Referendarin an einer Schule unterrichten möchte sie nicht. Stattdessen hat sie jetzt ein neues Ziel: Sie will sich selbstständig machen, ihre Fähigkeiten nutzen und ein Büro für die Entwicklung von VR-Apps gründen, die Kindern und Jugendlichen im Unterricht beim Lernen helfen. Am Businessplan schreibt sie gerade.