Schon vor vier Jahren warb Barack Obama für die Hour of Code, eine NGO, die möglichst viele Menschen auf der Welt für Informatik und das Programmieren begeistern möchte. In Onlinekursen und Workshops können Kinder und Erwachsene coden lernen. In Deutschland gründeten Thomas Bendig, Geschäftsführer des Fraunhofer-Verbundes für Informations- und Kommunikationstechnologie, und Journalist Ranga Yogeshwar den Arbeitskreis "Jeder kann programmieren".

Im vergangenen Jahr fanden in Deutschland mehrere Dutzend Hackathons statt. Sogar das Bundesverkehrsministerium richtete Anfang Dezember einen solchen Wettbewerb aus. Der Slogan: "Unsere Daten. Deine Ideen." Der Deal: Die Programmierer und Entwickler haben Spaß und können Neues ausprobieren, Firmen können Ideen abgreifen und talentierte Studenten kennenlernen. In einem Beitrag von McKinsey heißt es, dass Hackathons die Möglichkeit bieten, den digitalen Wandel in großen Unternehmen und Organisationen zu beschleunigen.

Erst im Oktober vergangenen Jahres verabschiedete Bundesbildungsministerin Johanna Wanka den sogenannten Digital-Pakt: Damit sollen in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro in die digitale Ausstattung von Schulen gesteckt werden. Das Ziel: Kinder sollen das Programmieren bereits im Unterricht in der Grundschule lernen wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Carina Mentrup wünscht sich, dass die Technikbegeisterung die Kinder beim Lernen motiviert. "Das ist ein wichtiger Schritt, die Schüler auf die digitalisierte Zukunft vorzubereiten", sagt sie.

"Virtual Reality-Videos wirken stärker als jedes Werbeposter"

In den Messehallen blickt Carina einem Programmierer prüfend über die Schulter. Während sie sonst in Vorlesungen sitzt, arbeitet sie in Hannover an der Optimierung einer virtuellen Welt. "Kannst du mehr Verpackungsmüll auf den Küchentisch legen?", fragt sie. Mit ein paar Klicks und Codes erscheinen Plastiktüten und Folien auf dem Bildschirm.

"Nicht jeder muss coden können"

Am Nachbartisch: Mitarbeiter des Energiekonzerns Vattenfall. Das Unternehmen hat die App "Smart Home" für die Steuerung von Licht, Heizung oder einer Überwachungsanlage entwickelt, die mit speziellen Geräten mit dem WLAN verbunden werden können. Mit einem Team aus Designern und Programmierern möchte Vattenfall einen VR-Film entwickeln. "Der Film hilft dabei, Technik für Konsumenten emotional erfahrbar zu machen", sagt Ivan Polunic, Produktmanager bei Vattenfall. Das heißt: Wer als potenzieller Vattenfall-Kunde eine VR-Brille aufsetzt und sieht, wie man ein Haus vor Einbrechern schützen kann, soll dadurch lernen, wie hilfreich solche Entwicklungen sein könnten. Das wirke stärker als jedes Werbeposter, sagt Polunic und hofft, dass VR-Werbung die Wahrscheinlichkeit für einen Kauf erhöht. Auch er möchte wie Carina Mentrup am Ende des Hackathons mit einem fertigen Produkt zurück in sein Büro fahren – und mit einen Stapel Visitenkarten.

Unternehmen suchen Mitarbeiter, die sich mit dem "Internet der Dinge" auskennen – darauf deutet eine Studie des IT-Beratungsunternehmens Capgemini von 2015 hin, für die 153 Firmen befragt wurden. Gesucht werden also Leute, die sich mit einer internetfähigen Waschmaschine auskennen oder App-Ideen für mobile Geräte entwickeln können. Und Leute wie Carina Mentrup, die eher auf Nutzbarkeit achten und Einfälle aus einem anderen Berufsfeld mitbringen.

Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, ist davon überzeugt, dass es Mitarbeiter braucht, die beide Welten verstehen: "Davon auszugehen, dass Hochschulabsolventen nur noch einen Job bekommen, wenn sie programmieren können, ist übertrieben", sagt er. Für die Studie "Wirtschaft 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Ökonomie" hat er analysiert, welche Arbeitsplätze in Zukunft wegfallen und welche neu entstehen werden. "Nicht jeder muss coden können", sagt Weber, "aber jeder sollte verstehen, wie der eigene Beitrag mit der gesamten Wertschöpfung über Computersysteme verknüpft ist."

Einige Wochen nach dem Hackathon in Hannover hat Carina Mentrup zwar beschlossen, ihre Masterarbeit noch fertig zu schreiben, aber unmittelbar danach als Referendarin an einer Schule unterrichten möchte sie nicht. Stattdessen hat sie jetzt ein neues Ziel: Sie will sich selbstständig machen, ihre Fähigkeiten nutzen und ein Büro für die Entwicklung von VR-Apps gründen, die Kindern und Jugendlichen im Unterricht beim Lernen helfen. Am Businessplan schreibt sie gerade.