Die Professorin Jana Revedin will das Zusammenleben in Städten verbessern. Sie forschte in Slums und Sozialbauten. Richtig schlimm fand sie nur Berlin-Mitte.

Gentrifizierung, Flüchtlingsheime, bezahlbarer Wohnraum: über die Zukunft der Städte wird gerade viel gestritten. Wie wollen wir zusammenleben? Und wie schaffen wir es, dass nicht nur Investoren und Politiker darüber entscheiden, sondern alle, die betroffen sind? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Jana Revedin. Die Architekturprofessorin ist nicht nur Theoretikerin, sondern arbeitet als Planerin auch praktisch daran, Städte zu verbessern, etwa in Brasilien, Marokko oder Frankreich. Geboren wurde sie in Konstanz am Bodensee, heute lebt sie in Paris. In ihrer Uni arbeiten die Studenten gerade an ihren Abschlussprojekten. Ein ruhiges Gespräch dort? Unmöglich. Zur Sprechstunde treffen wir sie deshalb um die Ecke, in einem kleinen Bistro an der Rue Daguerre. Es ist später Nachmittag. Jana Revedin atmet durch. Und bestellt – très français! – erst mal ein kleines Glas Weißwein.

ZEIT CAMPUS: Frau Revedin, Sie denken über die Städte der Zukunft nach, beziehen sich dabei aber auch auf Ideen, die aus der Vergangenheit stammen, aus der Weimarer Republik. Warum?

Jana Revedin: Weil die damalige Reformarchitektur visionär war und wirklich avantgardistisch! Es ging ihr darum, die Gesellschaft durch ökologische und humanistische Werte zu erneuern. Die moderne Architektur der Weimarer Republik war nämlich nicht weißgewaschen, leer und abgehoben, wie heute viele denken. Stattdessen wollte sie den Menschen ein sinnvolles, gesundes und gemeinschaftliches Leben in der Stadt ermöglichen.

ZEIT CAMPUS: In Deutschland scheint das vergessen worden zu sein.

Revedin: Womöglich. Der Nationalsozialismus instrumentalisierte diesen Ansatz – man musste ihn nach dem Krieg zusammen mit der Nazi-Ideologie erst mal beerdigen. Theorien, die an diese Tradition anknüpfen, werden seitdem eher in den USA, in Italien oder in Skandinavien erarbeitet.

ZEIT CAMPUS: Was können wir von damals für die Städte von morgen lernen?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

Revedin: Max Weber wusste schon vor hundert Jahren, dass Lebensqualität nicht von der Dichte oder Größe einer Stadt abhängt, sondern von ihrer Mischung. Also davon, dass Menschen verschiedener Ethnien, kultureller Hintergründe und sozialer Klassen zusammenleben. Das wurde jedoch durch den radikalen Funktionalismus der Nachkriegszeit und seine Zonierungswut unmöglich gemacht.

ZEIT CAMPUS: Zonierungswut?

Revedin: Als man nach dem Zweiten Weltkrieg die zerstörten Städte wieder aufbaute, griff man einen amerikanischen Trend auf: Das Auto galt als heilig, als Symbol von Fortschritt und Wohlstand. Also baute man die Städte so, dass sie autogerecht waren. Man teilte die Stadt in Zonen: arbeiten hier, leben da. So entstanden gespensterhafte Vorstädte und Trabantenstädte, von denen man mit dem Auto zum Arbeiten in die City pendelte. Die Mischung im Sinne Webers war Geschichte.

ZEIT CAMPUS: Das finden Sie falsch?

Revedin: Ja. Das war nicht nur für die Städte in Europa eine Bankrotterklärung, sondern vor allem für die Länder außerhalb Europas. Die Doktrin des Architekten Le Corbusier beispielsweise ging von Gegebenheiten aus, die er aus Mitteleuropa kannte, also der hiesigen Kultur, unserem Klima und unserer Geografie. Trotzdem wurden nach dieser Doktrin auch Städte in den Kolonien in Afrika und Übersee gebaut. Das entsprach gar nicht den Lebensumständen dort, die Menschen vor Ort wurden einfach ignoriert. Zum Glück gibt es jetzt eine Gegenbewegung. Ich nenne diesen Ansatz "radikant", das Gegenteil von "radikal".

ZEIT CAMPUS: Was meinen Sie damit?

Revedin: Architektur hat mit Experimentieren zu tun. Es geht darum, zunächst auf den Ort und auf die Menschen einzugehen. Eben nicht zu missionieren und zu kolonisieren, sondern nur dann als Planer aktiv zu werden, wenn eine Gemeinschaft, also eine Nachbarschaft oder ein Stadtviertel, dafür bereit sind. Radikantes Entwerfen verwurzelt sich im Ort, genau wie radikante Pflanzen, Efeu etwa, die viele kleine Wurzeln schlagen.