Viereinhalb Jahre lang sind Timo und Alicia, beide 23, ein Paar. Dann ist Schluss. Ganz aufeinander verzichten wollen sie trotzdem nicht. Wie fühlt sich das Wiedersehen als Freunde an?

Er

Fast hätte ich sie geküsst, aus Gewohnheit. Viereinhalb Jahre waren Alicia und ich zusammen gewesen. Eine Woche nach unserer Trennung traf ich sie wieder. Sie war für ein Praktikum nach Berlin gezogen und kam für eine WG-Party zurück nach Marburg. Alicia ist halb Kolumbianerin. Sie hat schöne dunkle Haare, die sie sich leider immer viel zu kurz schneidet. Ich fand sie schon immer attraktiv. Es war komisch, sie zur Begrüßung nur zu umarmen. Da habe ich gecheckt: Wow, wir sind nicht mehr zusammen.

Sie

Dass bei unserem Wiedersehen etwas laufen könnte, dachte ich nicht. Wir beide hatten die Trennung gewollt. Am Ende unserer Beziehung waren wir vor allem gute Freunde gewesen, haben zusammen Cartoons geschaut und sind voreinander auf Toilette gegangen. Timo hat sich kaum verändert, seit wir uns verliebt haben. Er hat noch die braunen Wuschelhaare und Rehaugen mit superlangen Wimpern, wie ein Teddybär. Aber ich fand ihn nicht mehr so anziehend. Mit ihm schlafen wollte ich nicht mehr.

Er

"Klar kannst du bei mir pennen", habe ich vor der WG-Party am Telefon zu ihr gesagt. Seit der Trennung, schrieben wir uns fast jeden Tag Nachrichten. Ich gab es nicht zu, aber ich wollte ihr nah sein.

Klar kannst du bei mir pennen, habe ich vor der Party zu ihr gesagt.

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Auf der Party haben Timo und ich uns super verstanden, über Witze gelacht und getanzt. Bis wir anfingen, über uns zu sprechen. Er war ziemlich betrunken. Und fing plötzlich an zu weinen.

Er

Ich glaube, ich war zehn Stunden auf der Party und vier davon habe ich geheult. Die Woche nach der Trennung war ich ständig feiern und habe Gedanken an Alicia verdrängt – so richtig klischeemäßig. Als ich sie wiedersah, war der Alles-egal-Trip mit einem Schlag vorbei.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

Sie

Ich versuchte Timo zu beruhigen, aber er kam gar nicht mehr runter. Irgendwann holte ich seine beste Freundin, damit sie sich um ihn kümmert. Weil ich merkte, dass ich ihn nicht trösten kann. Das war ein komisches Gefühl – wir waren schließlich die letzten Jahre immer füreinander da gewesen. Übernachtet habe ich nach der Party lieber bei einer Freundin statt bei Timo.

Er

Wir sind jetzt drei Monate getrennt. Seit ein paar Wochen wohnt Alicia wieder in Marburg. Wir sehen uns mehrmals pro Woche, lernen zusammen in der Bib oder kochen mit Freunden. Vor einer Weile waren wir auf einer Hochzeit eingeladen. Ich hab mich gefreut, Alicia dort zu treffen. Aber es war mir nicht so wichtig. Es hat mich diesmal auch nicht durcheinander gebracht wie auf der WG-Party. Irgendwann ist sie nach Hause gegangen, ich habe das erst viel später gemerkt. Klar, manchmal bin ich noch traurig. Oder habe den Impuls sie zu küssen, wenn ich sie begrüße. Aber mir geht es inzwischen richtig gut alleine. Abgesehen von dem Abend der WG-Party habe ich die Trennung nie infrage gestellt.

Sie

Ich habe mir für die Hochzeit extra ein rückenfreies blaues Kleid angezogen und meine Haare geglättet. Ich wollte schön aussehen – vor allem für Timo. Aber auf der Feier habe ich mich ziemlich alleine gefühlt. Timo hat mit vielen Frauen getanzt. Mit einigen schien er sehr eng zu sein, und ich kannte sie nicht einmal. Da habe ich gecheckt, dass ich nicht mehr die Hauptperson in seinem Leben bin. Und wie gut es ihm geht – ohne mich. Ich bin früh nach Hause gegangen und habe zum ersten Mal seit Längerem geheult. Manchmal denke ich: Vielleicht braucht man doch einen Cut, um voneinander loszukommen.

Ein Moment, zwei Perspektiven: ZEIT Campus-Redakteurin Laura Cwiertnia fragt für jede Ausgabe zwei Menschen unabhängig voneinander nach einem gemeinsamen Erlebnis. Auch was zu erzählen? Schreibt an: laura.cwiertnia@zeit.de