Mails schreiben, für Prüfungen lernen, im Job glänzen, den Haushalt schmeißen: Irgendwer noch nicht überfordert? Unsere Autorin ist losgezogen, um den Stress zu verstehen.

Die Physiotherapeutin nimmt meine Zunge zwischen beide Daumen und Zeigefinger und massiert mit leichtem Druck die Außenseiten. Bis auf das Rascheln ihrer violetten Plastikhandschuhe ist es still. Ich liege auf der Massagebank und halte meine Zunge rausgestreckt. Die Therapeutin gibt das Kommando: "Zungenspitze bitte an den Gaumen drücken", damit sie die Unterseite bearbeiten kann. "Öhö", gehorche ich und beobachte meine Füße, die am Ende der Liege nervös kreisen. In meinem Mund waren bisher nur die Finger von Zahnärzten. Oder meine eigenen, um Lakritze aus den Zähnen zu pulen. Aber das hier? Wie konnte es so weit kommen?

"Sie haben wohl Stress", hatte meine Zahnärztin ein paar Tage zuvor gesagt, als ich – die Überreste meiner Knirschschiene in der Hand – auf ihrem Behandlungsstuhl saß. Die Schiene hatte eine Nacht schwerer Kieferarbeit nicht überstanden und lag morgens in zwei Teile gebissen neben meinem Kopfkissen. Die Ärztin verschrieb mir zehn Stunden Physiotherapie gegen das Knirschen, samt Kiefer- und Zungenmassagen, die mich entspannen sollen, jetzt aber eigentlich nur noch mehr stressen.

Tweets, Whatsapp, Facebook, Kommentare und dann auch noch Selfies schießen

Immerhin: Ich habe kein exotisches Problem. An Stress leidet gefühlt jeder. Manche, weil sie erst drei Tage vor Abgabefrist nach einem Hausarbeitsthema suchen. Andere, weil sie auch nach Feierabend noch mit Arbeitsmails bombardiert werden. Und wieder andere, weil sie auf Tweets, WhatsApp und Facebook-Nachrichten reagieren müssen, auf Verlinkungen, Kommentare und Push-News, während sie nebenbei Selfies schießen.

Was meine Zähne zum Knirschen bringt, ist eine Mischung aus vielem: Deadlines für Artikel zum Beispiel. Neben dem Job studiere ich einen Master, für den ich meine Wochenenden opfere. Außerdem meine Treue zum chronisch abstiegsgefährdeten SV Werder Bremen. Und die Tatsache, dass ich bei schlechtem Wetter öffentliche Verkehrsmittel nutze und dabei gleichermaßen Stau, Sitzplatzmangel und herumschleudernde Rucksäcke auf Gesichtshöhe fürchte.

Die Physiotherapeutin nimmt die Finger aus meinem Mund und zieht einen dicken Speichelfaden mit. Geübt wickelt sie die zähe Spucke um ihren Zeigefinger und wischt ihn mit einem Taschentuch trocken. Es ist entwürdigend. Ich nehme mir vor, dass diese die letzte Physiotherapie ist, die sich in meinem Mund abspielt. Nur muss ich, um das Knirschen loszuwerden, die Ursache verstehen: Stress. Was passiert im Körper, wenn alles zu viel wird? Wann wird Stress gefährlich? Und was hilft dagegen?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/17.

Früherer Stressgrund: Die Dampflok fuhr zu schnell

Meine Recherche beginnt ganz altmodisch vor dem Bücherregal. Im Lexikon steht, dass Stress seinen Namen dem österreichisch-kanadischen Biochemiker Hans Selye verdankt. Bei all den Dokus und Artikeln über Burn-out kann der Eindruck entstehen, Stress sei ein Problem der letzten Jahre. Tatsächlich ist er viel älter. Selye ließ 1936 Versuchsratten schwitzen, frieren und hungern und beobachtete sie dabei. Den aufgebrachten Zustand, in den die Tiere gerieten, nannte er Stress. So kam der Name in die Welt.

Das Phänomen des Gestresstseins gab es aber schon vorher: Seit der industriellen Revolution wurde verstärkt von Menschen berichtet, die gereizt waren, übermüdet und erschöpft. Denen die neuen Dampfloks zu schnell fuhren und die Menschenmassen in Großstädten zu wuselig waren. Die der getaktete Arbeitsalltag in den Fabriken zermürbte. 1869 nannte der US-amerikanische Neurologe George M. Beard den Zustand dieser Menschen Neurasthenie – das ist Griechisch und heißt übersetzt Nervenschwäche. Man könnte auch sagen, sie war ein Vorfahre des Burn-out-Syndroms.

Ist es eine gute oder schlechte Nachricht, dass Stress schon meine Urgroßeltern belastete? Seitdem ist das Problem nur noch größer geworden: Die Weltgesundheitsorganisation erklärte Stress zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Berechnungen der Bundestherapeutenkammer zeigen, dass in Deutschland 4,5 Prozent der Fehltage anfallen, weil die Menschen an einem Burn-out-Syndrom leiden. Woran merkt man, dass man auf dem Weg ist, durch Stress krank zu werden? Bin ich als Knirscherin vielleicht schon gefährdet? Ich rufe jemanden an, der es wissen muss: Tobias Stächele, Leiter der Freiburger Stressambulanz.

41 Prozent stresst der Anspruch an sich selbst

Stächele kann mich beruhigen. Er sagt, mein Stress sei noch in einem verkraftbaren Bereich. Seine Beobachtung, dass Studenten beim Stress zu den Risikogruppen zählen, wird von mehreren Untersuchungen großer Krankenkassen bestätigt. Jeder zweite Student ist laut einer Umfrage der AOK gestresst, Frauen mehr als Männer, FHler mehr als Uni-Studenten. Tiermediziner leiden demnach am meisten, Sportstudenten am wenigsten. Laut einer Stressstudie der Techniker Krankenkasse gibt ein Viertel der Studenten an, den Stress mit üblichen Methoden wie etwa Übungen zur Muskelentspannung nicht mehr bewältigen zu können. 47 Prozent der Studenten und Berufstätigen nennen die Uni oder den Job als schlimmste Stressauslöser. Gleich an zweiter Stelle kommt mit 41 Prozent der hohe Anspruch an sich selbst. Klar! Was will man zwischen 20 und 30 nicht alles schaffen! Es geht um Entscheidungen, die das ganze Leben prägen: Was will ich arbeiten? Und wo? Soll ich Geld für eine Eigentumswohnung oder eine Weltreise zur Seite legen? Will ich Kinder? Mit wem? Und wann?

Interview mit Dipl. Psychologe Dr. Tobias Stächele

ZEIT Campus: Herr Stächele, wie helfen Sie jemandem wie mir, der seinen Stress loswerden will?

Tobias Stächele: Zunächst stellen wir fest, wie ernst es ist. In einem ersten Gespräch würde ich Sie zum Beispiel fragen: Was stresst Sie?

ZEIT Campus: Deadlines. Und die Angst, dass mein Chefredakteur diesen Text undruckbar findet.

Stächele: Dahinter steckt der Gedanke: "Ich bin nicht gut genug." Selbstzweifel sehen wir bei vielen Patienten – übrigens besonders oft bei Frauen. Die Betroffenen fürchten oft gar nicht, durch eine Prüfung zu fallen, sondern sie nicht herausragend zu bestehen. Sie haben hohe Ansprüche. Wo würden Sie Ihren Stress auf einer Skala von 0 bis 10 einordnen?

ZEIT Campus: Im Schnitt bei 7, manchmal 8.

Stächele: Grob gesagt kommt man bis 7 zurecht, solange diese Phasen kurz sind und danach Entspannung folgt.

ZEIT Campus: Drüber wird’s gefährlich?

Stächele: Es gibt keinen eindeutigen Maßstab, wann Stress vom Alltagsphänomen zur Krankheit wird. Wer mal ein paar Tage nicht gut einschläft, braucht noch keine Therapie. Wenn die Symptome bleiben, obwohl der Stress vorbei ist, schon eher. Stresssymptome zeigen an, dass der Körper eine Pause braucht. Menschen, die etwa ein Burn-out bekommen, haben diese Warnungen zu lange missachtet und könnten ernsthaft krank werden.

ZEIT Campus: Wer sucht Hilfe bei Ihnen?

Stächele: Menschen, die mit dem Stress nicht mehr klarkommen. Der Selbstständige Mitte 40, den das Arbeitstempo der jungen Konkurrenten überfordert. Berufseinsteiger, die sich fragen, wie sie dem Druck standhalten sollen. Und Studenten.

ZEIT Campus: Was überfordert Studenten?

Stächele: Vor allem Klausuren und Abschlussarbeiten. Und das Leben drum herum. Neben der Uni noch die Zukunft planen, Trennungen verarbeiten, Berufsziele suchen.

ZEIT Campus: Wie können Sie helfen?

Stächele: Kurz vor der Prüfung etwa mit Übungen zur Muskelentspannung. Mit Studenten, die vorsorglich kommen, erarbeiten wir verschiedene Strategien wie Lernpläne. Wichtig sind die Erholungsphasen.

ZEIT Campus: Welchen Tipp haben Sie für mich?

Stächele: Sie sollten sich auch unter Zeitdruck ein paar Minuten für sich nehmen: für einen kurzen Spaziergang oder Kaffee mit einer Freundin. Aber bitte nicht über die stressige Arbeit reden!