Unsere Autorin ist mit der Fernsehserie "Mensch, Pia!" aufgewachsen. Pia, gespielt von Alexandra Maria Lara, war ein Vorbild für sie und fast wie eine Freundin. Jetzt treffen sich der Fan und die Schauspielerin. Können sie Freundinnen sein, ganz in echt?

Als ihr kleiner Bruder stirbt, ist Pia in der Schule. Sie fährt ins Krankenhaus, da liegt er noch in seinem Bett. Er ist ganz weiß. Am Bett hängt das rote Luftballonherz, das Pia ihm am Vortag mitgebracht hat. Er hatte einen Hirntumor. Ihre Mutter starrt aus dem Fenster. "Warum ausgerechnet er?", fragt die Mutter. Pia zieht die Schultern hoch und geht.

Ich kenne Pia seit dem Sommerurlaub auf Rügen. Ich war zehn, sie 16. Es regnete drei Wochen lang durch, mein kleiner Bruder und ich spielten ein bisschen in den Dünen, ansonsten langweilten wir uns. Fernsehen war bei uns zu Hause immer tabu gewesen, aber in diesem Urlaub durften wir jeden Tag eine Stunde gucken. Um 19.25 Uhr lief im ZDF die Vorabendserie Mensch, Pia!. Jeder Tag war ein guter Tag, wenn abends wieder Pia kam. Ich war mehr als ein Fan: Ich wünschte mir eine Freundin, die so war wie Pia. Und ich wollte selbst Pia sein. Obwohl Pia es schwer hat, viel schwerer, als ich es je hatte.

Die erste Folge von Mensch, Pia! endet mit der Szene im Krankenhaus. Aber auch in der zweiten Folge wird es nicht besser: Nach dem Tod des Bruders flieht ihr Vater, gespielt von Henry Hübchen, in die Arme seiner Geliebten. Die Mutter ist zu unglücklich, um auch noch für die Tochter da sein zu können. Und Pias Freund Noah verabschiedet sich für eine Reise nach Südamerika. Als Pia in der Schule beinahe sitzen bleibt, schicken ihre Eltern sie kurzerhand auf das Internat Martinsrode.

Pia ist allein. Aber Pia ist cool. Sie ist schön, sie trägt zu große Pullover und darüber lässige Sakkos, und sie ist selbstbewusst. Egal, wie scheiße alles läuft, Pia sagt, was sie denkt. Als ein Mitschüler an einer Überdosis Ecstasy stirbt und ihre Freundin Katja von der Schule fliegt, weil sie schwanger ist, sagt Pia dem Schulleiter, er habe versagt. Sie selbst nimmt keine Drogen und wird auch nicht schwanger.

Pia war mein Vorbild. Ich wollte so aussehen wie sie, und ich wollte sogar in ihrer Haut stecken, nur um so cool reagieren zu können wie sie. Die DVD-Box zur Serie habe ich mir erst mit 20 gekauft, noch heute denke ich an Pia, wenn ich einen Schlabberpulli unterm Sakko trage, und fühle mich sicher.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/17.

Gespielt wurde Pia von Alexandra Maria Lara, es war ihre erste große Rolle. Heute ist die Schauspielerin 38 Jahre alt und eine Karrierefrau: In Der Untergang spielte sie die Hitler-Sekretärin Traudl Junge, in Frankreich drehte sie mit Gérard Depardieu, in England arbeitete sie mit dem Regisseur Anton Corbijn und in Rumänien mit Francis Ford Coppola. Gerade ist sie in You Are Wanted zu sehen, der Amazon-Prime-Serie, die Matthias Schweighöfer produziert hat. Alexandra Maria Lara ist eine der großen deutschen Schauspielerinnen. Trotzdem weiß man kaum mehr über sie, als dass sie mit dem Schauspieler Sam Riley verheiratet ist und einen dreijährigen Sohn hat. Sie mag keine Partys, sonst wäre sie öfter in der Gala. Interviews gibt sie selten.

Mir kommt es so vor, als würden wir uns kennen. Klar weiß ich: Rolle und Schauspieler sind nie die gleiche Person. Da spielt jemand nur. Aber doch hofft man ja, dass man den Schauspieler kennt, wenn man ihn im Film gesehen hat. Dass Alexandra Maria Lara mir genauso nah ist wie Pia.

"Ich freu mich so"

20 Jahre nach den verregneten Sommerferien auf Rügen verabrede ich mich mit Alexandra Maria Lara zu einem Treffen. Ich will die Frau kennenlernen, die ich schon so lange bewundere. Wir treffen uns in der Fischerhütte, einem Restaurant am Schlachtensee in der Nähe von Berlin. Zusammen wollen wir Mensch, Pia! gucken, so haben wir es ausgemacht.

Es ist ein klarer Montagmorgen, kurz vor zehn Uhr. Ich schaue in die Fischerhütte, sie ist noch nicht da, ich gehe die Stufen runter zum See, wieder rauf, checke im Handy, ob mein Lippenstift sitzt, wie vor einem Date. Ich drehe mich um, da ist sie. "Hallo Leonie, ich bin die Alex, ich freu mich so!", sagt sie.

Sie hat eine rote Nase von der Kälte und trägt einen dunkelblauen Parka zu Ugg-Boots, ihr braunes Haar ist unter der Ringelmütze offen. Ich bin verwirrt: Alex ist ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Sie ist kleiner als ich und viel zarter. Ihr Gesicht ist schmaler als im Fernsehen. Sie ist schön, aber keine Frau, die sofort auffällt. Plötzlich habe ich Sorge, dass wir uns nicht verstehen.

Wenn Journalisten auf Prominente treffen, gibt es manchmal Interviews, bei denen absolut nichts Zwischenmenschliches entsteht und man sich streng an den Fragenkatalog hält. Und manchmal entwickeln sich so gute persönliche Gespräche, dass man sich danach am liebsten zum Wein verabreden würde. Man kann das vorher nicht planen. Aber welche Art Gespräch es wird, zeigt sich meistens schon in den ersten Sekunden nach dem Zusammentreffen.

Ein Selfie: Alexandra Maria Lara (rechts) und die Autorin heute © privat

Alex hat gute Laune, sie strahlt und sagt noch mal, sie freue sich "soooo sehr". Sie sei gar nicht stolz auf die Serie. Aber hin und wieder würden sie ganz tolle Frauen auf Pia ansprechen. Neulich erst die Frau von Daniel Brühl. Jetzt ich. "Wahnsinn!", sagt sie. Wir gehen ins Restaurant. "Du willst auch noch was frühstücken, oder, Leonie?", fragt sie. Wir bestellen beide zwei Eier im Glas, frischen Orangensaft und Cappuccino. "Bestell ich immer", sagt sie. "Ich auch", sage ich. Unser erster Freundinnenmoment!