Wutbürger zähmen, Klagen abwenden und in "5-D" planen: Was Bauingenieure heute alles können müssen

ZEIT Campus: Herr Spang, der Bau des Berliner Flughafens verzögert sich immer wieder, bei der Hamburger Elbphilharmonie war es ähnlich. Warum kommen große Bauprojekte oft nur so schleppend voran?

Konrad Spang: Wir haben in Deutschland ein Baurecht, durch das Bürger bei der Planung so intensiv beteiligt werden wie in kaum einem anderen Land. Ein Beispiel dafür ist die Fehmarnbeltquerung – ein geplanter Tunnel unter der Ostsee zwischen Dänemark und Deutschland. Während sich das dänische Parlament vor knapp zwei Jahren dafür entschieden hat, läuft bei uns noch immer ein Planfeststellungsverfahren mit Einsprüchen und Klagen. Früher gab es keine EU-Umweltnormen, kein Klagerecht, keine Bürger, die überall mitreden wollten.

ZEIT Campus: Dass nicht einfach über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden wird, ist doch gut, oder etwa nicht?

Spang: Das stimmt. Es gab aber in den vergangenen Jahren auch einige schlimme Unfälle in Tunneln, weshalb Regelwerke und Brandschutz für Tunnelbauwerke aufgerüstet wurden. All das hat Großprojekte transparenter und sicherer gemacht, aber auch komplexer und teurer. Und leider wachen viele Bürger erst dann auf, wenn der Bagger schon vor der Haustür steht. Was zum Beispiel die Stuttgart-21-Gegner bemängeln, wurde zuvor in Beteiligungsverfahren jahrelang diskutiert.

ZEIT Campus: Was bedeuten diese Veränderungen für Hochschulabsolventen, die in Bauprojekten arbeiten wollen?

Spang: Dass heute neben fachlichen Kenntnissen auch Kommunikation und Bereitschaft zur Transparenz eine ganz wichtige Rolle spielen. Je stärker ein Projekt in die Umwelt und das öffentliche Leben eingreift, desto mehr müssen Sie kommunizieren.

ZEIT Campus: Welche Fähigkeiten sind sonst noch besonders wichtig?

Spang: Computer spielen eine zentrale Rolle – ohne IT können Sie keine Brücke mehr planen. Die Bedeutung des sogenannten Building Information Modelling hat zugenommen. Dabei wird 3-D-Technik mit einer vierten Dimension, der Zeit, und einer fünften, den Kosten, verbunden. So kann man den Bauprozess in "5-D" abbilden.

ZEIT Campus: Muss man ein IT-Nerd sein, um auf dem Bau zu bestehen?

Spang: Nein. Großprojekte erfordern einen ganzheitlichen Ansatz – also auch Kenntnisse in Recht und in der Betriebswirtschaft. Und eben in Öffentlichkeitsarbeit, um die Bürger und Kritiker von einem Vorhaben zu überzeugen.

ZEIT Campus: Sind Bauingenieure heute eher Manager als Techniker?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/17.

Spang: Ja, die Kosten im Blick zu behalten ist ein elementarer Teil des Jobs. Bei öffentlichen Bauaufträgen bekommt das Unternehmen den Zuschlag, das nicht zwingend die technisch beste Lösung liefert, sondern das wirtschaftlichste Angebot macht.

ZEIT Campus: Ist das noch ein Traumjob?

Spang: Der Bauingenieurberuf ist vor allem bei Großbaustellen ein Traumjob mit viel Stress und wenig Freizeit. Wer einen Beruf sucht, in dem man viel gestalten kann und Verantwortung trägt, für den kann das gut funktionieren.

ZEIT Campus: Können Bauingenieure bei Großprojekten schnell aufsteigen?

Spang: Die Nachfrage nach breit und gut ausgebildeten Bauingenieuren wächst. Wer Karriere machen will, muss aber bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, ein Team zu leiten und vielleicht auch mal in eine andere Stadt zu ziehen. Das betrifft gerade Bauingenieure, denn anders als Autobauer müssen sie in der Regel dorthin, wo das nächste Projekt wartet.