Architekt, Projektmanager, Richtmeister: Wem Ingenieure auf Großbaustellen alles begegnen – und wie die Zusammenarbeit gelingt. Vier Berichte

Der Richtmeister

"Als Richtmeister trage ich die Verantwortung dafür, dass bei einer Großbaustelle alle Vorschriften von den Bauarbeitern eingehalten werden. Ich erkläre ihnen zum Beispiel, wo sie schweißen sollen. Damit ich alle Informationen richtig weitergeben kann, spreche ich jeden Morgen mit dem Bauleiter. Wir gleichen ab, wie der Bau vorankommt und wo es noch Probleme gibt. Die Baupläne, die die Ingenieure konstruiert haben, sehe ich mir genau an und schlage manchmal Alternativen vor. Die meisten Ingenieure nehmen das gerne an. Der Austausch ist wichtig. Auch ich lerne nach 17 Jahren im Brückenbau noch dazu, besonders was den technischen Fortschritt betrifft. Die Arbeitsabläufe dagegen kenne ich viel besser. Wenn zum Beispiel auf einer Autobahnbrücke das Regenwasser stehen bleibt, ist das gefährlich. Wir sagen den Ingenieuren dann, dass ihr Plan nicht funktioniert. Auch mit sogenannten Hilfskonstruktionen, den vorläufigen Trägern einer Brücke, gibt es immer wieder ein Hin und Her. Die Ingenieure entwerfen diese oft zu schmal. Ich sage dann: Wir brauchen mehr Luft zum Arbeiten, sonst geht das nicht weiter. So ein Austausch klappt nur, wenn die Abläufe sitzen. Als Ingenieur muss man wissen, wie es auf der Baustelle läuft, sich hineindenken in die Leute, die einen Entwurf bauen. Das ist auch eine Frage der Motivation. Die Ingenieure in meinem Alter fahren oft und gerne auf die Baustelle. Bei vielen Jüngeren muss man hinterherlaufen, damit sie alle vier Wochen mal vorbeischauen. Hätten sie vor ihrem Abschluss an der Uni ein oder zwei Jahre auf dem Bau verbracht, würden ihnen bestimmt einige Arbeitsschritte leichterfallen."

Horst Lange, 58, Richtmeister beim Bau des Hochmoselübergangs, angestellt bei der SEH Engineering GmbH.

Die Projektmanagerin

"Bei der Fehmarnbeltquerung – einem geplanten Tunnel unter der Ostsee zwischen Dänemark und Deutschland – befinden wir uns gerade im sogenannten Planfeststellungsverfahren. Das heißt, die Auswirkungen des Baus für Anwohner, Verkehrsteilnehmer und Umwelt müssen abgewägt und das Projekt muss genehmigt werden. Die Navigationssicherheit für Schiffe rund um die Baustelle wird zum Beispiel gerade diskutiert. Ich arbeite an der Schnittstelle zwischen dem Planerteam, also den Ingenieuren, und der Öffentlichkeit. Wir haben knapp 12.600 Anliegen von Bürgern, Verbänden und Behörden bearbeitet, die alle einzeln geprüft werden. Wenn zum Beispiel ein Bürger sich beschwert, weil er ein erhöhtes Verkehrsaufkommen befürchtet, geben wir sein Schreiben an unterschiedliche Experten im Haus weiter: Juristen, Verkehrsplaner und Biologen. Was die dazu sagen, berücksichtigen wiederum die Ingenieure in ihren Bauplänen, bevor es zurück an eine Behörde und danach an die Öffentlichkeit geht. Bei so einem großen Projekt verliert man leicht die Tunnelnutzer aus dem Auge. So stellen sich die Planer jeden Tag wieder neu die Frage: Für wen baue ich das hier? Ich selbst bin Politologin und komme aus der Öffentlichkeitsarbeit. Durch den ständigen Austausch mit Ingenieuren kann ich inzwischen den Unterschied zwischen Bohr- und Absenktunnel erklären und einen beliebigen Bauplan zwar nicht selber zeichnen, aber verstehen. Ich will immer alles ganz genau wissen, um es später möglichst gut vereinfachen zu können. Viele Ingenieure freuen sich darüber."

Stefanie Knörck, 32, hat European Studies studiert. Derzeit arbeitet sie bei Femern A/S und absolviert einen Executive MBA.

Der Architekt

"Wer große Bauwerke schaffen will, muss neugierig und offen für alles sein, egal in welcher Position er arbeitet. Wir als Architekten verlangen von Ingenieuren stets, dass sie ausreizen, was technisch möglich ist. Es ist enorm wichtig, dass wir möglichst von Anfang an zusammenarbeiten. Das darf ruhig auch einmal kontrovers laufen. Oft spielt man eine Art Pingpong: Wir provozieren mit einem Vorschlag eine Reaktion der Ingenieure, gehen anschließend wieder darauf ein – und so weiter. So lernen Architekten von Ingenieuren und umgekehrt. Am Ende geht es immer um die Sache. An die müssen alle glauben, auch wenn es manchmal hakt. Und: Man muss so oft wie möglich gemeinsam an einem Tisch sitzen, am besten auch mit derselben Software arbeiten. Ein Beispiel für gute Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und meinem Architekturbüro ist die Statik der Elbphilharmonie: Während des Projekts haben wir uns mit den Ingenieuren zeitweise sogar ein Büro geteilt. Ich schätze Ingenieure, die unkonventionell denken, besonders auch in Sachen Nachhaltigkeit. Solarzellen kann man immer irgendwo draufkleben. Bei einem Bau in Abu Dhabi haben wir mal mit unterirdischen Windkanälen gearbeitet, durch die Luft quasi natürlich gekühlt ins Gebäude geleitet wird. Simpel, aber effektiv. Auf so etwas würde ich nicht von allein kommen. Das Klischee, Architekten dächten nur an die Ästhetik und Ingenieure seien Techniknerds, ist überholt. Trotzdem haben beide Seiten natürlich einen anderen Blick auf so ein Projekt. Mal ist der eher gestalterischer, mal eher technischer Natur. Das ist gut so. Nur so kann ein Großprojekt funktionieren."

Ascan Mergenthaler, 48, Senior Partner beim Architektenbüro Herzog & de Meuron. Er hat die Elbphilharmonie mitentworfen.

Der Personalleiter

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/17.

"Wenn eine Bewerbung von einem Ingenieur auf meinem Schreibtisch liegt, schaue ich nicht allein auf die Noten. Andere Qualifikationen sind auch wichtig. Zum Beispiel: Hat jemand sein Studium ohne Unterbrechungen durchgezogen? Dann ist er vermutlich zielstrebig. Will sich jemand für internationale Projekte qualifizieren, sollte der Bewerber eine oder zwei Fremdsprachen können. Besonders wichtig ist die praktische Erfahrung. Manche Ingenieure, die sich bei uns vorstellen, haben vor dem Studium schon eine Ausbildung absolviert, als Maurer, Zimmermann oder Bauzeichner beispielsweise. Oder sie haben Praktika bei uns absolviert. Das hat den Vorteil, dass sie die Arbeitsabläufe auf Baustellen kennen. Am liebsten sind uns Ingenieure, die auch andere Fähigkeiten mitbringen, Kenntnisse in Jura oder BWL können nicht schaden, sind aber auch keine Pflicht. Außerdem sollten Ingenieure flexibel sein. Unsere Arbeit findet meist da statt, wo das Projekt ist. Einige aus dem Team, das die Elbphilharmonie in Hamburg gebaut hat, sind zum Beispiel aktuell bei der Mercedes Plaza in Berlin dabei. Kürzlich haben wir den Auftrag für den Ausbau der Autobahn A 6 in Baden-Württemberg bekommen. Viele, die dort in den kommenden Jahren arbeiten werden, wohnen in anderen Städten und sind oft nur am Wochenende zu Hause. Das gehört zum Job genauso wie das nötige Herzblut für technische Herausforderungen. Wenn sich jemand im Vorstellungsgespräch auf konkrete Vorhaben bezieht, wie jetzt gerade viele Bewerber auf eine Brücke über den Neckar beim Ausbau der A 6, und sagt, das will ich bauen – dann merke ich, da ist auch Begeisterung dabei."

Stephan Riemenschneider, 49, weiß, welche Ingenieure zu Hochtief passen. Er arbeitet als Personalleiter für Hochtief Infrastructure in Essen.

Protokolle: Johanna Roth