Zu dick aufgetragen? Unmöglich! Heute gilt: Je mehr Make-up, desto besser.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/17.

Es gibt Menschen, die finden Natürlichkeit doof. Kim Kardashian zum Beispiel. Ganz konkret ist der US-Star unzufrieden mit dem Output seiner Gene: Popo und Brüste ließ Kim deshalb chirurgisch nachbessern. Das, was sie nicht mit Skalpellen ändern lassen wollte, bekämpft sie seit Jahren vor dem Spiegel – mit Pinsel, Pasten und Schwämmchen. Ihre Nase wirkt dadurch schmaler, das Kinn spitzer und die Wangenknochen erscheinen markanter. Sie malt so lange an sich herum, bis kaum mehr zu erkennen ist, wie sie mal aussah. Es geht nicht mehr nur darum, Pickel abzudecken oder den Teint aufzufrischen, sie malt ein Gesicht auf ihr Gesicht. Contouring nennt man diese Schminktechnik. Oder klassisch: Maskenbildnern.

Contouring ist Trend. Nicht nur bei Kim Kardashian und ihren 93 Millionen Fans auf Instagram, sondern auch bei den Anhängerinnen von Beauty-Bloggerinnen wie Carli Bybel oder Bibi. Auf YouTube finden sich Hunderttausende Clips, die erklären, wie man Gottes Werk mit dekorativer Kosmetik nachbessert: Junge Frauen (und Kim persönlich) tragen vor der Kamera schichtweise dicke Streifen und Dreiecke mit Beige-, Braun- und Karamelltönen in einer Vielfalt auf die Haut auf, die selbst die Maskenbildner von König der Löwen nicht besser hinbekommen würden. Ist der Wildlife-Look fertig, wird alles "in die Haut eingearbeitet", erklären die Profis: "If you don’t like the look – take more product!"

Kim Kardashian und ihre Jünger setzen mit ihrem Hardcore-Make-up eine lange Tradition fort. Menschen schminken sich, seitdem es sie gibt: Wikinger, Griechen oder Römer nutzten selbst angerührte Farben, um im Krieg ihre Feinde zu verschrecken oder um sich aufzuhübschen. Welche der beiden Motivationen die Contouring-Fans antreibt, ist offen.

Die erste dokumentierte Kardashian der Geschichte ist die Pharaonin Kleopatra, die sich die Augen schwarz umrandete und rote Farben auf die Wangen auftrug. Das Volk tat es ihr gleich – Frauen wie Männer. Im 16. Jahrhundert war unter der britischen Königin Elisabeth I. hingegen Blässe schick. Die Menge an giftigem Bleiweiß, das sich Menschen ins Gesicht puderten, dürfte mit Kims Make-up-Verbrauch mitgehalten haben.

Damals sorgte die neue Fassade oft für üble Ekzeme. Heute gibt es Gesichtsfarben in bio. Doch was auf dem Foto oder im Video funktioniert, erinnert live an eine Antifaltenmaske, nur in Bunt. "In echt" zählt auf YouTube und Instagram aber nicht. In echt sieht Kim höchstens ihr Mann, Kanye West. Der sagte in einem Interview, er möge seine Liebste ungeschminkt. Mit Sängerin Alicia Keys wäre er besser bedient gewesen. Sie schwört auf Natürlichkeit und setzt mit ihrem Aufruf #nomakeup den Gegentrend: oben ohne.