Wenn er singt, klingt das manchmal mehr nach Sex als nach Pop: Maurice Ernst stöhnt, keucht und schmachtet in den Songs seiner Band Bilderbuch so schön wie sonst keiner (außer vielleicht Falco, mit dem Ernst häufig verglichen wird). "Schick Schock", das letzte Album der Band, ging in Österreich auf Platz eins, "Magic Life", die neue Platte, stieg auch in Deutschland in die Top Ten ein. Kein Wunder: Die Bilderbuch-Songs über schnelle Autos ("Maschin"), Swimmingpools ("Plansch") und das Abhängen zu zweit ("Bungalow") sind schamlos, oberflächlich – und machen sehr viel Spaß. Gegründet wurden Bilderbuch ausgerechnet an einer Klosterschule. Bevor die Bandkarriere richtig losging, studierte Maurice Ernst einige Jahre an der Uni Wien. In der Mensa war der 28-Jährige trotzdem nur ein Mal. "Ich esse lieber allein", sagt er. Wie wurde seine Schülerband so erfolgreich?

Maurice Ernst: Ist das die hässlichste Mensa, die du je gesehen hast?

ZEIT Campus: Nein, gar nicht, durch die großen Fenster ist es schön hell. Der Marmor im Foyer ist doch auch ganz schick. Warum findest du es hier so schlimm?

Ernst: Der Blick über Wien und auf die Votivkirche gefällt mir. Alles andere sieht eher nach Altersheim aus, die Holzmöbel aus Buche, die Wände in Pastellgelb.

ZEIT Campus: Auf eurem letzten Album Schick Schock hast du über Sekt, Lamborghinis und ein Haus aus goldenem Perlmutt gesungen. Auf dem neuen Album Magic Life geht es recht normal zu. Im Song Bungalow singst du: "Wir trinken Soda, komm vorbei mit deinem Škoda". Was ist passiert?

Ernst: Ich finde interessant, wie schnell Erfolg zerbröseln kann. Was ja in Deutschland kaum einer weiß: "Magic Life" ist in Österreich der Name für einen All-inclusive-Urlaub. Für mich ist das eine Metapher: Du bist Mitte zwanzig und nimmst alles um dich herum als selbstverständlich wahr. Aber die Welt ist nicht fix, vielleicht ist morgen schon die Abreise aus dem Cluburlaub. Was ist hinter den Mauern des Hotels, die echte Welt? Dieses Gefühl wollte ich mit dem Album vermitteln.

ZEIT Campus: Ist dir die Glamourwelt vertrauter oder das einfache Leben?

Ernst: Ich kenne beides aus meiner Kindheit: Meinen Eltern gehörte ein Nachtlokal. Da gab es eine Bar und einen Discoraum mit Nebelmaschine, einen Swimmingpool. Als kleiner Junge war das wie ein Spielplatz. Ich wohnte im gleichen Haus und konnte entscheiden: Hüpf ich heute auf den Billardtischen, oder spiele ich mit der Lichtampel? Uns ging es da echt gut. Wir hatten damals Geld.

ZEIT Campus: Aber dabei blieb es nicht?

Ernst: Als ich noch ganz jung war, gingen meine Eltern in die Privatinsolvenz, es ging um Betrug, die Ehe zerbrach, unser Hund kam weg. Meine Mutter und ich zogen in eine kleine Wohnung ohne Heizung. Vorher hatte ich ein zweistöckiges Kinderzimmer mit Treppe drin, jetzt war das Zimmer nur noch so groß wie das Bett.

ZEIT Campus: Du bist auf eine Klosterschule gegangen. Waren die Lehrer sehr streng?

Ernst: Ja, Tradition und Disziplin waren wichtig. Ich musste "Grüß Gott" zu den älteren Schülern sagen. Ich habe auch einmal eine Watsche bekommen.

ZEIT Campus: Prügel?

Ernst: Prügel klingt nach blauen Augen. Es war ein Schenkerl, wie wir in Österreich sagen. Der Lehrer hat mir sein Knie in den Oberschenkel gestoßen.

ZEIT Campus: Was hattest du verbrochen?

Ernst: Wir waren im Schullandheim auf Südtirolwoche, und ich war abends noch mal in einem Zimmer der Mädchen. That’s it! Die Attacke war extrem, eine Katastrophe, weil meine Eltern so was nie gemacht haben und mir diese Art der Strafe fremd war. Ich lag die ganze Nacht wach und habe darüber nachgedacht. Mir war klar, wie veraltet diese Methode war. Ich erzählte meinen Eltern davon, und am nächsten Tag kam der Lehrer zu mir und entschuldigte sich.

ZEIT Campus: Gibt es etwas, das du im Kloster gelernt hast?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/17.

Ernst: Wenn du acht Jahre durch Klöster und Kirchen spazierst, lernst du, mit großen Gesten umzugehen. Die Kirche ist der Archetyp des Entertainments. Es gibt Merchandising, Stars, Legenden. Ein Beispiel: Wir waren mit der Band in Rom und haben vor dem Vatikan auf den wöchentlichen Auftritt des Papstes gewartet. Er kam und kam nicht. Irgendwann sind wir gegangen und haben ihn verpasst. Der Papst ist so ähnlich wie Snoop Dogg bei einem Konzert: Er kommt und er geht, wann er will. Er sitzt hinten im Backstage und chillt. On stage winkt er ein bisschen. Das ist Mystik! Das ist Religion! Daran denke ich, wenn ich auf der Bühne stehe. Im besten Fall schaffe ich einen Raum, in dem die Zuschauer aus ihrem normalen Leben ausbrechen und transzendente Gefühle entwickeln.

ZEIT Campus: Wie kamst du darauf, mit Schulfreunden eine Band zu gründen?

Ernst: Mit 13 entdecken die einen das Skateboarden und die anderen das Sprayen. Wir haben halt eine Band gegründet. Mit Clemens aus meiner Klasse, dem ersten Gitarristen von Bilderbuch, habe ich Hey Jude von den Beatles gecovert und mal im Gottesdienst gespielt. Als später die anderen hinzu kamen, haben wir auch Songs wie Reptilia von den Strokes gecovert. Die Strokes hatte ich zum ersten Mal auf der Party von einer Klassenkameradin gehört. Ihr älterer Cousin hatte die CD dabei.

ZEIT Campus: Welche Musik fandest du noch toll?