Anna ist seit Jahren mit Julian zusammen. Außerdem liebt sie Lukas. Das finden alle drei okay. Als sie sich das erste Mal zu dritt treffen, ist das trotzdem komisch.

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Plötzlich stand er neben meinem Auto. Ich hatte Anna nach Hause gebracht, da bog Julian um die Ecke. Als Anna die Beifahrertür öffnete, schaute ich weg. Ich wollte ihn nicht sehen. Aber dann rief er: "Hey, will dein Freund Gemüse haben?" Und ich dachte: "Boah, es ist albern, nicht Hallo zu sagen." Also stieg ich aus und gab ihm die Hand.

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Lukas schien nervös zu sein. Ich war das nicht. Als Anna ihn kennengelernt hatte, waren wir seit dreieinhalb Jahren zusammen und wohnten in derselben Wohnung. Wir wollten aber keine monogame Beziehung führen. Als ich Lukas jetzt ansprach, dachte ich nicht groß nach. Ich kam vom Foodsharing und würde die nächsten Stunden in der Küche verbringen. Ich sagte: "Komm doch mit hoch."

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Julian und Lukas sind komplett verschieden. Julian hat lange, zottelige Haare, einen Bart und Lederflicken auf der Jeans. Mit ihm gehe ich in Kunstausstellungen oder zu politischen Diskussionen. Lukas studiert Luft- und Raumfahrttechnik und sieht aus wie ein Nerd. Mit ihm hänge ich in der Fachschaft rum oder gucke Science-Fiction-Filme. Ich mag es, diese unterschiedlichen Seiten von mir auszuleben. Aber als ich die beiden jetzt so nebeneinander sah, dachte ich: "O Gott, wie finden die sich? Was denken die von mir, dass ich so einen komischen Kerl anschleppe?"

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Ich half Julian, seine Gemüsekisten hochzutragen, ich wollte nicht unfreundlich sein. Und irgendwann mussten wir uns ja kennenlernen, immerhin lief das mit Anna und mir jetzt schon seit einem Jahr. Eifersüchtig war ich nicht. Er war ja zuerst da gewesen. Aber manchmal war ich genervt – wenn ich zu wenig von Anna abbekam. Oder wenn es mir nicht so gut ging und sie mir erzählte: "Ich hatte gestern total tollen Sex mit Julian".

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Mit beiden gleichzeitig zu sprechen war komisch. Bei Julian bin ich eine andere Person als bei Lukas. Mit Julian albere ich herum, wir liegen nachmittags im Bett und kuscheln. Mit Lukas bin ich derber. Einmal sagte ich: "Heute hatte ich Sex mit euch beiden." Da gab Lukas mir ein High-Five. Mit ihm hatte ich auch mal eine BDSM-Phase, mit Fesseln, Schlagen und so. Julian ist für so etwas zu egalitär.

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Ich fand es spannend, die Wohnung der beiden zu sehen und zu erfahren, wie sie leben. Unsicher war ich trotzdem. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten soll. Zieht man die Schuhe aus? Darf ich mit Anna in ihr Zimmer gehen? Es war, als würde ich die Schwiegereltern kennenlernen. Bei denen ich Angst habe, den Kaffee zu verschütten.

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Ich hatte mir vorher gar keine konkreten Vorstellungen von Lukas gemacht. Ich hatte auch keine Angst, dass wir uns nicht mögen könnten. Anna fühlte sich ja wohl bei ihm.

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Unangenehme Schweigepausen gab es nicht. Trotzdem war ich etwas enttäuscht. Ich hatte in Polyamorie-Blogs gelesen, dass man beim ersten Treffen intensive Gespräche hat. Wir haben kaum über Gefühle geredet. Es war eher ein Beschnuppern.

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Zum Abschied habe ich Anna nur umarmt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich sie vor Julian geküsst habe. Andersrum ging das schneller. Aber das war jedes Mal verwirrend für mich.

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Lukas besuchte mich noch öfter in meiner Wohnung, während auch Julian da war. Über Nacht blieb er aber nur, wenn wir alleine waren. Irgendwann frühstückten wir sogar zu dritt. Komisch war es nur, wenn ich geduscht habe. Wenn nur Julian da ist, laufe ich nackt über den Flur. Aber vor beiden fühlte es sich zu intim an. Mittlerweile umarmen sich die beiden sogar zur Begrüßung. Freunde sind sie aber keine geworden. Dafür sind sie wohl zu verschieden.