Reisen wie alle? Nö, dachte Mella. Und machte ihre Dating-App zum Reiseführer.

Nach dem dritten Tequila ging das Geknutsche los. Erst mit den beiden Mädels am Tresen, dann mit Kyle und dann alle wild durcheinander. Ich kannte Kyle erst seit ein paar Stunden, eigentlich sollte er mir Boston zeigen. Ein One-Night-Stand interessierte mich nicht. Es kam anders.

Als ich zu meiner Reise in die USA und nach Kanada aufbrach, hatte ich keine genauen Pläne. Ich habe mich gefreut, dreieinhalb Wochen lang frei entscheiden zu können, wo ich hinwill. Fest geplant war nur ein Stop in Montreal, bei einer alten Freundin. Ich bin nie so ein Lonely Planet-Typ gewesen, der vor Reisen Empfehlungen durcharbeitet und sich einen Plan macht. Ich entscheide lieber spontan, was mich interessiert. Statt nur Sehenswürdigkeiten abzuklappern, will ich Einheimische treffen, das ist für mich die echte Stadterfahrung.

Tinder hatte ich vor meinem Trip seit einem halben Jahr installiert. Ich habe es hauptsächlich benutzt, wenn mir langweilig war. Heißer Typ: nach rechts wischen. Nicht heiß: nach links wischen. Getroffen habe ich kaum jemanden. Bis zu meiner Reise.

Boston mit Kyle

Ich sitze in einem Café in der Nähe der Harvard University, als ich aus Gewohnheit vor mich hin tindere. Es ist mein vierter Tag auf der Reise, und ich weiß noch nicht, was ich am Abend mache. Plötzlich die Idee: einfach auf Tinder jemanden suchen, der mir sein Boston zeigt! Ich ändere meinen Profiltext, stelle die Suche auf Männer und Frauen. Es ist nicht mehr wichtig, ob die Leute mein Typ sind, sondern ob sie sympathisch scheinen. Eine Regel, dass ich auf keinen Fall Sex haben will, setze ich mir aber nicht.

Nach ein paar Minuten habe ich das erste Match. Kyle, ein 28-jähriger Ingenieur. Auf seinem Profilbild steht er nackt vor dem Eiffelturm, Rücken zur Kamera, die Arme auf die Hüften gestützt, als würde er gerade sein eigenes Kunstwerk bestaunen. Das einzige Foto, auf dem man Kyles Gesicht sieht, ist eins, auf dem er ein Tigerbaby auf dem Arm hält. Was für ein verrückter Typ!

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/17.

Er schreibt mir und schlägt vor, mich im Stadtzentrum zu treffen. Natürlich habe ich zur Sicherheit einen Notfallplan. Ich schicke Freunden einen Screenshot von Kyle. Und wenn er total creepy aussieht, werde ich mich gar nicht erst zu erkennen geben. Oder mir eine Ausrede überlegen und verschwinden.

Doch dann sieht Kyle total freundlich aus in seiner schlichten schwarzen Jacke und den Jeans, ist sofort offen und interessiert. Wir schlendern zum Quincy Market, einem prächtigen Marktgebäude mit Steinsäulen. In einer Bäckerei bestellt er mir einen Beaver Tail, ein schokoladenüberzogenes Gebäck. Das ist eine Spezialität in Boston, die wirklich ein bisschen wie ein Biberschwanz aussieht. Kyle besteht darauf, zu bezahlen.

Während wir zwischen den Wolkenkratzern durch Downtown flanieren, erzählt mir Kyle Dinge über Boston, die ich noch nicht wusste. Zum Beispiel, dass viele Leute hierherkommen, um mit einem Boot auf den Atlantik zu fahren und dort Wale zu beobachten. Wir laufen nach Little Italy, die Häuser werden immer kleiner. In den verwinkelten Gassen steht ein Restaurant neben dem nächsten. Als uns zu kalt wird, setzen wir uns in eine Fußballkneipe. Auf riesigen Fernsehern läuft irgendein Spiel. Nicht besonders gemütlich, aber das Bier ist billig. Wir setzen uns an einen Tisch und reden über amerikanische Außenpolitik. Von alleine hätte ich damit nie angefangen, zum Glück sind wir immer einer Meinung.

Nach dem vierten Bier wollen wir weiterziehen. Erst als wir auf die Straße treten, fällt mir auf, dass wir mitten im Ausgehviertel sind. Überall Bars, kurz nach Mitternacht haben aber schon fast alle zu. Nur zwei Häuser weiter brennt Licht. Wir sind noch gar nicht drin, da werde ich schon von zwei Mädels durch die Scheibe angetanzt. Drinnen läuft R ’n’ B, und alle sind am Dancen. Die Mädels am Tresen gehen völlig ab, als sie mitbekommen, dass ich aus Deutschland bin und alleine reise, und geben uns einen Tequila nach dem anderen aus. Am Morgen wache ich in Kyles Bett auf.

New York mit Ryan

Im Bus nach New York bin ich total euphorisiert. Für mich steht fest, dass ich Tinder auf jeden Fall weiter als Reiseführer benutze. Beeindruckt von Kyles entspannter Art wische ich bei allen nach rechts, die irgendwie lässig wirken.

Ich sitze in einem Café in Manhattan, als ich ein Match mit Ryan habe. Auf seinem Bild hat er eine rote Mütze auf, sieht ganz cool aus. Sonst verrät sein Profil nur, dass er 25 ist. Er schlägt vor, mich für zwei Stunden in einem Bistro in Brooklyn zu treffen. Passt mir gut. Nicht jede Stadtführung muss ja so ausufern wie die mit Kyle.

Ich fahre mit der U-Bahn nach Brooklyn. Von der Station Grand Street führt eine schnurgerade Straße zum Bistro. Das Williams & Bailey ist ein kleiner Laden mit urigen Holzmöbeln. Schon von draußen sehe ich Ryan am Tisch warten. Mit seinem Kaschmirpullover und zur Seite gegelten Haaren sieht er spießiger aus als auf den Bildern. Er bestellt ein Chickensandwich und Chickenwings für uns, wir teilen. Weil ich Gast in New York bin, will auch er unbedingt zahlen. Ich hab ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Beim Essen erzählt er, dass er irgendwo in der Wüste aufgewachsen ist, wo man verpflichtet ist, anderen Leuten Wasser zu geben, wenn sie danach fragen.

Ryan erzählt, dass er nach New York gekommen sei, um seine Karriere als Schauspieler voranzubringen. Jetzt spielt er in Werbefilmen mit oder als Statist in Spielfilmen und Serien. Er hatte zum Beispiel mal ein paar Szenen in Girls, erzählt er. Wurde aber rausgeschnitten.

Als wir aufgegessen haben, gehen wir zurück zur U-Bahn. Ich staune, wie viele neue Luxusbauten in Brooklyn stehen. Ich hatte es mir immer eher als lebendiges, buntes Hipsterviertel vorgestellt, aber in dieser Ecke kommt mir alles ziemlich steril vor. Auch wenn ich Ryan bis zum Schluss schmierig finde, bereue ich unser Treffen nicht. Ryans Geschichten waren interessant, die hätte ich sonst nie gehört. Und nach Brooklyn wäre ich ohne ihn wahrscheinlich nicht gefahren.

Vancouver mit Jeremy

Vancouver ist die letzte Station meiner Reise. Ich tindere im Hostel und habe schnell ein Match mit Jeremy. Er ist 24 und sieht viel jünger aus als Kyle und Ryan. Auf einem Foto hält er einen Golden Retriever im Arm – schon gewonnen. Er schreibt, dass er mir nur dann die Stadt zeigt, wenn ich seinen Kumpel dazu überrede, einen Essay für ihn zu schreiben. Lustig. Ich texte kurz mit diesem Freund, aber vergeblich. Da schreibt Jeremy, ich solle am Abend trotzdem mit ihm und seinen Freunden ausgehen.

Wir treffen uns vor dem Jazzclub Guilt & Co. Er liegt an einer Straße am Hafen, die mit roten Steinen gepflastert ist. Wir umarmen uns zur Begrüßung. Jeremy kennt wohl den Türsteher, auf jeden Fall dürfen wir an der Schlange vorbei direkt reingehen. Als ich sehe, wie die anderen Gäste rumlaufen, fühle ich mich in meinen Sneakers sofort unwohl: An der Bar flirten Mädels in High Heels mit Anzugträgern. Auch Jeremys Freunde sind schick gekleidet. Er stellt mich ihnen als "eine Freundin" vor. Vielleicht ist ihm peinlich, dass wir uns über Tinder kennen.

Alle sind freundlich, aber viel redet niemand mit mir. Dann verschwindet Jeremy plötzlich, und ich stehe allein da. Immerhin unterhalte ich mich kurz mit einem, der wie Barney Stinson aus How I Met Your Mother aussieht und mir einen Caesar’s empfiehlt, einen speziellen kanadischen Drink. Zur Bar will Barney aber nicht mitkommen. Der Cocktail besteht hauptsächlich aus Tomatensaft und Wodka.

An der Bar laden mich zwei Mädels ein, mich zu ihnen zu setzen. Wir quatschen, später geben sie mir noch einen aus. Keine Ahnung, ob Jeremy überhaupt noch im Club ist, ich sehe ihn nicht wieder. Macht nichts, sage ich mir, als ich wieder im Hostel ankomme. Klar, der Abend hätte besser laufen können. Doch selbst wenn ich meine Reise so begonnen hätte, würde ich Tinder weiter als Reiseführer nutzen. In Locations wie dem Jazzclub, der Bar in Boston oder dem Café in New York wäre ich mit einem normalen Reiseführer nie gelandet. Und selbst wenn es mal blöd lief, habe ich immerhin was zu erzählen.

Protokoll: Jannis Hartmann