Adele versingt sich und wird beklatscht. Start-up-Gründer geben mit Pleiten an. Scheitern wird gefeiert – trotzdem redet keiner gerne über Niederlagen. Geht das nicht besser?

Beim Refrain hört sie auf. Die Sängerin steht im schwarzen Samtkleid auf der Bühne und sagt: "Es tut mir leid. Ich muss noch mal von vorne anfangen. Ich hab’s verkackt." Die Sängerin ist Adele, die Bühne die Grammy-Verleihung im Februar. Einer der bekanntesten Popstars der Welt hat beim wichtigsten Musikpreis nicht die richtigen Töne getroffen. Unangenehm. Aber auch wahnsinnig stark: Denn die Sängerin hat aus dem Fehler gelernt, der ihr im Jahr zuvor bei den Grammys passiert war. Da hatte sie Probleme mit dem Sound, hat aber einfach weitergemacht. Jetzt bricht sie ab, gesteht ihren Fehler ein, versucht den Song noch mal, es gelingt. Nach der letzten Note hat Adele Tränen in den Augen. Das Publikum klatscht. Ihren peinlichen Patzer verwandelt Adele in einen Triumph. Jetzt ist sie ein Popstar, der sogar im Scheitern noch perfekt performt.

Jeder hat schon mal so einen Moment erlebt, in dem etwas nicht glatt läuft. Egal, ob man seine Klausur verhaut oder das Start-up floppt, ob man Erstsemester ist oder Professor, Praktikant oder CEO: Fehler passieren uns allen. Anders als bei Adele schaut meistens nicht die halbe Welt dabei zu. Wir entscheiden selbst, ob wir jemandem davon erzählen.

Meistens schweigen wir. Kollegen könnten Fehler als Schwäche auslegen und Kommilitonen schadenfroh sein. Auch Statistiken erfassen Rückschläge kaum. Gezählt werden nur die, die komplett durch das System fallen: Bei fast jedem dritten Studenten, der laut Deutschem Zentrum für Hochschulforschung sein Bachelorstudium abbricht, klatscht vermutlich niemand Beifall, wenn er den Briefumschlag mit seiner Exmatrikulation aus dem Postkasten zieht.

Doch das Scheitern erlebt einen Hype: Bei Twitter finden sich unter dem Hashtag #YouHadOneJob unzählige Fotos von falsch angebrachten Fliesen oder verkehrt herum aufgehängten Haken an der Wand. Bei YouTube schauen Millionen Menschen Pannen-Clips, in denen Leute über ein Skateboard stolpern oder gegen eine Glastür laufen.

Das kann man lustig oder peinlich finden, doch es passt in unsere Zeit. Nicht nur ein tollpatschiger Fehler bekommt Klicks und Likes, auch Menschen, die mit Unternehmen scheitern, werden gefeiert. Gurus für Start-up-Gründer wie Tim Ferriss propagieren in ihren Reden, dass man nur dann erfolgreich sein könne, wenn man Rückschläge akzeptiere. Wie das geht, erklären auch Coaches und Ratgeberbücher, die zum Beispiel Die heilende Kraft des Scheiterns heißen. Auch Menschen, die gar nicht oft ins Theater gehen, kennen das Zitat des Dramatikers Samuel Beckett: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better." Stan Wawrinka, einer der besten Tennisspieler der Welt, hat sich diesen Spruch sogar auf den Unterarm tätowiert.

Es scheint, als sei in unserer auf Erfolg und Effizienz getrimmten Gesellschaft das Scheitern plötzlich kein Problem mehr. Als sei es hip geworden, Dinge zu verkacken. Doch was sagt der neue Kult ums Scheitern aus? Sprechen wir wirklich offener über Fehler? Oder ist das nur ein Mythos?

Der Armutsforscher Johannes Haushofer scheitert nicht auf einer Bühne wie Adele, sondern allein am Schreibtisch. Seine Rückschläge behielt er lange Zeit eher für sich, so wie die meisten von uns. Vor einem Jahr stellte der 36 Jahre alte Assistenzprofessor der amerikanischen Eliteuniversität Princeton dann seinen CV of Failures ins Netz, seinen Lebenslauf der Misserfolge. "An den meisten Sachen, die ich versucht habe, bin ich gescheitert", schreibt er darin. Oft sei für andere nur sein Erfolg sichtbar, heißt es weiter. Dabei habe er viele Rückschläge eingesteckt: Er bewarb sich unter anderem auf Professuren in Harvard und am Massachusetts Institute of Technology, wurde aber beide Male nicht genommen. Stipendien an der Uni in Zürich oder der Haniel Stiftung in Deutschland bekam er ebenfalls nicht. In einem zwei Seiten langen PDF listet er seine Rückschläge der vergangenen 18 Jahre in Stichpunkten auf.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/17.

Mit diesem CV of Failures wollte Johannes Haushofer eigentlich nur einer Freundin helfen, die gerade eine Absage auf eine Bewerbung um eine Professur erhalten hatte. Doch er schenkte vielen Studenten und Doktoranden Mut. Nach dem Motto: "Wenn der es schwer hatte, bevor er erfolgreich wurde, dann kann ich es auch noch schaffen." Hunderte Menschen teilten den Lebenslauf bei Twitter, Zeitungen wie der britische Guardian und die amerikanische Washington Post berichteten darüber. Ohne das beabsichtigt zu haben, stieg Haushofer zu einer neuen Ikone des Scheiterns auf.

"Der Erfolg des CVs hat natürlich auch viel damit zu tun, dass ich in Princeton arbeite", sagt Johannes Haushofer an einem Nachmittag Ende Februar bei Skype. Inzwischen sei er durch seinen Lebenslauf fast bekannter als durch seine Forschung. "Wenn man Erfolg hat und zufrieden ist, fällt es einem leichter, über Rückschläge zu sprechen", sagt er. "Ginge es mir beruflich nicht so gut wie momentan, hätte ich womöglich nicht den Mut gehabt, meinen CV of Failures zu veröffentlichen."