Stuttgart 21 ist eines der umstrittensten Bauprojekte des Landes, doch Ingenieuren bietet es den Karriere-Turbo. Zu Besuch auf der Baustelle

Von Eidechsen und Käfern hatte Sebastian Heer keine Ahnung, als er vor zwei Jahren seinen ersten Führungsjob auf einer der größten Baustellen Deutschlands antrat. Die Brücke, die er bauen sollte, war schon Herausforderung genug: 345 Meter Stahl auf schmalen Betonpfeilern, das ist länger, als der Eiffelturm hoch ist. Doch dann lernte Heer die kleinen Bewohner der Baustelle kennen. Inzwischen weiß er, dass in den morschen Bäumen am Neckarufer streng geschützte Juchtenkäfer leben und dass einige dieser Bäume deshalb nicht gefällt werden dürfen. Er weiß auch, dass geschützte Mauereidechsen hier herumwuseln – und dass sein großes Projekt nur gelingen kann, wenn für die kleinen Tiere gesorgt ist. Er muss beides im Blick behalten: die großen Kräne und die kleinen Krabbler.

Sebastian Heer leitet ein vierköpfiges Team von Ingenieuren in einem der umstrittensten Bauprojekte Deutschlands: Stuttgart 21. Seit Jahren sorgt die Großbaustelle für Schlagzeilen: "Prestige für sieben Milliarden Euro" , schrieb die Süddeutsche Zeitung. "Protest gegen Bahnhofsumbau", titelte Spiegel Online. Dabei umfasst das sogenannte Bahnprojekt Stuttgart–Ulm nicht nur den Stuttgarter Hauptbahnhof, sondern auch den Bau von 120 Kilometern Bahnstrecke, von 55 Brücken und 25 Tunneln. Ein Jahrhundertprojekt – von Kritikern als Milliardengrab und Umweltzerstörung geschmäht, von Befürwortern gefeiert als Chance für die Stadtentwicklung, auch weil durch den Umbau Flächen frei werden für zwei neue Stadtviertel.

Für die Kritiker ist Sebastian Heer ein Glied in der Kette systematischer Geldverschwendung. Für ihn bedeutet der Job die Chance auf eine Turbokarriere. Doch welchen Einfluss hat der Protest auf den Arbeitsalltag? Wie geht man damit um?

In Heers Familie hat der Ingenieurberuf Tradition: Heer hat den gleichen Beruf gewählt wie schon sein Großvater. Und sein Onkel. Und seine Schwester. Heer hat Bauingenieurwesen in Karlsruhe studiert. Danach baute er in Schweden als Trainee an einem Tunnel mit. "Das war sicherlich von Vorteil", sagt er. Nach dem Master ging er als Projektingenieur zur Deutschen Bahn nach Stuttgart, damals war er 25 Jahre alt. Er übte sich in Planung und Projektsteuerung. Nach drei Jahren stieg er auf zum Teamleiter. Er sagt: "Ich hatte Lust auf Verantwortung und wollte die Planung, an der ich mitgewirkt hatte, auch umsetzen." Nun errichtet er eine Brücke, die das Stadtbild Stuttgarts prägen wird.

Dass das nicht allen passt, daran wird Sebastian Heer jeden Tag aufs Neue erinnert. Sein Arbeitsplatz ist ein Baucontainer. Neben der Baustelle grüßt von der hundert Jahre alte Rosensteinbrücke das Graffito eines Gegners: "Stuttgart 21: Hässlich Willkommen!"

Vom Baucontainer aus koordiniert Sebastian Heer den Bau einer 35 Millionen Euro teuren Eisenbahnbrücke – ein filigranes Einzelstück, entworfen von preisgekrönten Architekten. In vier Jahren sollen sich hier eine achtspurige Bundesstraße, Fuß- und Radwege, zwei Straßenbahngleise sowie ein Tunnel für Autos und zwei für Züge kreuzen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/17.

Karrieren wie die von Heer – mit dreißig schon Führungsperson – werden auch möglich, weil die Nachfrage nach Ingenieuren steigt. Allein die Deutsche Bahn plant, in diesem Jahr 1.000 Ingenieure einzustellen – 400 mehr als im Vorjahr. Die Bahn begreift sich als eines der größten Ingenieurbüros Deutschlands und will bis 2019 weiter investieren, in Bahnhöfe, Brücken und Tunnel.

Wie auch bei anderen Großbaustellen ist Stuttgart 21 eine komplexe Angelegenheit: Bauingenieure beauftragen Baufirmen, die wiederum Subunternehmen engagieren. Prüfingenieure überwachen, was Planungsingenieure entwerfen. Die Neckarbrücke, an der Heer baut, soll laut Bauvertrag bis 2019 fertig sein – bislang ragen erst drei schlanke Brückenpfeiler aus dem Boden. Der Druck ist hoch.

An einem Tag Ende Januar ist die Lage für die Ingenieure nervig: Nicht nur der Frost behindert die Bauarbeiten, sondern auch ein Wasserrohrbruch unter der Straße. Trotzdem werden im Laufe des Tages 30 Betonmischer anrücken, und es wird betoniert. Die Baufirma, die Heer beauftragt hat, steht unter Termindruck – wer Zeitpläne nicht einhält, riskiert Geldstrafen.

Während sich an der Baustelle der Berufsverkehr staut, sitzt Sebastian Heer nebenan im Baucontainer und leitet eine Besprechung. Zu Hemd und Jackett trägt er Wildlederschuhe. Ein Beamer wirft Paragrafen und Zahlen auf eine Leinwand. Vertreter von Behörden und Verantwortliche der Nachbarbaustelle hören sich an, was Sebastian Heer zu erzählen hat. Einmal im Monat kommen sie bei Kaffee und Sprudel zur sogenannten "Verkehrsroutine" zusammen. Dass sich Heer auch mit Baustellenleitern kurzschließt, die mit Stuttgart 21 nichts zu tun haben, ist wichtig: Nur hundert Meter weiter treibt die Stadt einen Straßentunnel in den Berg – den Rosensteintunnel. Seine Ausfahrt soll in Zukunft nur knapp an einer der Stützen der Brücke vorbeiführen. Es geht um Maßarbeit: zwei Zentimeter, das erfordert Absprachen. Vor Kurzem kappten Bauarbeiter des Rosensteintunnels versehentlich ein Glasfaserkabel, das den Stadtteil mit Internet versorgt. Sofort fiel der Verdacht auf Stuttgart 21, dabei ging der Fehler aufs Konto der Tunnelbauer nebenan. "Wir waren’s nicht", sagt Sebastian Heer in Richtung des Verantwortlichen. Die Stimmung ist locker. Obwohl viele am Tisch älter und erfahrener sind als Heer, moderiert er entspannt und souverän. "Mein Job ist es, alle Interessen zu steuern und zu koordinieren", sagt Heer. "Mit der eigentlichen Bauausführung habe ich nichts zu tun. Ich sage nicht: Mario, hol du mal den Beton."