In vielen Betriebskantinen gibt es Salatbuffets. Trotzdem essen die Deutschen mittags nichts lieber als Currywurst. Richtig so!

Wollte man einem Außerirdischen die Currywurst erklären, dann würde er groß schauen mit seinen Alienaugen. Ein Tier? In Darmhaut gewickelt? In Scheiben geschnitten und mit Currypulver garniert? Der Außerirdische würde verstört in sein rundes Flugzeug steigen und wegflitzen. Mein Gott! Diese Menschen!

Okay. Man müsste ihm vielleicht sagen, dass es hier nicht primär um Zutaten geht. Das Wort "Brühwurst", aus der die Currywurst gemacht wird, schreckt natürlich ab. Nein, man sollte dem Alien verständlich machen, dass die Currywurst zum kulturellen Erbe der Menschheit gehört. Auch wenn man sie nicht aus dem Weltraum sieht wie die chinesische Mauer oder die Pyramiden von Gizeh.

Die Wurst schneidet bei den Deutschen in Umfragen zum Kantinenessen regelmäßig am besten ab – gemeinsam mit dem Schnitzel. Die Arbeitgeber versuchen seit Jahren dagegen anzukommen und bauen Salatbuffets in ihren Betriebskantinen auf, inklusive Nährwerttabellen. Es gibt heute meistens auch ein vegetarisches Gericht, in manchen Firmen wird sogar an Veganer gedacht, für die es früher nur Beilagen zu essen gab. Das Kalkül hinter dem gesunden Menü ist simpel: Leichte Kost hält den Mitarbeiter fit und damit produktiv. Unterstützt wird diese Offensive oft durch Angebote für den Betriebssport.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/17.

Doch es hilft alles nichts, die Mitarbeiter essen lieber ungesund. Sie lassen sich nicht gern bevormunden. Das sieht man daran, wie die Grünen im letzten Bundestagswahlkampf mit ihrem Veggie-Day abgeschmiert sind. Sie hatten vorgeschlagen, dass es in allen öffentlichen Kantinen einen fleischfreien Tag geben solle. Die Empörung war groß. Die Currywurst zu streichen wirkt auf hungrige Arbeiter wie eine Lohnkürzung. Das gäbe Aufstände.

Volkswagen stellt sogar eigene Currywürste her, in der Hausschlachterei. Das Geheimnis der VW-Wurst, so heißt es aus dem Konzern, sei ihre hochwertigen Zutaten und bestes Fleisch. Die Wurst ist momentan vermutlich das einzige Produkt aus dem Hause VW, dem man trauen kann. Aber diesen Witz würde der Außerirdische natürlich nicht verstehen.

Wie die Wärme den nervösen Magen streichelt

Man müsste ihm sagen, dass es für Angestellte wie Doping wirkt, wenn auf dem Kantinenplan Currywurst steht, als mittägliche Verheißung. Dass es gar Menschen gibt, die Lieder schreiben für diese eingelegte Fleischrolle. Zum Beispiel Herbert Grönemeyer. "Gehste inne Stadt / Was macht dich da satt / ’ne Currywurst. Kommste vonne Schicht / wat schönret gibt et nich / als wie Currywurst. Biste richtig down / brauchste wat zu kaun / ’ne Currywurst." Darum geht es also: Ein Schnellgericht als Trostmittel gegen Lohnarbeit und Tristesse. Nicht weniger!

Die Currywurst war eine klassische Nachkriegsidee, die, so sagen die Berliner, eine Berlinerin hatte. Es ging langsam aufwärts, 1949, Wurst und Fleisch kamen zurück ins Land. Bundeskanzler Konrad Adenauer forderte: "Keine Experimente!", doch das galt offenbar nicht für Herta Heuwer, die einen Imbiss hatte in der Charlottenburger Kantstraße. Sie rührte eines Tages Tomatenmark an mit Gewürzen. Sie schmeckte ab, bis die Balance erreicht war zwischen Feurigkeit und Süße. Sie schöpfte die Sauce neben die Wurst, ein bahnbrechendes Experiment. Herta Heuwer wurde berühmt.

Ein halbes Jahrhundert später, wenige Jahre vor ihrem Tod, schoss ein Buch von Uwe Timm in die Bestseller-Listen, das war 1993: Die Entdeckung der Currywurst. Die Novelle beginnt mit einem einfachen, einem wunderbaren Satz: "Vor gut zwölf Jahren habe ich zum letzten Mal eine Currywurst an der Bude von Frau Brücker gegessen." Uwe Timm lässt seine Heldin die Currywurst in Hamburg entdecken, nicht in Berlin. Wobei entdecken danach klingt, als habe sie das Gericht nicht erfunden. Sondern gefunden. Als sei die Currywurst schon immer da gewesen, wie eine ewige Wahrheit. Was plausibel wäre, denn die Currywurst ist zu gut, um Zufall zu sein.

Wie die Wärme den nervösen Magen streichelt, das ist auch als Frühstück wunderbar. Wie die Hitze der Fritten auf den Lippen brennt und man Luft einzieht zur Linderung. Am besten spült man mit Pils nach, den Ellenbogen auf die Theke gelehnt, mit der Serviette über den Mund gewischt. Dann sagt man Sachen wie "Ach ja" oder "War lecker, danke", nickt der Imbissfrau zu und lässt das Papptellerchen in den Mülleimer fallen, so schnell kann ein Tisch abgeräumt sein.

Und wenn man in der Kantine sitzt, zwischen Controllern in weißen Hemden, und in die Currywurst gabelt, ist plötzlich alles gut. Dann denkt man an genau diese Momente, draußen in der hässlichen Stadt, an verschrobene Wildheit: Wie man wortkarg spachtelt, linke Hand in der Lederjacke, rechte Hand an der Pommesgabel. Prost. Danke. Mach es gut.

Man müsste den Außerirdischen einfach mitnehmen, einmal Curry Pommes für meinen grünen Freund. Das fänd der sicher gut.