Cornern, Festivals, Raves: Die Open-Air-Saison ist das Schönste am ganzen Jahr. Doch für manche ist sie die Hölle.

Der Sommer, sagt Jon Tassano, hat ein Geräusch. Es geht: Wuööööööööö! Es ist dieses Wuööööööööö, das Jon Tassano davon abhält, an lauen Sommerabenden in seiner Berliner Wohnung auf dem gemütlichen Balkon zu sitzen, ein Glas Wein zu trinken und den wunderbaren Blick auf die Oberbaumbrücke und auf die Spree zu genießen. Immer wenn es warm wird: Wuööööööööö. Am Wochenende: Wuööööööööö. Jeden Abend: Wuööööööööö. So klingt der Brunftschrei der Betrunkenen, sagt Jon Tassano, dieses andauernde Gegröle auf dem Platz unter seinem Balkon.

Es ist der aufgedrehte Kampfruf meist männlicher Besucher aus England, aus Spanien und aus Deutschland, die sich bei den Kiosken in der Gegend mit billigem Bier eindecken, Flaschen auf den Boden schmeißen und in die Hauseingänge pinkeln.

Es beginnt schon Ende April und dauert bis in den Oktober hinein. Ab halb vier Uhr nachmittags spuckt die U1 alle paar Minuten eine neue Ladung junger Menschen auf die Kreuzung, immer in Turnschuhen und immer mit großen Sonnenbrillen. Sie drängeln sich in die Dönerläden und Kioske der Gegend. Vor dem Burgerladen ist die Schlange bestimmt 30 Meter lang. Mit den Besuchern kommt das Wuööööööööö ins Viertel, das später abends anschwillt. Es ist so beständig wie das Summen der Mücken. Nur sehr, sehr viel lauter.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/17.

In Deutschland gibt es viele Orte, an denen die Wohnungsfenster im Sommer geschlossen bleiben, weil es zu laut ist: der Gärtnerplatz in München, der Brüsseler Platz in Köln, der Friedberger Platz in Frankfurt. Unter Tassanos Balkon ist das Problem jedoch größer, wegen der Partytouristen: 12,7 Millionen Gäste sind 2016 nach Berlin gekommen, mehr als doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat sich die Zahl sogar verdreifacht. Seit 2004 die erste easyJet-Maschine in Berlin gelandet ist, wächst der Partytourismus in diesem Viertel. Schlafplätze gibt es im Hostel in der Schlesischen Straße schon ab zehn Euro. Und der Alkohol ist hier sowieso viel billiger als zu Hause.

Über die Oberbaumbrücke schieben sich Menschenmassen wie am Samstagnachmittag in einer westdeutschen Einkaufsstraße. Die Sprachen: Spanisch, Schwedisch, Englisch, Hebräisch, Deutsch. Der Kiez zwischen Oberbaumstraße und Schlesischer Straße füllt sich derweil zunehmend mit kleinen Grüppchen, wie ein Festivalgelände am Nachmittag, bevor auf der Main Stage das Programm richtig losgeht. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, hier würde tatsächlich ein Konzert stattfinden, ein Rave, irgendeine Art von Party, die diesen Auflauf rechtfertigt. Aber da sind erst mal nur die Sonne und das Bier, die Clubs machen später auf.

Eine ältere Dame mit Stock bleibt vor einem Plakat der Band Nachtblut stehen, das auf einen Stromkasten in der Straße unter Jon Tassanos Balkon geklebt ist. Vier Herren in Cargowesten blicken, angeleitet von einem Stadtführer, auf eine Skulptur. In dem jungen Treiben um sie herum wirken sie alle wie schlecht in die Szenerie gephotoshoppt.