Leon Windscheid war 26, als er über Nacht Millionär wurde. Er hat sich ein Boot gekauft – und seitdem mit dem Feiern nicht mehr aufgehört.

Als der DJ erst Narcotic spielt und dann Atemlos, bleibt auf der MS Günther niemand mehr still. Die Passagiere klopfen zum Beat an die niedrige Decke des Bootes. Es sind vor allem Frauen hier, wie bei fast jeder Ausfahrt der MS Günther, und zwischen ihnen steht einer, der im Gedränge besonders auffällt: ein zwei Meter großer Mann mit kurzen Haaren und blonden Bartstoppeln, der sich mit einem Tablett Rhabarber-Shots durch die Menge auf der Tanzfläche kämpft, mit den Leuten plaudert und dabei immer wieder fotografiert wird. "Ausziehen, ausziehen!", ruft ein Junggesellinenabschied zu ihm herüber.

Leon Windscheid ist 28 Jahre alt, Doktor der Psychologie, Buchautor, Partyveranstalter und Millionär. Vor zwei Jahren hat er bei Wer wird Millionär? alle Fragen richtig beantwortet. "Ich hätte mir bis Mitte 40 jedes Jahr 50.000 Euro auszahlen, mich aufs Sofa legen und Netflix schauen können", sagt Leon Windscheid. Aber er hatte eine bessere Idee. Er hat sich von dem Geld das Boot gekauft – und seitdem mit dem Feiern nicht mehr aufgehört.

An einem grauen Donnerstagvormittag im April fährt Leon Windscheid zwanzig Minuten nach der verabredeten Zeit am Bahnhof von Münster vor. Die Frontscheibe seines klapprigen BMW ist gerissen und von Vögeln zugeschissen, in der Ablage liegt eine Mensakarte. Leon Windscheid steigt mit umschatteten Augen aus dem Auto und entschuldigt sich: "Sorry, war spät gestern."

© Max Brunnert

Mit dem Feiern hat alles angefangen. Schon in der Schulzeit fuhr er mit seinen Freunden eineinhalb Stunden von seiner Heimatstadt Solingen nach Münster, um tanzen zu gehen. Als er ein paar Jahre später an der Uni Münster Psychologie studierte, organisierte er Partys: Neunziger, Schlager, Techno, Hipster-Zeug. Hauptsache, die Feier läuft. "Als Partymacher verkaufst du Erlebnisse", sagt Windscheid. "Es reicht heutzutage nicht mehr, zu versprechen: 'Hey, bei uns kannst du schön saufen mit deinen Freunden.'" Irgendwann kam er auf die Idee mit dem Partyboot. Weil: "Wasser, Schiffe, das findet jeder fantastisch."

Es gab nur ein Problem: Niemand wollte dem Studenten ein Boot vermieten, damit er darauf Partys machen kann. Ein Ehepaar aus Hamm bot ihres zum Verkauf an, für 300.000 Euro. Statt sich abschrecken zu lassen, dachte Leon Windscheid über den schnellsten Weg nach, legal an Geld zu kommen. Er bewarb sich bei Wer wird Millionär?.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/17.

Es folgten Castingrunden, der Kandidatenstuhl, 500 Euro, 16.000 Euro, die Millionenfrage. Als der Moderator Günther Jauch seine Antwort bestätigte, ja, Rubiks Zauberwürfel habe 26 Steine, schrie Leon Windscheid vor Glück. "Da war nur noch Feuerwerk im Kopf", sagt er heute. In seiner Begeisterung umarmte er Günther Jauch und riss ihn in die Höhe. Der Moderator sah bei dieser Gelegenheit noch ein bisschen mehr wie Kermit der Frosch aus als ohnehin schon.

Mit dem Preisgeld fuhr Leon Windscheid nicht zu dem Ehepaar nach Hamm, sondern nach Holland. Das war ein Tipp von Jauch: Besser das Schiff an einem Ort kaufen, wo niemand von dem Millionengewinn wisse. Am Ijsselmeer fand Leon Windscheid seine MS Günther: 110 Jahre alt, 30 Meter lang, Platz für 150 Gäste. Dass er das Boot nach Günther Jauch benennen würde, hatte Leon Windscheid in der Sendung versprochen. Der Moderator revanchierte sich und kam zur Schiffstaufe nach Münster.