Angela Merkel, Elyas M’Barek und Pamela Reif: Alle machen Selfies. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich erklärt, wieso das so ist.

Gotische Statuen? Check. Romantische Gemälde? Check. Ästhetische Theorie? Check. Wolfgang Ullrich, 50, hat zu all diesen Themen Bücher verfasst. Bekannt geworden ist der Kunstwissenschaftler aber, weil er auch über ganz alltägliche Dinge Kluges schreibt. Über das Design von Duschgelpackungen zum Beispiel. Oder über Emojis und Memes. Zur Sprechstunde empfängt Ullrich uns in seiner Wohnung in Leipzig, die so aussieht, als wäre sie für Instagram-Fotos optimiert: helle Farben, um eine Schiller-Büste ist ironisch ein Blumenkranz gehängt. Hier wollen wir mit Wolfgang Ullrich über die größte künstlerische Leidenschaft der Gegenwart sprechen: über Selfies. 

ZEIT Campus: Herr Ullrich, schauen Sie sich dieses Selfie an: Eine Frau fotografiert sich im Spiegel, 128.498 Leuten gefällt das. Verstehen Sie, warum auf Instagram fast keine Deutsche so erfolgreich ist wie Pamela Reif?

Wolfgang Ullrich: Sich im Spiegel zu fotografieren ist eine Standardvariante des Selfies: Pamela Reif ist es wichtig, den ganzen Körper zu zeigen, nicht nur ihr Gesicht. Sie will vor sich selbst und ihrer Community den Zustand ihres Körpers überprüfen. Da ist kein Fett, da ist alles gut trainiert, die Skinnyjeans sitzt. Mir ist es aber ein Rätsel, warum Accounts, die so stereotype Bilder zeigen, so viele Follower haben.

ZEIT Campus: Pamela Reif lebt davon, ihren Alltag zu zeigen. Ist Authentizität eine Ware?

Ullrich: Nein. Ihr Instagram-Account ist professionell durchgestylt. Das ist das Gegenteil von authentisch, aber der Erfolg gibt ihr recht. Viele ihrer Fans freuen sich, dass bei ihr immer alles perfekt aussieht, dass ihre Welt aufgeräumt und sauber ist. Wie viel davon Realität ist und wie viel Fiktion, ist ihren Followern ziemlich egal. Die Sehnsucht nach Authentizität wird überschätzt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/17.

ZEIT Campus: Pamela Reif fotografiert sich oft im Schlafzimmer. Mal räkelt sie sich im Bett, mal streckt sie beim Workout ihren Po in die Kamera. Man hat das Gefühl, es geht ständig um Sex.

Ullrich: Natürlich, da kommen viele Follower her. Allerdings werden Nacktfotos auf Instagram gelöscht. Das ist es also nicht allein, was den Reiz der Fotos ausmacht. Interessanter finde ich ihr Farbkonzept: Pamela Reif zeigt selten knallige oder grelle Farben. Meistens sind es pastellige Töne. Sie möchte nicht zu prollig erscheinen, sondern hat immer einen gewissen Schick.

ZEIT Campus: Durch Snapchat haben sich Selfies weiterentwickelt. Hier eines aus dem Account des Schauspielers Elyas M’Barek.

Ullrich: Filter wie dieser sind auf Selfies optimiert. Das eigene Gesicht wird ins Lächerliche gezogen. Alles wird zur Grimasse, zum Gag.

ZEIT Campus: Setzt das Kreativität frei?

Ullrich: Im Gegenteil, Snapchat ist unter anderem deshalb so erfolgreich, weil es die Leute davon entlastet, kreativ sein zu müssen. Viele sind extrem aktiv bei Instagram, bei WhatsApp, bei Snapchat. Jeder dieser Kanäle muss jeden Tag bespielt werden. Auch Elyas M’Barek scheint jeden Abend etwas zu posten. Man hat aber nicht täglich fünf neue Ideen, deshalb ist man froh, dass es regelmäßig neue Filter gibt und man sich nichts Eigenes ausdenken muss.

ZEIT Campus: Wer hat eigentlich das erste Selfie der Geschichte gemacht? Albrecht Dürer vielleicht?

Ullrich: Man muss unterscheiden zwischen Selbstporträts wie den Gemälden von Albrecht Dürer und Selfies wie denen von Pamela Reif oder Elyas M’Barek. Entscheidend ist, mit welcher Kommunikationsabsicht die jeweiligen Bilder entstanden sind. Das Selbstporträt hat eine Memoria-Funktion, das Selfie nicht.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit?

Ullrich: Dürer war nicht zuletzt Auftragsmaler. Er hat seinen Kunden die Garantie gegeben, dass ein Gemälde von ihm mindestens 500 Jahre überdauert. Heute wissen wir: Er hat nicht zu viel versprochen. Ein Selfie hingegen ist für den Moment geschaffen. Niemand denkt daran, ob es in zehn oder zwanzig Jahren noch von Interesse sein könnte. Selbst Selfies, die heute sehr bekannt sind, etwa die von Kendall Jenner, sind nicht für die Nachwelt geknipst worden. Sie sind entstanden, um mehr Follower zu bekommen. Das ist ein gegenwartsbezogenes Interesse.

ZEIT Campus: Warum hat Albrecht Dürer immer wieder sich selbst gemalt?

Ullrich: Das weiß man nicht so genau. Manche Kunsthistoriker sagen, dass die Selbstbildnisse Werbebilder waren. Dürer war in den Zwanzigern, als viele seiner Selbstporträts entstanden. Er war gut ausgebildet, aber noch nicht bekannt. Wenn er sich selbst in einem Pelz malte, dann tat er das dieser These zufolge nicht, um zu zeigen: "Ich bin hier der Macker", sondern: "Schaut her, wie gut ich einen Pelz malen kann." Das Werk sollte seine Fähigkeiten zeigen und richtete sich an Aristokraten, die dieses Gewand trugen und die ihm als Porträtmaler Aufträge verschafften.

Wann wird ein Selfie Kunst?

ZEIT Campus: Dürers Werke hängen im Museum. Selfies inzwischen auch. Der amerikanische Künstler Richard Prince hat Instagram-Bilder anderer Leute ausgedruckt und ausgestellt. Wann wird ein Selfie Kunst?

Ullrich: Wichtig ist, dass Richard Prince nicht behauptet, er würde auf Instagram Kunstwerke entdecken, die bisher übersehen worden sind. Er hat früher Kaufhauskataloge und Werbeplakate abfotografiert und die Fotos ins Museum gehängt. Heute macht er dasselbe mit Instagram-Selfies. Seine Arbeit ist vergleichbar mit einem Taufakt. Dinge, die an sich als banal gelten, erhebt er zur Kunst. Es geht ihm um die Geste. Und um die Fragen: Wie viel Macht hat ein Künstler? Ist alles Kunst, was ein Künstler dazu erklärt? Macht der Kunstbetrieb das mit oder nicht?

ZEIT Campus: Der Kunstbetrieb macht mit: Die Bilder wurden für viel Geld verkauft.

Ullrich: Ja, und das Spannende ist, dass Richard Prince sein Spiel noch weitertreibt. Ein Foto, das er aus dem Instagram-Account von Ivanka Trump genommen und zur Kunst erklärt hatte, hat er für 36.000 Dollar verkauft – an Ivanka Trump. Als ihr Vater Donald Präsident wurde, hat er das Bild jedoch wieder zur Nicht-Kunst erklärt. Er twitterte: "This is not my work. I did not make it. I deny. I denounce. This fake art."

ZEIT Campus: Und jetzt?

Ullrich: Jetzt ist die Frage, ob der Kunstbetrieb das akzeptiert. Ich habe mit Mitarbeitern eines renommierten Auktionshauses gesprochen und sie gefragt, ob sie das Bild noch annehmen würden. Sie sagten: "Natürlich. Und es wird teurer sein als alle anderen aus der Serie." Das zeigt die Grenzen der Macht des Künstlers.

Das Merkel-Selfie

ZEIT Campus: Es gibt ein Selfie, das für hitzige politische Diskussionen gesorgt hat: das von Angela Merkel und Anas Modamani, der aus Syrien geflohen ist.

Ullrich: Ja, wobei nicht das Selfie selbst bekannt wurde, sondern ein Foto, das zeigt, wie er das Selfie knipst. Wir sehen eine alltägliche, vertraute Situation, die von Sympathie zeugt, denn man posiert nicht mit jedem Menschen für ein Selfie. Man macht das unter Freunden, mit einem Partner oder mit einem Prominenten. Ein Selfie ist freundschaftlich großzügig.

ZEIT Campus: Das wurde Angela Merkel von einigen Kritikern vorgeworfen.

Ullrich: Dieses Foto war ein Symbol für die Willkommenskultur und für das "Wir schaffen das". Es war ein Motivationsbild für diejenigen, die die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel unterstützten. Andererseits war es das Hassbild für die, die anderer Meinung sind. Dieses Foto hat den Streit über eine Obergrenze zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel ausgelöst, und es hatte eine außenpolitische Funktion: Es hat auch viele ermutigt, die weite Reise nach Deutschland anzutreten. Einige Menschen sehen in dem Foto, dass es da einen Zielort gibt, an dem man willkommen ist. Dass ein einzelnes Foto bei seinen Betrachtern diese unterschiedlichen Emotionen auslöst, finde ich erstaunlich.

ZEIT Campus: Das Merkel-Selfie zeigt, dass man die Botschaft eines Fotos nicht mehr kontrollieren kann, wenn es viral geht.

Ullrich: Das stimmt, aber das betrifft alle Bilder, nicht nur Selfies. Ein anderes Beispiel dafür sind die Mohammed-Karikaturen. In einer dänischen Zeitung und einem französischen Satiremagazin waren sie unproblematisch, erst als sie in den muslimischen Kulturkreis gelangten, wurden sie als aggressiv empfunden. Durch die Veränderung des Kontexts kann ein Bild eine andere Aussage annehmen und andere Emotionen auslösen. In nicht zu ferner Zukunft wird man das Merkel-Foto bestimmt auf einer Ebene sehen mit den Bildern von Willi Brandts Kniefall in Warschau. Auch der war zu seiner Zeit sehr umstritten. Es war eine überraschende, starke, unerwartete Geste, die sich eingeprägt hat. Das gilt für dieses Merkel-Bild auch.

ZEIT Campus: Was ganz anderes: ein Selfie von Taylor Swift mit Kätzchen!

Ullrich: Taylor Swift ist ein Superstar, der zeigen möchte, dass er auch ein normales Leben hat. Sie hat auch ein Haustier, mit dem sie ein Selfie knipst, bei künstlichem Licht, nicht gut ausgeleuchtet, ein bisschen verpixelt. Das Bild hat Amateurstatus. Das soll signalisieren, dass man nur, weil man berühmt ist, nicht völlig abgehoben ist, sondern noch dieselben Bedürfnisse hat wie die Fans. Es soll eine emotionale Verbundenheit herstellen. Hier könnte man eher als bei Pamela Reif sagen, dass es um Authentizität geht.

ZEIT Campus: Warum die Katze?

Ullrich: Die ist einfach süß. Tiere funktionieren, weil sie Situationskomik in ein Bild bringen. Man zeigt sie oft, wenn sie Absurdes tun, wenn sie sich tollpatschig anstellen oder wenn sie ein lustiges Gesicht machen, so wie hier. Niedlichkeit oder cuteness ist eine der großen ästhetischen Empfindungen, die in unserer Kultur gepflegt werden. Ich wüsste keine Beispiele aus der Malerei des 15. oder 17. Jahrhunderts, wo es darum geht, Niedlichkeit zu erzeugen. Heute wird einfach gute Stimmung gemacht. Ein Star kann seine Fans emotional gut erreichen, indem er noch was Niedliches mit auf sein Selfie nimmt.

ZEIT Campus: Gute Stimmung machen: Erklärt das auch den Erfolg der Emojis?

Ullrich: Ja. Ich glaube sogar, dass die Ästhetik der Selfies stark von Emojis geprägt wurde. Durch den Erfolg der Emojis haben viele angefangen, diese Gesichtsausdrücke nachzumachen, also die Zunge rauszustrecken, zu zwinkern, eine Mimik, die vorher im Alltag nicht so präsent war. Wir wollen in unserer Kommunikation sicherstellen, dass unsere Botschaften unmissverständlich ankommen, deshalb ergeben sich solche Rituale.

"Man kann das Porträt von Beyoncé ikonografisch in die Kunstgeschichte einordnen."
Wolfgang Ullrich

ZEIT Campus: Das aktuell erfolgreichste Foto bei Instagram ist kein Selfie, sondern ein Porträt aus einem Fotostudio: das Bild von Beyoncé mit Babybauch und Schleier.

Ullrich: Reiche und Prominente können sich tolle Fotografen leisten. Awol Erizku, der Beyoncé fotografiert hat, ist in der Kunstszene kein Unbekannter. Man kann dieses Porträt ikonografisch in die Kunstgeschichte einordnen. Es erinnert an die Gemälde, die in den Werkstätten von Peter Paul Rubens und Jan Brueghel entstanden sind: Madonnen mit Blumenkranz, Mutter und Kind, die Blumen als Fruchtbarkeitssymbol. Das alles wird nicht direkt zitiert, aber es entsteht ein Assoziationsraum.

ZEIT Campus: Wenn sich Promis heute wieder so aufwendig inszenieren: Ist das Zeitalter des Selfies dann schon wieder vorbei?

Ullrich: Sicher nicht. Mit Selfies hat das gar nichts zu tun. Das Foto steht in der Tradition der klassischen Porträts, die Menschen aus der Oberschicht von sich anfertigen lassen: Man überlegt sich, zu welchem Maler oder Fotografen man geht und wie viel Geld man ausgibt. Instagram ist ein kompetitives Medium. Es geht darum, noch mehr Eindruck zu machen als die anderen, sich noch perfekter in Szene zu setzen. Das Erfolgskriterium ist die Zahl der Likes und der Kommentare. Das hat hier funktioniert. Das Foto wurde auch in vielen anderen Medien gezeigt.

ZEIT Campus: Wieso ist das Bild so erfolgreich, wenn es doch ganz anders ist als viele der Fotos, die wir jeden Tag auf Instagram sehen?

Ullrich: Gerade deshalb! Es steht im Kontrast mit den anderen Bildern, nicht nur auf Instagram insgesamt, sondern auch auf Beyoncés Account. Es zeigt, dass man etwas Wichtiges zu verkünden hat. Das Studioporträt ist ein Mittel der Aristokratie. Es ist nicht auf einen Nachahmungseffekt angelegt, es soll für sich stehen. Weil es so aufwendig und teuer ist, wird es das Selfie nicht ablösen. Wir werden noch viele Selfies sehen.