Tief in den Wäldern von Kalifornien sollen Menschen im Digital Detox Camp lernen, ohne Internet zu leben. Kann das gelingen?

Die Szene erinnert an Nachrichtenbilder aus einem Ebola-Gebiet: ein Sanitätszelt irgendwo in der Wildnis. Ein flatterndes gelbes Absperrband. Menschen in weißen Schutzanzügen, die hier sind, um zu helfen. Und zaghafte Opfer. Eines davon ist Kristen Gallagher. Sie trägt ein Shirt mit V-Ausschnitt und ein Nasenpiercing und wird in das Zelt hineingewinkt. Dort gibt ihr jemand eine transparente Plastiktüte. Kristen zieht ihr Handy aus der Tasche, schaltet es aus und versenkt es in der Tüte wie kontaminiertes Material. Sie zieht den Zippverschluss zu. Aus einem Spalt in der Zeltplane greift eine Hand nach der Tüte – und verschwindet. Es scheint, als wäre Kristen Gallagher gerade von der schlimmsten Seuche der modernen Gesellschaft befreit worden: von ihrem Smartphone.

"Ich kenne niemanden, der öfter am Handy hängt als ich", sagt Kristen. Mehr als hundertmal am Tag wische sie mit dem Daumen über das Display, sagt sie. Sie checkt, ob sie eine Slack- oder WhatsApp-Nachricht bekommen hat oder eine E-Mail. Sie schaut bei Viridi, einem Spiel, bei dem man Pflanzen aufzieht, ob die Sukkulenten gewachsen sind. Ob es Neues gibt bei LinkedIn oder auf ihrem Blog. "So was mache ich vier Stunden täglich", sagt Kristen, "zusätzlich zu der Zeit, die ich im Büro vor dem Computer sitze." Kristen weiß das so genau, weil sie sich extra eine App installiert hat, die ihre Handynutzung protokolliert. An ihrem 30. Geburtstag hat sie beschlossen, daran etwas zu ändern. Sie bestellte sich ein Ticket für das Digital Detox Camp. "Disconnect to Reconnect" ist dessen Slogan, sinngemäß also: Schalte ab, um wieder Kontakt zu anderen aufzunehmen. Die Organisatoren versprechen einen kalten Entzug für Handy-Junkies.

An vier Tagen im Mai will Kristen lernen, ohne Handy auszukommen, auf einem Campgelände, das sonst von Kindergruppen genutzt wird. Es liegt tief im kalifornischen Wald, eingerahmt von Mammutbäumen, manche mit so dicken Stämmen, dass man sie mit mehreren Menschen kaum umfassen kann. Vier Stunden ist Kristen mit dem Bus von San Francisco aus hierher gefahren. Sie ließ die perfekt geometrisch angelegten Blumenbeete in den Parks hinter sich, die schnurgeraden Straßen und die Häuser mit den googlebunt gestrichenen Fassaden. Sie folgte einer Straße, die sich zwischen Felswänden und steilen Abhängen hindurchzwängte, durch eine Landschaft, die so schön ist wie sonst nur ein Bildschirmhintergrund. Dann erreichte sie das Campgelände. Der nächste WLAN-Hotspot? Weit weg. Die Netzabdeckung? Geht gegen null.

Smartphones sind revolutionär. Vielleicht sind sie sogar zu revolutionär.

Kristen ist eine von rund 300 Teilnehmern des Digital Detox Camps. Es sind keine Freaks, die Freunde nur bei Battlefield haben oder Avatare im Internet heiraten. Die meisten hier sind zwischen Anfang 20 und Mitte 30, arbeiten als Software-Ingenieure bei den Tech-Firmen im Silicon Valley oder sind Lehrer, Illustratoren oder Studenten. Manche von ihnen erinnern sich noch daran, wie Steve Jobs vor zehn Jahren das erste iPhone vorstellte. Er sprach damals von einem "revolutionären Produkt, das alles verändern wird" – und er hatte recht. Es ist Telefon, Kamera, Wecker. Und Terminkalender, Zeitung, Stereoanlage. Und Wegweiser, Bankfiliale und Einkaufszentrum. Alles in einem. Smartphones sind revolutionär. Vielleicht sind sie sogar zu revolutionär.

Fast jeder Deutsche unter 30 Jahren hat heute ein Smartphone. Mehr als vier Stunden, so viel wie Kristen Gallagher, sind sie im Schnitt täglich online. Das ergab der D21-Digital-Index, der vom Wirtschaftsministerium gefördert wird. Fast jeder zweite zwischen 18 und 29 Jahren findet seinen Internet-Konsum zu hoch, zeigte eine Studie der Techniker Krankenkasse im vergangenen Jahr. Die Menschen im Digital Detox Camp stellen sich also Fragen, die viele in unserer Generation umtreiben: Hänge ich zu viel am Smartphone? Warum aktualisiere ich schon wieder die Facebook-Timeline? Könnte ich das Ding nicht mal abschalten? Bin ich noch normal?

"Für ein neues Kapitel meines Lebens, das schöner, spaßiger und magischer wird als das letzte."
Kristen

Kristen Gallagher läuft durch ein Spalier aus singenden und schunkelnden Camp-Mitarbeitern in Zebra-Leggings und Tiger-Onesies. "Wie schön, dass ihr da seid!", schmettern sie in Dauerschleife. Dazu spielt eine Liveband, die in den kommenden vier Tagen gefühlt nie verstummen wird: Ein Kontrabass wummert, Ukulelen scheppern. Einige Camp-Besucher beginnen, zu der Musik zu tanzen. Andere stehen etwas unbeholfen daneben, noch irritiert von so viel Fröhlichkeit, als würden sie sich fragen: Ist das hier La La Land? Nur, wo ist Ryan Gosling?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/17.

An einem Tisch mit Stiften und Aufklebern bastelt Kristen sich ihr Namensschild. Alle im Camp sollen sich einen Spitznamen ausdenken, erklären die Mitarbeiter. Manche hier nennen sich Orca, Bulldozer oder Popcorn. Kristen schreibt "Lightning Bug" auf ihr Namensschild. Warum Glühwürmchen? "Ich komme aus Philadelphia", sagt sie. "Wir haben harte Winter. Wenn die Glühwürmchen um die Bäume schwirren, ist es das Zeichen, dass der Sommer kommt. Das Camp soll mein Glühwürmchen sein. Für ein neues Kapitel meines Lebens, das schöner, spaßiger und magischer wird als das letzte."

Die Idee zum Digital Detox Camp hatte Levi Felix. Vor neun Jahren arbeitete er rund um die Uhr in einem Tech-Start-up. Er war Anfang 20 und ständig online. Dann wurde er mit Erschöpfungssymptomen ins Krankenhaus eingeliefert. Das rüttelte ihn auf: Levi Felix zog mit seiner Freundin nach Kambodscha, auf eine Insel ohne Internet oder Handyempfang. Er wollte abschalten und stellte sich eine grundsätzliche Frage: Wie will ich leben? Zurück in den USA, gründete er mit seiner Freundin die Firma Digital Detox. Sie wollten Menschen dabei helfen, die Balance zwischen ihrem Online- und Offline-Leben zu finden. Mit Meditations- und Yogaseminaren zum Beispiel. Vor fünf Jahren organisierten sie zum ersten Mal das Detox-Camp in Kalifornien. Innerhalb weniger Tage waren alle Plätze ausgebucht. Es folgten weitere Camps, jedes Jahr. Levi Felix ist im Januar an einem Hirntumor gestorben, doch seine Freundin setzt sein Lebenswerk fort.

Es ist Freitag, der Nachmittag des ersten Tages des Digital Detox Camps. Kristen Gallagher sitzt auf einer Lichtung im Gras. Ein paar Meter entfernt glitzert ein eiskalter Bach. Alles, was man hört, ist das Gezwitscher der Vögel und ein dumpfes, klatschendes Geräusch aus der Ferne, vom Volleyballfeld. In einem Kreis neben Kristen sitzen 15 weitere Camp-Besucher. Nach der Ankunft wurden die Teilnehmer in Kleingruppen mit eigenem Betreuer und Tiernamen eingeteilt. Es gibt die Waschbären, Luchse, Rehe. Kristen ist bei den Spechten. Ein violettes Halstuch ist ihr Erkennungszeichen. Manche knoten es in ihre Haare, andere ums Hand- oder Fußgelenk.

Die meisten Teilnehmer sind keine Digital Natives. Sie haben zumindest einen Teil ihrer Kindheit ohne Internet und ohne Smartphones erlebt. Wer sich damals mit Freunden treffen wollte, musste einen Treffpunkt und eine verbindliche Uhrzeit ausmachen. "Wo bist du gerade?" oder "Sorry, komme zehn Minuten später!", das ging nicht. Wenn man den Weg nicht fand, konnte man nicht auf Google Maps nachschauen, sondern musste auf der Straße einen Fremden fragen. Ob es regnen würde, konnte man höchstens an den Wolken sehen, nicht in der Wetter-App. Kristen sagt: "Wenn ich als Kind den Anrufbeantworter abgehört habe, hab ich manchmal erst Stunden später zurückgerufen. Unvorstellbar heute."

Das Leben ohne Smartphone war viel komplizierter. Und doch fragen sich viele Menschen der letzten analogen Generation: War es nicht auch freier?