Kaufhäuser gehen pleite, aber der Online-Handel boomt. Das ist gut für Einsteiger. Zumindest wenn sie was von Technik verstehen.

ZEIT Campus: Herr Heinemann, knapp 70 Prozent der Deutschen kaufen online ein, der Internethandel wächst jährlich um zehn Prozent. Braucht man sich als Hochschulabsolvent überhaupt noch im stationären Handel zu bewerben, oder stirbt der ohnehin bald aus?

Gerrit Heinemann: Wer Lebensmittel verkaufen will, wird das auch in zehn Jahren noch großteils analog tun. Wer aber mit Elektronik oder mit Kleidung handeln möchte, sollte sich auch mit Online-Shops auskennen.

ZEIT Campus: Was raten Sie?

Heinemann: Man sollte seinen Berufsweg direkt bei einem Online-Händler wie Zalando starten oder zumindest in einem klassischen Versandhandelskonzern, der auch online aktiv ist, wie die Otto Group. Tut man das nicht, fehlt einem später Wissen. Etwa wie man Ware digital präsentiert oder wie sich online und offline sinnvoll verbinden lassen.

ZEIT Campus: Sollte man im Studium auch programmieren lernen?

Heinemann: Das hilft. Die besten Chancen hat, wer Verständnis für digitale Prozesse mitbringt, wie etwa die nutzerfreundliche Gestaltung einer Internetseite. Früher musste ein Filialleiter gut mit Kunden umgehen können und schauen, ob die Atmosphäre im Laden stimmt. Leiter eines Online-Shops haben keinen Kundenkontakt, ihr Fokus liegt auf Kennzahlen, wie etwa den Kosten pro Bestellvorgang. Dieser Beruf hat sich also verändert und stellt heute ganz andere Anforderungen an Bewerber. Natürlich gibt es aber auch weiterhin Positionen im Handel, für die IT-Kenntnisse weniger wichtig sind, etwa im Einkauf, in der Personalsuche oder in der Verwaltung.

ZEIT Campus: Gibt es Entwicklungen, die man als Einsteiger unbedingt auf dem Schirm haben muss, wenn man im Handel Karriere machen will?

Heinemann: Einkaufen per Smartphone. Amerikanische Händler machen bereits mehr als 50 Prozent ihrer Umsätze über mobile Geräte. Sie haben eigene Apps, in denen Kunden mit einem Klick einkaufen können. Das wird auch in Deutschland kommen, aber die Händler sind noch nicht so weit. Wer sich mit Kaufen per Smartphone gut auskennt, wird mittelfristig sehr gefragt sein.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/17.

ZEIT Campus: Wie kann man sich darauf im Studium vorbereiten?

Heinemann: Am besten mit einem Informatikstudium. Programmierer werden gesucht. Wer sich weniger für die technische Umsetzung, sondern für das Management des Online-Handels begeistert, kann aber auch weiter BWL studieren. Wichtig wäre, dass an der Uni viele Kurse zu E-Commerce vorgesehen sind. Bisher haben leider nur wenige deutsche Unis ihre Lehrpläne angepasst.

ZEIT Campus: Viele Online-Händler kommen aus den USA. Muss man nach dem Studium also erst mal ins Ausland?

Heinemann: Wer die Möglichkeit hat, bei einem der großen Online-Händler zu arbeiten, sollte das tun. Viele Innovationen, wie die 24-Stunden-Lieferung, die den Handel prägen, sind dort entstanden. Aber Amazon und eBay haben in Deutschland Tochterfirmen, und auch deutsche Händler bieten gute Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten.

ZEIT Campus: Wo verdient man mehr: online oder stationär?

Heinemann: Der stationäre Handel ist nicht für Spitzengehälter bekannt. Aber es gibt einen Wettbewerb um die besten Fachkräfte, was die Gehälter in die Höhe treibt. Davon können Einsteiger profitieren, wenn sie die richtigen Fähigkeiten mitbringen. Große Online-Händler zahlen oft deutlich mehr und bieten außerdem eine andere Arbeitskultur.

ZEIT Campus: Nämlich?

Heinemann: Im klassischen Handel gibt es mehr Hierarchien, der Weg zum Filialleiter ist vorgegeben. Online ist der Umgang locker, jeder ist per Du. Im stationären Handel wäre das revolutionär.