Er postet Selfies bei Instagram und will Ausländer rauswerfen. Er war mal Neonazi, jetzt hat er ein neues Projekt: Rechtsradikalismus hip machen.

Morgens um zehn Uhr am 1. Mai 2017 in Wien: In einem Parkhaus am Rande der Innenstadt stehen acht Männer Anfang zwanzig, zwei Frauen um die dreißig und ein älterer Herr mit weißen Haaren um ein Pappschild und mehrere rote, mit Helium gefüllte Ballons und schauen ratlos. Das Schild will einfach nicht fliegen. Selbst wenn man alle acht Ballons daranknotet, vier links, vier rechts, steigt es nicht in die Luft. Die Gruppe bräuchte mehr Ballons. Aber die gibt es nicht.

Martin Sellner ist genervt. Seit einer guten halben Stunde tigert der Leiter der Identitären Bewegung Österreich schon durch die Astoria-Hochgarage, schiebt zwei dünne Bachelorstudenten zur Seite und gibt immer barscher werdende Anweisungen. Seine Idee für heute war im Grunde ein Politik-Hack: Sellners Mitstreiter sollten sich unter die Sozialdemokraten mischen, die unweit von hier den Tag der Arbeit feiern. Dort sollten sie die Ballons mit dem Pappschild in den Himmel steigen lassen. "SPÖ" würde darauf zu lesen sein. Während der Rede des österreichischen Kanzlers Christian Kern würden sie dann einen etwas komplizierten Mechanismus auslösen, sodass das Schild den bis dahin verborgenen zweiten Teil ausklappt: "SPÖ – Islampartei" stünde dann gut sichtbar über der Bühne mit dem Kanzler. Vor den Anwesenden, vor den Fernsehkameras, vor den Fotografen. Das war der Plan. Aber nun dümpelt das Schild bloß 30 Zentimeter über dem Boden, und das ist natürlich Quatsch.

Martin Sellner, 28 Jahre alt, 20.000 Abonnenten auf YouTube, 18.000 Fans auf Facebook, mehr als 8.000 auf Twitter, immerhin knapp 3500 auf Instagram, ist einer der erfolgreichsten Influencer des neuen europäischen Rechtsradikalismus. Eines Rechtsradikalismus, dessen Anhänger nicht mehr im Gleichschritt marschieren und Ausländer durch die Straßen jagen, sondern mit provokanten Aktionen auf sich aufmerksam machen. In Berlin kletterten die Identitären im vergangenen Jahr auf das Brandenburger Tor, um dort ein Protestbanner gegen die deutsche Flüchtlingspolitik zu entrollen. In Italien, verkündete Sellner stolz auf Instagram, seien die Identitären drauf und dran, die Rettungsboote von NGOs mit einem eigens gecharterten Schiffchen zu blockieren, damit diese keine Flüchtlinge mehr aus dem Mittelmeer bergen können. Warum? Weil die Seenotretter aus Sicht der Identitären die Komplizen von Schlepperbanden sind und die Islamisierung Europas fördern.

(Die Aktion fand nach dem Abdruck des Texts in der ZEIT CAMPUS statt. Das von der Identitären Bewegung gecharterte Schiff wurde während der Aktion manövrierunfähig, ein Seenotretter für Flüchtlinge kam ihm zu Hilfe. Anm. d. Red., 4.10.2017.)

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/17.

Jahrelang konnte man sich darauf verlassen, dass Rechtsradikale uncool, plump und politisch nicht sonderlich klug auftreten. Jahrelange konnte man sich darauf verlassen, dass sie jeder Art von Zeitgeist, Style und Popkultur wenn nicht feindselig, dann wenigstens hilflos gegenüberstehen. Und jahrelang konnte man sich darauf verlassen, dass die allermeisten Rechtsradikalen dumm genug sind, früher oder später ihre Faszination für Adolf Hitler und das "Dritte Reich" hinauszuposaunen und sich so unmöglich zu machen.

Die Identitären machen es ihren Kritikern nicht so leicht. Wenn man ihnen glaubt, sind sie nicht mehr als eine Gruppe fröhlicher Patrioten. Ein paar Studenten und ihre Freunde, die ihre Heimat vielleicht ein bisschen mehr mögen als die meisten anderen Menschen. Die 50 Jahre nach 1968 die Aktionsformen von damals für sich entdeckt haben: Plakate, Proteste, Provokationen. Und die immer mehr werden. Aber das alles stimmt nicht wirklich.

Unter den Anführern der Identitären finden sich nur wenige ohne Neonazi-Vergangenheit. Der deutsche Verfassungsschutz hält die Identitären für "Extremisten", weil die Gruppe "Zuwanderer islamischen Glaubens oder aus dem Nahen Osten in extremistischer Weise diffamiert". Und schließlich ist die Identitäre Bewegung bei genauerer Betrachtung gar keine Bewegung, sondern eine überschaubare Gruppe, die bloß gut mit Social-Media-Accounts umgeht und sich dadurch größer machen kann, als sie ist. Das hat eine Recherche von ZEIT ONLINE ergeben.

Die Aktion am 1. Mai in Wien sollte eigentlich der Beweis sein, dass die neue Strategie der Rechtsradikalen funktioniert. Dass man mit Transparenten und Aktionen mehr erreichen kann als mit Massenaufmärschen und Brandanschlägen. Und dass es gelingen kann, die regierenden Sozialdemokraten ausgerechnet an ihrem wichtigsten politischen Feiertag öffentlich zu blamieren.

Martin Sellner, der einen Bachelor in Philosophie hat und ein abgebrochenes Jurastudium, ist so etwas wie der Justin Bieber und der Rainer Langhans des neuen Rechtsradikalismus in einer Person. Ein hübscher junger Mann mit akkurat gestutztem Haar und träumerischem Blick. Und ein kreativer Erfinder medienwirksamer, vielleicht sogar etwas gefährlich wirkender Proteste.

Bekannt aus YouTube: Das Zimmer von Martin Sellner, in dem er einige seiner Videos drehte. Im Regal stehen Bücher über politische Theorie und "Visual Storytelling". © Stefan Fürtbauer

Bis 2011 war Sellner ein Neonazi, engagierte sich bei einer mittlerweile verbotenen rechtsextremen Website und ist auf Fotos an der Seite des österreichischen Holocaust-Leugners Gottfried Küssel zu sehen. Sellner geht mit seiner Vergangenheit offen um, für ihn ist seine Zeit unter Holocaust-Leugnern und Alt-Nazis eine Jugendsünde. "Hätte es ein politisches Angebot wie die Identitären schon gegeben, als ich jung war, wäre ich nie und nimmer bei den Nazis gelandet", sagt Sellner.

Er startete sein eigenes Blog, schrieb aus rechtsradikaler Perspektive über Carl Schmitt, Oswald Spengler und Tocotronic und entdeckte dann den "Bloc Identitaire", eine französische Gruppe, die 2012 im Netz eine Kriegserklärung an die multikulturelle Gesellschaft veröffentlicht hatte. Aus Frankreich übernahm Sellner die Ästhetik, das etwas faschistoide schwarz-gelbe Logo und die zentralen Begriffe: Ab sofort sollte nicht mehr das Volk oder die Rasse gerettet werden, sondern die europäische Identität. Ab sofort forderte man nicht mehr "Ausländer raus!", sondern die "Remigration", was dasselbe bedeutet.

Durch seine Kontakte in rechte Burschenschaften konnte Martin Sellner bald auch Sponsoren von seiner neuen, rechtsradikalen Jugendgruppe überzeugen.

Er nutze die Gunst der Stunde, um sich selbst neu zu erfinden: Aus Martin Sellner, dem Neonazi, wurde Martin Sellner, der lässige Jungintellektuelle, der gerne Rapper wie Money Boy, LGoony und Yung Hurn hört, der konservative Philosophen zitiert und der auf Twitter, Instagram, YouTube, Facebook und in seinem eigenen Podcast sendet, sendet, sendet, um seine Vorstellung des neuen Rechtsradikalismus an sein Publikum zu bringen wie Beauty-Blogger Lippenstifte.

Es ist mittlerweile fast elf Uhr, der Rathausplatz in Wien hat sich gefüllt, der Bürgermeister spricht zu seinem Publikum: ältere Herren mit roten Nelken am Revers, pragmatische Seniorinnen in Allwetterjacken, Mittvierziger in leichten Steppwesten. Darunter, in der Mitte des Platzes mit den großen roten Ballons: ein Grüppchen der Identitären, das aber nicht weiter auffällt.

Den kompletten Morgen über hatte Martin Sellner beteuert, sich auf jeden Fall von der Kundgebung fernhalten zu wollen. Er hatte verkündet, den Erfolg der Aktion nicht dadurch gefährden zu wollen, dass er mit seinem mittlerweile in Österreich bekannten Gesicht die Aufmerksamkeit der Polizei oder der Antifa auf sich zieht. Doch dann hat er es nicht mehr ausgehalten, sich im Hintergrund zu halten. Er tänzelt am Rande der Demonstration umher, tippt auf seinem Handy, stellt sich demonstrativ auf eine Betonbarriere, bis die Polizisten zu tuscheln beginnen und ihn ein Kamerateam aus nächster Entfernung filmt. Erst als ihn ein paar Jugendliche in schwarzen Kapuzenpullis erkennen, die Köpfe zusammenstecken und dann entschieden auf ihn zumarschieren, will Sellner schnell weg.