Corinna und Lasse sind noch nicht lange ein Paar, da müssen sie eine Entscheidung treffen. Sie ist schwanger.

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Ich lag im Bett, als das Telefon klingelte. Morgens um sieben, Tiefschlafphase. Ich hörte, wie Cori zu mir sagte: "Lasse, wir sind schwanger." Wir waren erst drei Monate zusammen. Die Gefühle zwischen uns waren sehr schnell intensiv geworden. Aber mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Die Tragweite habe ich auch nicht realisiert. Ich sagte: "Ja, gut, ich komm dich besuchen. Dann schauen wir mal."

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Als ich die beiden Striche auf dem Test sah, habe ich laut "Oh, mein Gott!" gerufen. Erst vor ein paar Wochen hatte ich meinen Job gekündigt und mir einen Zwischenmieter für meine Wohnung in Düsseldorf gesucht. Sechs Monate lang wollte ich mit einer Freundin durch Spanien und Marokko reisen. Als ich Lasse anrief, war ich wie im Schockzustand.

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Ich schrieb einem Freund: "Lass mal treffen, ich muss dir was sagen." Er half mir, meine Gedanken zu sortieren. Bis dahin hatte ich nur über die kurzfristigen Folgen nachgedacht. Statt "Das bringt mein ganzes Leben durcheinander!" überlegte ich: "Was bedeutet das für meine Pläne im Sommer?" Mit meinem Kumpel konnte ich dann auch über die Option sprechen, das Kind nicht zu bekommen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/17.

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Lasse kam nachmittags zu mir, mit diesem verschmitzten Lasse-Blick, der mich sofort beruhigt hat. Wir haben dann erst mal die Sendung mit der Maus geguckt, "Wie entsteht ein Kind?", weil wir darauf klarkommen mussten. Danach saßen wir lange am Rhein und haben geredet. Und schließlich sind wir ins Kino gegangen, in den erstbesten Film: Wolverine, Action mit viel Gemetzel. Wir fanden den Film beide ziemlich bescheiden. Aber es hat uns dazu gebracht, zwei Stunden lang nicht darüber nachzudenken, was gerade mit unserem Leben passiert.

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Cori hat so eine süße Eigenschaft: Immer wenn sie einen Satz beendet, lacht sie. Auch an diesem Tag. "So, was machen wir denn jetzt, Lasse, Mensch?", fragte sie. Es hat mir total geholfen, dass sie nicht so verzweifelt war. Ich hatte eine kleine Tendenz zur Abtreibung. Aber ich habe das nicht ganz so formuliert. Ich wollte Cori nicht drängen.

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Lasse war kein One-Night-Stand, mit ihm fühlte sich alles richtig an. Nach dem Test dachte ich: "Okay, jetzt tappen wir im Dunkeln." Aber auch: "Wie schön ist das denn?" Als wir dann über Abtreibung sprachen, war das für mich ein Dämpfer.

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Es war schon länger geplant, dass Cori ein paar Tage mit Freunden in den Ski-Urlaub fahren würde. Wir beschlossen, dass wir uns danach entscheiden wollen. Während sie weg war, wurde mir klar: Ich bin gerade fertig mit der Uni, bald fange ich mein Referendariat an, und das mit Cori ist was Besonderes. Es gibt kein einziges Argument dagegen.

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Im Urlaub habe ich gemerkt, wie sich mein Körper verändert hat. Ich war müder als sonst und hatte das Bedürfnis, das Würmchen in mir zu schützen. Sonst bin ich total die Pistensau, jetzt wollte ich nicht so krasse Strecken fahren. Als ich zurückkam, war für uns beide klar: Wir bekommen das Kind.

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Nach der Entscheidung fühlte sich alles ganz leicht an. Aber dann bekam Corinna Unterleibsschmerzen und Blutungen. Wir fuhren in die Notaufnahme. "Es sieht nicht gut aus", sagte der Gynäkologe. Dreißig Prozent der Kinder würden in den ersten drei Monaten sterben. Ich war geschockt. Cori musste sich sofort ins Bett legen, durfte sich nicht bewegen. Nach zwei Wochen im Krankenhaus gab der Arzt Entwarnung: "Sie können sich darauf einstellen, dass Sie ein Kind bekommen." Ich habe mich so gefreut. Als wären wir zum zweiten Mal schwanger geworden.

Ein Moment, zwei Perspektiven: Laura Cwiertnia fragt zwei Menschen unabhängig voneinander nach einem gemeinsamen Erlebnis. Corinna und Lasse wollten offen über Gefühle sprechen, aber ihre Nachnamen für sich behalten. Auch was zu erzählen? Schreibt an: laura.cwiertnia@zeit.de