Die Stimme einer Generation, so werden junge Autoren oft bezeichnet. Vier von ihnen sprechen über Neid und die Begriffe, die ihnen übergestülpt werden.

ZEIT Campus: Jakob, du warst 2017 mit deinem Roman Schreckliche Gewalten für den Deutschen Buchpreis nominiert, den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Philipp, du warst 2016 auf der Shortlist. Wie präsent ist der Wettbewerbsgedanke beim Schreiben?

Philipp Winkler: Bei mir im Studium haben ständig alle geguckt, wer für welche Preise nominiert ist und wer welche Autorenstipendien bekommt. Das war albern. Aber vielleicht ist es nicht verkehrt, dass man schon früh lernt, mit diesen blöden Gefühlen umzugehen. Heute habe ich das nicht mehr.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Jakob Nolte: Ich kenne das Neidthema auch von der Uni. Mittlerweile bin ich gelassener. Wenn Olga ein gutes Theaterstück schreibt und das gefeiert wird, freue ich mich. Ich schreibe ja eh nicht wie Olga. Mein Bedürfnis danach, dass alle nur meine Sachen lesen und mich danach streicheln, ist nicht mehr so groß wie früher.

ZEIT Campus: Wie seid ihr zum Schreiben gekommen?

Philipp: Bei mir ist der Grund ziemlich lame: durch das Studium. Ich hatte gehört, dass man an der Uni in Hildesheim Literarisches Schreiben studieren kann. Ich war gerade durch mit dem Abi, und das klang nach einem Studium, bei dem ich nicht pauken muss. Deshalb habe ich mich beworben.

Jakob Nolte, 29, studierte Szenisches Schreiben in Berlin. Er schreibt Drama und Prosa, sein zweiter Roman "Schreckliche Gewalten" war für den Deutschen Buchpreis 2017 nominiert. © Clara Nebeling

ZEIT Campus: Du hattest davor noch nie einen Text geschrieben?

Philipp: Na ja, meine Mutter hat mir mal erzählt, dass ich in der ersten Klasse kurze Geschichten geschrieben habe. Aber sonst nicht.

Fatma Aydemir: Bei mir war es ähnlich. Ich hatte keine Ahnung, was ich studieren soll, also habe ich mich für Germanistik eingeschrieben. Bis dahin hatte ich nicht mal gerne gelesen. Also, Zeitung schon, aber keine Romane. Man muss das Lesen ja auch erst lernen, irgendwie. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr Bock hatte ich, eine eigene Geschichte aufzuschreiben.

ZEIT Campus: Jakob, du hast szenisches Schreiben studiert. Wie war das?

Jakob: Für mich war das gut, weil ich die ganze Zeit Lust hatte zu arbeiten und auch die ganze Zeit gearbeitet habe. Und meine Dozenten haben mich motiviert. Außerdem gibt es bei Theatertexten eine Technik, die man lernen kann: Wie wird eine Szene gebaut? Wie geht ein Spannungsbogen? Mit diesen Sachen umgehen zu können finde ich wichtig.

Olga Bach: Wenn ich das jetzt so von dir höre – die Technik habe ich nie gelernt, die Kontakte über die Uni habe ich auch nicht. Das fehlt mir, ich studiere Rechtswissenschaften. Ich bin trotzdem froh, dass ich mich in beiden Disziplinen bewege. Klar bleibt ein Risiko, dass ich nichts davon wirklich hinkriege. Aber im besten Fall kann ich beides kombinieren.

Dieses Interview erschien zusammen mit einer Modestrecke in ZEIT Campus. Hier Fatma (links) und Olga. Fatma Aydemir, 30, wurde für ihren ersten Roman "Ellbogen" mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis für das beste literarische Debüt des Jahres 2017 geehrt. © Clara Nebeling

Jakob: Ich beneide Leute, die nicht Schreiben, sondern etwas anderes studiert haben. Da bringt man noch anderes Know-how mit.

Fatma: Und es klingt schon sexy, wenn jemand sagt: "Ich schreibe, aber nebenher studiere ich auch Jura."

ZEIT Campus: Jungen Autoren und Autorinnen wird in Rezensionen schnell mal die Floskel "die Stimme der Generation" aufgedrückt. Wie findet ihr das?

Olga: Fürchterlich. Mit meinem ersten Stück, Die Vernichtung, war das ganz extrem.

Fatma: Um was ging es?

Olga: Um Leute, die die ganze Zeit nur Party machen und im Nichtstun gefangen sind, die die Verhältnisse hassen. Ältere Leute kamen zu mir und fragten mich: "So seid ihr Mittzwanziger also?" Keine Ahnung, ob wir alle so sind. Ich kann nicht sagen, was unsere Generation ausmacht. Außer vielleicht, dass wir alle das Internet nutzen.

Jakob: Der Generationsbegriff ist eine Riesenkatastrophe. Es wird dabei immer nur ein Milieu herausgegriffen und so getan, als wäre die ganze Generation wie dieses eine Milieu.

Philipp Winkler, 31, hat Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim studiert. Er veröffentlichte seinen Roman "Hool" 2016 und landete damit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. © Clara Nebeling

Olga: Der Begriff verleugnet auch so krass den Fakt, dass wir uns in einer Klassengesellschaft befinden. Und dass es regionale Unterschiede gibt. Jungen Menschen so einen Begriff überzustülpen ist selbstgefällig. Als wären wir in einem Zoo eingesperrt, und die Leute geilen sich an diesen Lebenswelten auf.

Fatma: In den Rezensionen zu meinem Buch Ellbogen fiel das Wort "Milieustudie" sehr oft. Das klingt immer so, als ginge es um etwas Abseitiges. Dabei handelt mein Buch einfach von Deutschtürken in Berlin. Wer da von Milieustudie schreibt, war offenbar noch nie in einem türkischen Wohnzimmer. Das finde ich schon ziemlich weird.

ZEIT Campus: Philipp, in deinem Debütroman geht es um Hooligans. Seither wirst du immer für einen gehalten. Nervt das?

Philipp: Ja, total. Gleichzeitig verstehe ich das aber auch. Der Roman spielt dort, wo ich aufgewachsen bin, dann ist es noch ein Ich-Erzähler. Schon klar, warum die Leute drauf kommen, dass das autobiografisch sein könnte.

Jakob: Bei mir ist es genau andersherum. Weil meine Texte nicht in realistischen Welten spielen, fragt mich niemand, wo denn ich in dem Buch drinstecke.

ZEIT Campus: Bist du der Werwolf aus deinem Roman?

Jakob: Ich würde gern ausführlich darüber sprechen!

(Alle lachen)

ZEIT Campus: In vielen Städten müssen die Buchhandlungen schließen. Habt ihr manchmal Angst um eure Zukunft?

Fatma: Also ich nicht. In Deutschland interessieren sich die Leute für Literatur, sie kaufen Bücher. Das merke ich auch bei Lesungen in kleinen Orten, die ich vorher nicht mal kannte. Da kommen viele Leute. Wenn ich das jetzt mit der Türkei vergleiche, wo kein Mensch Geld verdient mit dem Bücherschreiben. Nicht mal Orhan Pamuk, behaupte ich, ist von seinen türkischen Büchern reich geworden, eher von den Übersetzungen.

Jakob: Ich habe mal gehört, dass insgesamt zwar weniger Titel, aber in der Masse nicht weniger Bücher gekauft werden. Außerdem geht es uns im deutschsprachigen Raum doch gut: Wir können auch in Österreich und in der Schweiz gelesen werden.