Saufen und Rockstarpartys? Nicht mehr jeden Tag. Kraftklub im Interview über Probleme unserer Generation, frauenfeindliche Lyrics und den körperlichen Verfall auf Tour.

"Ich will nicht nach Berlin": Mit diesem Song wurden Kraftklub berühmt. Das war vor sechs Jahren. Inzwischen sind sie eine der erfolgreichsten Indie-Rock-Bands in Deutschland. Ihr aktuelles Album "Keine Nacht für Niemand" stürzte im Sommer sogar Schlagerqueen Helene Fischer von Platz eins der Charts. Die fünf Jungs leben immer noch in Chemnitz, ihrer Heimatstadt. Bevor Kraftklub Ende Oktober auf Tour gehen, trafen wir sie zum Mensagespräch zwanzig Minuten von zu Hause entfernt: in der Hochschule Mittweida.

ZEIT Campus: Steffen, du bist der Einzige von euch, der studiert hat. Zum Interview seid ihr fast eine halbe Stunde zu spät gekommen. War das in deiner Uni-Zeit auch so?

Steffen Israel: Wenn wir uns nicht verfahren hätten, wäre ich heute zum ersten Mal pünktlich an der Hochschule gewesen!

Felix Brummer: Wir sind durch Mittweida gefahren, und Steffen fragte: "Wo war die Mensa noch mal?" Dann kam schon das Ortsausgangsschild. Ich dachte: Jetzt kommt endlich raus, dass Steffen nie studiert hat.

Steffen: Ich war fünf Jahre nicht mehr hier! Mittweida ist eine Stadt im Wandel. Man muss sich erst wieder zurechtfinden.

Felix: Man glaubt es kaum, aber selbst wir Chemnitzer schauen noch auf einen Ort herab. Und das ist Mittweida.

ZEIT Campus: Steffen, warum hast du ausgerechnet hier dein Studium begonnen?

Steffen: Ich wollte nach Leipzig, aber die wollten mich nicht. Deshalb habe ich mich in Mittweida für Multimediatechnik eingeschrieben, das ging ohne Aufnahmetest, war aber leider sehr trocken.

ZEIT Campus: Was ist hängen geblieben?

Steffen: Wie man einen Videorekorder bedient. Nein, ehrlich, nicht viel. Die Techniktheorie habe ich nach der Prüfung sofort wieder vergessen. Ich war 14 Semester eingeschrieben, aber nur drei Jahre aktiv.

ZEIT Campus: Wie können wir uns dein Studentenleben vorstellen?

Steffen: Es gab viele, die hier coole WGs gegründet haben. Ich nicht. Drei oder vier Tage die Woche bin ich hergeeiert. Ich konnte mich nie mit Mittweida identifizieren und war im Nightlife in Chemnitz unterwegs.

ZEIT Campus: Hier warst du nie feiern?

Steffen: Nein, nur einmal habe ich bei einer Uni-Party die Garderobe gemacht. Damit habe ich für irgendein Seminar noch einen Punkt bekommen. Ich habe die Kurse abgearbeitet, bei denen man sich irgendwie durchmogeln konnte. Vor der Bachelorarbeit habe ich mich dann aber gedrückt.

Felix: Wir haben Steffen immer gesagt: "Alter, warum beendest du das nicht? Ihr macht euch etwas vor: Die Hochschule macht dir vor, dass sie dir was bringt. Du machst der Hochschule vor, dass du kurz vorm Bachelor bist."

Steffen: Mit der Kombination aus wenig Zeit und wenig Bock konnte ich das Studium nicht mehr durchziehen. Meine Ausrede war: "Ich muss jetzt Rock ’n’ Roll machen!"

ZEIT Campus: Und ihr anderen? Wolltet ihr nicht studieren?

Max Marschk: Ich war ebenfalls hier in Mittweida eingeschrieben, für Medientechnik. Aber als das Semester im Oktober 2010 losging, stand fest, dass wir mit Casper auf Tour gehen werden. Also war ich nur einen Tag an der Hochschule und habe dann gesagt: "Nö, ich will doch nicht."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Karl Schumann: Ich habe eine Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten angefangen. Das ist sozusagen eine Stufe unter Mittweida. Ich habe auch wegen der Tour hingeschmissen.

Till Brummer: Mit Ach und Krach habe ich die Realschule beendet und dann eine Kellnerlehre abgeschlossen.

Felix: Bei mir lief das ganz glücklich. Nach dem Abi kam direkt die Band, ich musste nicht mal etwas abbrechen.

ZEIT Campus: Wenn niemand mehr eure Platten kauft, gibt es dann einen Plan B?

Steffen: Was wir jetzt machen, ist schon unser Plan B. Plan A war ja das Studium.

Felix: Genau. Ich bin überzeugt davon, dass es für Leute mit Plan B schwer wird, auch noch Plan A umzusetzen.

Steffen: Wir sind längst abgehoben und können nichts anderes als Rockstars sein.

Felix: Irgendwie muss ja die Kokainsucht finanziert werden.

Max: Mal ehrlich, wenn ich Geld bräuchte, hätte ich kein Problem damit, auf Montage zu fahren und zu buckeln. Ich habe lange meinem Bruder nachgeeifert und gedacht: "Ich muss mein scheiß Abi machen und studieren." Jetzt hat mein Bruder sein Geografie-Diplom und kümmert sich um unser Merchandise.

ZEIT Campus: Ihr habt euer drittes Album Keine Nacht für Niemand im vergangenen Jahr geschrieben. Da passierte der Brexit, Donald Trump wurde gewählt, und viele diskutierten über Flüchtlinge. Welchen Einfluss hatte das auf euch?

Felix: Alles ist krasser geworden. Wir haben Freunde, die Teile ihrer Familie nicht mehr zu ihrer Hochzeit einladen, weil sie sich über die Flüchtlingskrise so in die Haare bekommen haben. Ich glaube, jede Generation hat ihre Krisen und Probleme, an denen sie sich abarbeiten muss. Bei unseren Eltern war es der Kalte Krieg. Bei uns sind es Brexit, Trump und Erdoğan. Mir wird manchmal mulmig, trotzdem glauben wir nicht, dass die Welt ein Kraftklub-Statement dazu braucht.

ZEIT Campus: Der Song Fenster klingt aber so. Ihr singt: "Ich verliere die Geduld, scheiß Wetter, kein Geld, die Eliten sind schuld". Das kann man leicht falsch verstehen.

Felix: Ja, es gab einen AfD-Fritzen, der den Song in den sozialen Medien geteilt hat, weil er ihn als Aufruf zur Revolution interpretierte. Das war ein Missverständnis.