Der Kriminalist Axel Petermann ist eigentlich im Ruhestand. Trotzdem löst er noch Mordfälle – auch gegen den Willen seiner Kollegen.

Auf dem Weg zum Interview wird Axel Petermann gestoppt. "Sie müssen Ihr Auto woanders abstellen", sagt die Frau an der Rezeption des Instituts für Rechtsmedizin in Hamburg. "Das da sind die Parkplätze für Leichenwagen!" Petermann murrt: "Es ist doch genug Platz." Die Frau: "Was meinen Sie, was hier heute noch los sein wird!" Da parkt Petermann sein Auto um. Wenn einer weiß, dass ständig gestorben wird, dann er. Axel Petermann, 65, leitete die Mordkommission der Polizei in Bremen und ist Hochschuldozent für Kriminalistik. In 35 Berufsjahren bearbeitete er mehr als tausend Todesfälle. Doch auch nach der Pensionierung kommt er von den Toten nicht los. Wir setzen uns in die Bibliothek des Instituts.

ZEIT CAMPUS: Herr Petermann, wir treffen uns heute in der Rechtsmedizin in Hamburg. Warum ausgerechnet hier?

Axel Petermann: Ich bin nachher mit dem Leiter des Instituts verabredet. Ich hoffe, dass er mir bei einem Fall weiterhelfen kann.

ZEIT CAMPUS: Worum geht es?

Petermann: Um einen Mord vor über zehn Jahren. Eine Frau aus Süddeutschland wurde in ihrer Wohnung getötet. Ein Angehöriger wurde verurteilt und sitzt bis heute im Gefängnis. Seine rechtlichen Möglichkeiten sind ausgeschöpft: Der Bundesgerichtshof hat die Revision abgewiesen, der Europäische Gerichtshof die Beschwerde auf Wiederaufnahme des Falles. Doch seine Familie glaubt an die Unschuld des Mannes. Deshalb haben sie mich um Hilfe gebeten.

ZEIT CAMPUS: Was können Sie noch tun?

Petermann:  Ich habe das Urteil und einen Teil der Akte gelesen, und mir ist aufgefallen, dass manches, was die Ermittler und Gutachten aussagten, so nicht stimmen kann. Es heißt dort etwa, das Opfer sei mehrmals mit einem Werkzeug geschlagen worden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

ZEIT CAMPUS: Und?

Petermann:  In Wunden bilden sich Blutseen. Wenn dort ein Werkzeug auftrifft, spritzt das Blut. Doch dort, wo der Mord laut den Ermittlern geschehen sein soll, waren nirgendwo Blutspritzer zu sehen. Da werde ich stutzig.

ZEIT CAMPUS: Eigentlich sind Sie im Ruhestand. Warum bearbeiten Sie noch Fälle?

Petermann: Die Arbeit macht mir Spaß. Manchmal nehme ich Geld. Vor allem ist mir aber wichtig, dass Angehörige Antworten bekommen. Dass ungeklärte Fälle und die Opfer nicht in Vergessenheit geraten. Und dass zu Unrecht Verurteilte rehabilitiert werden.

ZEIT CAMPUS: Wie viele solcher Anfragen für Privatermittlungen bekommen Sie?

Petermann: Ein bis zwei im Monat, aber ich nehme nur wenige an. Eine der letzten war von einer Familie, deren 15-jährige Tochter von einem Fels gesprungen ist. Sie hatte keinen Hinweis hinterlassen, dass sie sterben will, deshalb gingen die Eltern von einem Verbrechen aus. Ich habe abgelehnt, da aktiv zu werden.

ZEIT CAMPUS: Warum?

Petermann: Für Angehörige ist ein Verbrechen oft leichter zu ertragen als ein Suizid. Ich habe den Fall geprüft und glaube nicht, dass die Ermittler schlechte Arbeit geleistet haben. Alles spricht für eine Selbsttötung.

ZEIT CAMPUS: Machen Polizisten bei ihren Ermittlungen oft Fehler?

Petermann: Es kommt vor. Ein Beispiel ist mein erster Mordfall, Anfang der achtziger Jahre. Damals war der Torso einer Frau gefunden worden. Das Opfer konnte schnell identifiziert werden, der Täter nicht. Ich machte in meinen Notizen einen Bindestrich vor der Angabe zur Umgebungstemperatur der Leiche. Der Rechtsmediziner deutete diesen Bindestrich als Minus und errechnete deshalb einen falschen Todeszeitpunkt. Die Folge war, dass keiner der Menschen, die kurz vor dem Tod der Frau bei ihr gewesen waren, für uns als Tatverdächtige infrage kamen. Erst nach mehreren Wochen fiel mir der Fehler auf.

ZEIT CAMPUS: Was haben Sie daraus gelernt?

Petermann: Dass man seinen Ergebnissen nicht trauen darf. Und Zeugenaussagen erst recht nicht. Einer der Zeugen gab an, am Silvesterabend mit der Dame Bier getrunken zu haben, ein anderer wollte ihr ein frohes neues Jahr gewünscht haben. Dabei lag sie da schon seit zwei Tagen zerstückelt im Keller.

ZEIT CAMPUS: Sind Polizisten nicht misstrauisch genug?

Petermann: Ich will die Arbeit der Ermittler nicht schlechtreden. In Deutschland werden mehr als 90 Prozent aller Mordfälle aufgeklärt und meistens die Richtigen verurteilt. Aber es gibt immer wieder Fälle, bei denen Ermittler ihren eigenen Hypothesen zu große Bedeutung zumessen und Widersprüche ignorieren. Ich habe nahezu 20 Jahre lang Polizisten ausgebildet; ich leite Seminare für Studenten der Forensischen Bioinformatik. Und stets versuche ich, zu vermitteln, dass man alle Informationen überprüfen sollte, egal von wem sie kommen. Ich lehre kritisches Denken.