Drei Geschichten von Menschen, die eine Entscheidung fürs Leben getroffen haben

Stadt oder Land?

Tassilo Lex wollte raus aus der Provinz. Doch in der Großstadt merkte er, wie sehr er den Klang der Wellen auf dem Chiemsee vermisst.

Die Aale sind so glitschig, dass sie Tassilo aus den Händen gleiten. Mit einem Netz hat er sie eben aus dem Chiemsee gezogen, nun zappeln sie auf dem Boden seines Motorbootes und springen in die Höhe. Tassilo sortiert Hechte, Barsche und Aale in verschiedene Eimer auf seinem Boot. Ein paar kleine Zander und Welse wirft er zurück ins Wasser. "Die dürfen noch wachsen", sagt er und kurbelt die Reuse, ein Netz mit fast 200 Meter Spannweite, wieder hinunter auf den Seegrund. Seit fünf Uhr morgens ist Tassilo Lex, 25, bei der Arbeit. Er ist Fischer.

Eigentlich wollte Tassilo Ingenieur werden. Er hat dafür studiert, mehrere Semester an der Technischen Universität München. Doch dann traf er eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. Und jetzt, während seine ehemaligen Kommilitonen noch schlafen, steht er auf dem Boot. Direkt nach dem Aufstehen, noch vor dem Frühstück, hat er seine Fischerlatzhose und Gummistiefel angezogen und ist raus auf den See gefahren, um nach den Netzen zu schauen.

Den Arbeitsalltag eines Fischers kennt er, seit er ein Kind war. Seinem Vater gehört eine Fischerei auf der Fraueninsel in der Mitte des Chiemsees. Seit 160 Jahren und sechs Generationen verdient die Familie so ihr Geld. Als Fischer kann man nie ausschlafen. Auch bei Minusgraden, bei Schnee und Sturm fährt man raus. In der Hauptsaison, von Juli bis Oktober, ist kein einziger Tag frei. Tassilo wollte das nicht. Er hatte nie vor, in den Familienbetrieb einzusteigen. Die Nachfolge war durch Florian gesichert, seinen Zwillingsbruder. Während Tassilo sein Abitur machte, absolvierte Florian eine Ausbildung bei seinem Vater. "Darüber war ich damals froh", sagt Tassilo. "Florian nahm mir den Druck, die Familientradition weiterführen zu müssen."

Es schaukelt auf dem Boot. Die Morgensonne lässt das Wasser glitzern. Tassilo steuert zur nächsten Reuse und zieht dort die schweren Netze aus dem Wasser. Die Haare fliegen ihm ins Gesicht, sein Nacken ist rotbraun. Auf seinen Oberarm hat er sich das Wappentier Sri Lankas tätowieren lassen, einen Löwen. Nach dem Abitur war er dort auf Reisen und überlegte, was er mit dem Abi anfangen kann: Ingenieur werden vielleicht. Er war in der Schule gut in Physik gewesen. Als er aus Sri Lanka zurückkam, schrieb sich Tassilo an der TU München für Elektrotechnik ein.

Aufstehen, anziehen, Netze prüfen. Tassilo Lex ist schon vor dem Frühstück draußen auf dem Chiemsee. © Daniel Delang

Es reizte ihn nicht nur das Studium. "Ich war auch neugierig auf das Leben in der Großstadt", sagt Tassilo. Wo Clubs auch unter der Woche und Supermärkte bis abends geöffnet haben. Wo es an jeder Ecke Kneipen gibt. Auf der Fraueninsel gibt es nur ein Kloster, ein paar Wirtshäuser für die Touristen, einen kleinen Tante-Emma-Laden. Die nächste Disco ist 30 Kilometer entfernt. Für größere Einkäufe, Arztbesuche oder um zur Schule zu gehen, müssen die rund 300 Bewohner der Insel mit einem Boot auf das Festland fahren.

Tassilo legt wieder am Ufer an. Zwei Stammkundinnen mit leeren Tupperdosen warten dort schon auf ihn und erkundigen sich nach dem Fang. "Ein paar besonders schöne Aale sind dabei", sagt Tassilo. Er trägt den Eimer mit den Fischen vom Boot zum Laden, wo sie verarbeitet und verkauft werden. An vielen Abenden spürt Tassilo jeden Muskel in Armen und Beinen, sagt er. Oft fällt er um 22 Uhr erschöpft ins Bett.

Sein Leben in München war ein komplett anderes: Jeden Tag gab es etwas Neues zu entdecken, abends zog er mit Freunden durch Biergärten, Bars und Clubs. Tagsüber lernte er. Trotzdem musste er Prüfungen wiederholen. Er begann zu zweifeln: War Elektrotechnik doch nicht das Richtige? Nach einem Semester wechselte Tassilo zu Bauingenieurwesen. In den Semesterferien fuhr er nach Hause, um im Betrieb zu helfen.

Es war im vierten Jahr in München, als Tassilo zum ersten Mal keine Lust mehr auf das Stadtleben hatte. Auf die Kneipen, die U-Bahnen und die vielen Menschen. Er vermisste das Rauschen der Wellen. Das Angeln, Segeln, Kitesurfen. Das Grillen mit Freunden auf der Nachbarinsel. Er fragte sich, wo sein Platz in der Welt ist. Wollte er wirklich sein Leben lang als Bauingenieur arbeiten? In einem Büro, am Computer? Tassilo sagt: "Ich will anpacken und am Ende des Tages sehen, dass ich etwas geschafft habe."

Er begann, einmal im Monat zum Chiemsee zu fahren, bald sogar jedes Wochenende. Während seine Kommilitonen sich fürs Ausgehen verabredeten, freute er sich plötzlich auf die Zugfahrt nach Hause. Auf den Anblick, wenn sich die Alpen am Horizont abzeichnen: Kampenwand, Hochfelln, Hochgern, Tassilo kennt jeden Gipfel beim Namen. Manchmal glüht der Himmel in allen Rottönen. "An diesem Anblick werde ich mich nie sattsehen", sagt Tassilo. Ihm wurde klar, dass er hierher gehört.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Tassilo bindet sich eine Plastikschürze um. Auf der Insel, in einem weiß gefliesten Hinterraum des Ladens, fährt er mit einem Messer den Fischkörper entlang, um die Schuppen zu entfernen. Er schlitzt die Bäuche auf und zieht die Innereien heraus. Einen Teil des Fangs räuchert die Familie selbst und verkauft sie im Laden. Den anderen Teil fahren sie mit einem Bollerwagen zu den Wirtshäusern auf der Fraueninsel oder liefern ihn an Restaurants in ganz Deutschland aus. Zuletzt fischte der Betrieb jedes Jahr mehr als im Vorjahr. "Aber es können schlechte Zeiten kommen", sagt Tassilo. An anderen Seen sterbe der Beruf aus. Am Bodensee etwa war 2015 das schlechteste Jahr für die Fischerei seit einem halben Jahrhundert. Dort zogen die Fischer 260 Tonnen Fisch aus dem Wasser. 500 Tonnen mehr hätten sie gebraucht, damit es genug für alle Berufsfischer vor Ort gewesen wäre. "Ein Job als Bauingenieur verspricht mehr Sicherheit", sagt Tassilo. "Aber das ist mir egal."

Heute sagt er das mit Überzeugung. Vor gut zwei Jahren quälten ihn solche Gedanken: Soll er sein zweites Studium abbrechen? Die WG in München aufgeben? Die neuen Freunde verlieren? Wieder zu seinen Eltern ziehen? Denen sagte er zunächst nichts von seinen Zweifeln. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil meine Eltern viel Geld für mein Studium bezahlt haben", sagt Tassilo. "Und ich fragte mich auch: Bringe ich nicht im Betrieb alles durcheinander?" Wenn er in den Ferien mithalf, waren die Hierarchien klar: Sein Bruder, Vater und Opa sind Fischermeister, Tassilo die Aushilfe. Wenn er jetzt in den Betrieb mit einstiege, würde dann sein Bruder denken, Tassilo wolle ihm den Platz streitig machen?

Fischer zu werden, bedeutete, von vorn anzufangen. Kurz bevor die Bachelorarbeit für ihn anstand.

Am Ende half ihm seine Familie, eine Entscheidung zu fällen: Sie hatten gemerkt, dass Tassilo häufig betonte, wie sehr er sich auf zu Hause freute. Dass er erwähnte, im Studium laufe es nicht wie erhofft. Am Ende der Semesterferien fragte ihn sein Vater aus dem Nichts beim Abendbrot, ob er nicht nach Hause kommen und eine Ausbildung anfangen wolle, wie sein Bruder. Das bedeutete: von vorn anfangen, nur ein Semester bevor die Bachelorarbeit anstand. Tassilo sagte zu, ohne zu zögern. Zurück in München, kündigte er sein Zimmer, verabschiedete sich von Freunden. Die sieht er noch einmal im Monat zu einem Stammtisch. In seiner Familie freuen sich alle über Tassilos Rückkehr, auch Florian. Von ihm lernte Tassilo etwa, wie man das Messer richtig hält, wenn man Renken filetiert oder bei einem Hecht mit einem V-Schnitt die Gräten entfernt.

Noch stehen auf dem Schild vor dem Laden die Namen des Vaters und des Bruders: "Thomas und Florian Lex". Im Herbst wird die Familie besprechen, wie es im Betrieb weitergehen soll. Damit alle gut leben können, müssen sie mehr Fische fangen, mehr Restaurants beliefern, den Online-Versand ausbauen. Tassilo hat Ideen: Vielleicht einen zweiten Laden eröffnen oder einen Verkaufswagen anschaffen.

Gegen 18 Uhr kehren die Touristen aufs Festland zurück, dann gehört die Fraueninsel wieder ihren Bewohnern. Wenn der Laden schließt, fährt Tassilo oft noch mal raus auf den See. Segeln oder Kitesurfen. "Aber nicht zu lange", sagt er. "Um halb fünf klingelt wieder der Wecker."

Text: Kathrin Hollmer