André sitzt im Büro, als seine Freundin Dominika schreibt: Sie muss ins Krankenhaus. Sofort

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Mein linkes Auge zuckte, seit ein paar Wochen schon. Vermutlich der Stress. Als es nicht besser wurde, ging ich zum Arzt. Ich dachte, der gibt mir irgendwelche Tropfen dagegen. Stattdessen sagte er: "Ich schreibe Ihnen eine Notfallüberweisung, am besten nehmen Sie sofort ein Taxi in die Klinik." Im Auto schrieb ich André. Er antwortete nur: "OK". Ich glaube, er hat sich nicht so viele Gedanken gemacht.

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Ich saß gerade in einem Meeting, als ich Dominikas Nachricht las. Danach war ich völlig neben der Spur, aber ich wollte sie nicht beunruhigen. Seit sechseinhalb Jahren verbringen wir fast jeden Tag miteinander. Ich weiß, dass sie schnell in Tränen ausbricht. Ich sagte zu meinem Chef: "Kann sein, dass ich gleich abhauen muss." Er ließ mich sofort gehen.

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In der Klinik steckten sie mir eine Nadel in den Rücken, um mir Hirnwasser zu entnehmen. Das hatte ich mal bei Dr. House gesehen. Die Schmerzen waren nicht so schlimm wie erwartet, aber ich spürte eine furchtbare Beklemmung. Dann wurde ich ins MRT geschoben. Es war eng und laut. Ich hatte noch nie solche Angst wie in den 25 Minuten in diesem Gerät. Ich war mir auf einmal ganz sicher, dass ich einen Hirntumor habe.

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Meine Mutter ist vor sieben Jahren an Leukämie gestorben. Sie lag in derselben Klinik in Köln, in der Dominika jetzt war. Die Flure, das Zimmer, der Geruch, ich konnte mich noch an alles erinnern.

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Nach den Untersuchungen lag ich allein im Krankenzimmer, hatte eine Kanüle im Arm und riesigen Hunger. Ich hatte nicht mal gefrühstückt. Der Chefarzt kam und sagte: "Einen Gehirntumor haben Sie nicht." Ich war so erleichtert. Er sagte: "Ihr Befund weist auf eine Autoimmunerkrankung hin." Alles besser als Krebs, dachte ich. Mich ärgerte nur, dass mein Akku nicht mehr reichte, um André zu schreiben. Der Arzt verließ das Zimmer.

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Dominikas Handy war aus. Ich wusste nicht mal, auf welcher Station sie lag. Als ich endlich ihr Zimmer fand, saß sie im Bett, grinste mich an und sagte: "Alles gut, kein Hirntumor!"

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Nach einer Woche bekam ich die endgültige Diagnose. André fragte, ob er dabei sein kann, aber ich habe nein gesagt. Neben ihm wäre ich zusammengebrochen. André ist über 1,90 Meter, ich bin nicht mal 1,60. Wenn er mich umarmt, versinke ich. Er ist der einzige Mensch, bei dem ich ganz schwach sein kann. Doch das wollte ich im Krankenhaus nicht. Ich wollte nicht in Tränen ausbrechen.

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Als Dominika mir sagte, dass sie allein mit ihrem Arzt sprechen will, habe ich ihr das zuerst nicht abgenommen. Das passte gar nicht zu ihr. Aber ich versuchte nicht, sie zu überreden.

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"Sie haben Multiple Sklerose", sagte der Chefarzt. Eine Spezialistin erklärte mir später: Unsere Nerven sind wie Stromkabel. Bei MS werden diese Kabel zerfressen, es entstehen Entzündungen, darum das Augenflattern. In meinem Kopf tauchten sofort Bilder von Menschen auf, die sabbernd im Rollstuhl sitzen. Der Arzt sagte, die Medikamente seien sehr modern, mit MS könnten heute viele gut leben. Als ich später allein in der Wohnung saß, konnte ich aber nicht aufhören zu googeln. In den Foren standen überall Berichte von Menschen, die nicht mehr laufen, sprechen, sehen können.

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Wenn man aus dem Mikrokosmos Krankenhaus, in dem alles geregelt ist, zurück in die Realität kommt, wird es schwierig. Das wusste ich noch von meiner Mutter. Darum habe ich mir die nächsten Wochen frei genommen. Die meiste Zeit hingen wir auf dem Sofa und schauten Serien. Ich wollte Dominika Zeit lassen, sie nicht überfordern. Ich versuchte, möglichst normal zu sein.

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Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Ich dachte: Was, wenn er mich nur noch als Invalidin sieht? Nicht mehr mit mir schlafen will? Die Nähe einer anderen sucht? Ich habe mich da richtig reingesteigert. Dann wurde mir alles zu viel. Wir standen im Supermarkt. André fragte: "Was willst du essen?" Da fing ich zu weinen an. Er erschrak. Ich behauptete: "Das liegt am Kortison." Ich wollte nicht, dass er denkt: So ist ab jetzt unser Leben.

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Einmal hat Dominika mich gefragt, ob ich sie jetzt nicht mehr hübsch finde. Quatsch, sagte ich. Für mich hat die Diagnose nichts geändert. Es wäre doch schlimm, zu sagen: "Jetzt finde ich dich nicht mehr sexy." Oder: "Ich habe mir aber ein cooleres Leben vorgestellt." Vielleicht wird nicht immer alles easy sein. Aber wir kommen schon zurecht.

Ein Moment, zwei Perspektiven: Laura Cwiertnia fragt für jede Ausgabe zwei Menschen unabhängig voneinander nach einem gemeinsamen Erlebnis. Dominika und André wollen offen über ihre Gefühle sprechen, aber ihre Nachnamen für sich behalten. Auch was zu erzählen? Schreibt an:laura.cwiertnia@zeit.de