An der Uni lernen angehende Staatsanwälte Fallbeispiele auswendig. Im Beruf müssen sie Kinderpornos anschauen und werden bedroht. Wie gehen sie damit um?

"Manchmal habe ich die Befürchtung, dass Leute handgreiflich werden"

"Als ein Mann auf dem Flur vor meinem Büro Mülleimer umgeworfen und gegen sämtliche Türen geschlagen hat, wurde mir zum ersten Mal etwas mulmig. Er wollte eine Anzeige erstatten, dabei war das, was er mir schilderte, gar keine Straftat. Der Mann sah das nicht ein und wurde furchtbar wütend. Erst die Justizwachmänner konnten ihn unter Kontrolle bringen. Auf solche Situationen bereitet einen die Uni nicht vor. Da habe ich gelernt, wie ich juristisch argumentiere, aber nicht, wie ich damit umgehen soll, wenn ich selbst angegangen werde.

Während des Studiums hatte ich die Vorstellung, dass man als Staatsanwältin hauptsächlich am Schreibtisch sitzt und die Entscheidungen schriftlich rausgehen. Aber es ist ganz normal, dass zwei- bis dreimal die Woche Betroffene in meinem Büro stehen, weil sie ihren Unmut kundtun wollen. Etwa bei Kontopfändungen oder wenn bei einer Anzeige das Verfahren eingestellt wurde. Die meisten fangen gleich an zu erzählen und erwarten von mir, dass ich den Sachverhalt sofort im Kopf habe. Da passiert es schon mal, dass ich als 'blöde Kuh' beschimpft werde. Manchmal habe ich die Befürchtung, dass die Leute handgreiflich werden. Passiert ist das aber noch nie. Wenn ich Personen zur Vernehmung lade, bei denen ich schon weiß, dass sie schwierige Kandidaten sind, schaue ich, dass männliche Kollegen in der Nähe sind und ihre Bürotüren offen haben. Ohnehin wird jede Person an der Pforte kontrolliert. Es ist also ausgeschlossen, dass jemand eine Waffe mitnimmt.

Ich habe erst mit der Zeit gelernt, diese Wut nicht persönlich zu nehmen. Als Staatsanwältin handle ich im Namen des Staates und nicht als Privatperson. Die Leute schimpfen genau genommen auf die Gesetze. Manche Beleidigungen nehme ich trotzdem mit in den Feierabend. Da hilft es, am nächsten Tag mit Kollegen in Ruhe drüber zu sprechen. Auch wenn ich den Bürgerkontakt nicht erwartet habe, finde ich ihn gut. Denn wenn Leute zu mir kommen, will ich ihnen auch Rede und Antwort stehen. Und es zwingt mich, dabei meine Entscheidungen zu überdenken. Denn es wäre überheblich zu sagen, dass diese immer zu einhundert Prozent richtig sind."

Katharina Krieg, 32, bearbeitet seit Jahresbeginn in der Allgemeinen Abteilung der Staatsanwaltschaft Dortmund Fälle zu Raub oder Internetkriminalität. Später möchte sie in der Abteilung für Wirtschaftsrecht arbeiten.

"Besonders nehmen mich die Fälle von missbrauchten Säuglingen mit"

"Bevor ich von der Allgemeinen Abteilung in die Jugendabteilung wechselte, die auch Kinderpornografie aufklärt, hat mir mein Vorgesetzter eine Mappe mit Bildern und Screenshots mitgegeben. Ich sollte mir überlegen, ob ich mit diesem Material täglich zu tun haben will. Ich hatte keine Vorstellung davon, was auf mich zukommt, mit Sexualdelikten hatte ich im Studium nichts zu tun. Ich war fassungslos, als ich sah, dass es nicht nur um Nacktfotos geht, sondern auch um Videos, in denen Kindern Finger und Gegenstände eingeführt werden. Dennoch traute ich mir das zu. Ich entschied mich für die Stelle.

Auch wenn ich mittlerweile seit mehr als zwei Jahren diese Bilder sehe, bin ich nicht abgestumpft. Besonders nehmen mich Fälle von Säuglingen mit, die missbraucht werden. Manche sind erst drei oder vier Monate alt. Das Alter der Kinder zu schätzen ist nicht leicht. Aber für die Ermittlungen ist das wichtig, weil das Alter des Opfers Einfluss auf das Strafmaß hat. Auch die Menge an Material, die der Täter besitzt, ist entscheidend. Es macht einen Unterschied, ob er in 20 Jahren nur ein paar Bilder runtergeladen hat oder jede Woche 50 Videos anschaut.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Manchmal zeige ich meinen Kollegen auch das Material, damit sie besser verstehen, was mich beschäftigt. Denn es gibt im Haus keinen Psychologen, mit dem wir unsere Erfahrungen verarbeiten können. Bisher schaffe ich es allerdings recht gut, die Bilder nicht zu nah an mich ranzulassen. Was mich da mehr mitnimmt, ist, wenn die Täter vor Gericht gar keine Einsicht zeigen: Manche verstehen nicht, dass die Kinder für diese Videos vergewaltigt wurden. Andere nehmen die Verhandlungen zum Anlass, eine Therapie zu beginnen. Verpflichtend ist das nicht.

Ein trauriger Nebeneffekt meines Berufs ist allerdings, dass ich angefangen habe, Männer in sozialen Berufen wie Sozialpädagogen, Betreuer von Pfadfindergruppen oder Fußballtrainer zu beargwöhnen. Denn leider ist es so, dass viele Täter beruflich mit Kindern zusammenarbeiten. Ich muss mich im Alltag oft daran erinnern, dass die Täter in diesen Berufen nicht die Regel sind. Ich habe am Gericht ja nur mit den Ausnahmefällen zu tun."

Nazan Treffer, 31, arbeitet in der Jugendabteilung der Staatsanwaltschaft München. Sie klärt nicht nur Fälle von Kinderpornografie auf, sondern ermittelt auch gegen Täter aus dem Rotlichtmilieu und der Ultra- und Hooliganszene.

"An manchen Tagen drehe ich mich auf der Straße lieber zweimal um"

"Ich arbeite in der Abteilung für organisierte Kriminalität und habe da mit Menschen zu tun, die sich sehr weit jenseits unserer Rechtsordnung bewegen. Sie glauben, für sie gelten keine Gesetze. Das könnte auch für mich gefährlich werden. Anfangs habe ich das verdrängt, weil mich die Skrupellosigkeit der Täter so fasziniert. Telefonbetrug, Schutzgelderpressung, Waffenhandel oder Mord: Diese Menschen gehen besonders rücksichtslos mit ihren Opfern um, schlagen oder ermorden sie. Deshalb möchte ich die Fälle aufklären. Ich stecke sehr viel Energie in die Verfolgung der Täter, aber manchmal sind sie mir überlegen und einen Schritt voraus, weil sie so professionell sind. Die Banden sind gut organisiert. Das ist teilweise frustrierend.

Bisher wurde ich noch nicht konkret bedroht. Aber ich hatte eine Verhandlung, vor der uns die Polizei gewarnt hat, dass von der beschuldigten Gruppe eine erhebliche Gefahr ausgeht und wir sie nicht unterschätzen sollten. Es gibt auch Leute, die bei der Festnahme schreien, dass sie sich rächen werden. Man weiß nie, ob jemand wirklich durchdreht. An manchen Tagen führt das dazu, dass ich mich manchmal lieber zweimal umdrehe, wenn ich mein Rad aufschließe, oder dass ich besonders aufmerksam bin, wenn ein Auto mit laufendem Motor vor meinem Haus steht.

Manchmal treffe ich Beschuldigte auf der Straße. Einmal war ich mit Freunden was trinken, als ein Bekannter dazukam, der noch jemanden mitgenommen hatte. Er stellte mich vor: 'Das ist Peter, der ist Staatsanwalt.' Der Typ sagte nur: 'Ich weiß.' Erst vor Kurzem stand er mir im Gericht gegenüber. Er hat ein Jahr und acht Monate bekommen. Wofür, weiß ich nicht mehr. Der Abend war sehr schräg. Wir haben einander die ganze Zeit ignoriert.

Schlussendlich kann ich nicht beeinflussen, ob sich jemand rächt. Im schlimmsten Fall träfe es die Familie, aber davon gehe ich nicht aus. Es gab Fälle, wo Kollegen ihr Autokennzeichen tauschen mussten, einer bekam Personenschutz. Das sind krasse Einschnitte ins Privatleben, doch zum Glück sind sie die Ausnahme. Darüber mache ich mir Gedanken. Es bringt aber nichts, ständig Angst zu haben. Ansonsten wäre ich in der falschen Abteilung."

Peter Müller, 29, heißt eigentlich anders. Er arbeitet als Staatsanwalt in einer Abteilung für organisierte Kriminalität. Besonders seltsam findet er zufällige Begegnungen mit Verdächtigen, die noch gar nicht wissen, dass gegen sie ermittelt wird.