Wie lade ich die Mensa-Karte auf? Wo finde ich ein Buch in der Bibliothek? Das sind einige der Fragen, die in der Orientierungswoche für Erstsemester beantwortet werden. Und, klar, das ist alles gut zu wissen. Aber was im Studium wirklich wichtig ist, erfährt man oft erst, wenn es schon fast zu spät ist. Autorinnen und Autoren von ZEIT Campus schreiben auf den nächsten Seiten, was sie im Studium über das Studium gelernt haben. Und was sie gern früher gewusst hätten, über Geld und Sex, WGs und Creditpoints. Und das mit der Mensa und der Bibliothek? Kriegst du auch ohne uns hin.

1. Fake it till you make it

Das Studium besteht vor allem aus Verhandeln, Betrügen, Tricksereien

Früher dachte ich, dass das Abschreiben, Spicken und Schummeln nach dem Abi ein Ende haben würden. Stimmt nicht: Wie schon die Schule besteht auch das Studium zum Großteil daraus, sich durchzutricksen.

Manchmal beginnt das schon vor dem ersten Schritt ins Uni-Gebäude: dadurch, dass Studenten sich einklagen. Alle anderen finden spätestens in den Einführungsseminaren heraus, dass das geforderte Arbeitspensum in vielen Fächern ohne Schummeleien (oder enorme Selbstaufopferung) nicht zu schaffen ist. In Vorlesungen bilden sich Cliquen, deren Mitglieder auf den Anwesenheitslisten füreinander unterzeichnen. In Hausarbeiten zitieren viele Studenten Bücher, die sie nie gelesen, sondern nur gegoogelt haben. Dank der Volltextsuche von Google Books findet man passende Zitate, ohne je ein Buch in die Hand genommen zu haben. Und bei Referaten und in Seminardiskussionen sind oft schauspielerisches Können und effektives Namedropping entscheidend. In geisteswissenschaftlichen Fächern kann es hilfreich sein, folgende Begriffe möglichst oft und in beliebiger Reihenfolge zu verwenden: a priori, dekonstruiert, ontologisch, Panoptikum, poststrukturalistisch, naturalistischer Fehlschluss.

Das Studentenleben gleicht dem Roman von Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Man schlüpft in Rollen, täuscht und erzeugt Illusionen.

Die Königsdisziplin ist das Verhandeln. Über alles wird gefeilscht: Abgabefristen, Anwesenheitszeiten, Noten. Vor allem bei Auslandsaufenthalten, beim Fachwechsel oder zum Studienende stellt sich die Frage: Was kann angerechnet werden und wie? Oft zeigt sich dabei, dass die Prüfungsordnung nicht so streng ist wie gedacht.

Ein Bekannter erzählte mir neulich, dass er es nur durch einen Trick geschafft habe, sein Studium zu beenden. "Kurz vor Ende meines Masters hat sich rausgestellt, dass mir fünf Leistungspunkte fehlen", sagte er. "Ein Dozent hat mir als Freundschaftsleistung in seinem Kurs eine Note eingetragen, ohne dass ich je anwesend war." Kann das wahr sein? Ja. Denn Dozenten und Studenten haben einen gemeinsamen Feind: die Uni-Bürokratie. Das schweißt zusammen und macht solche Deals möglich.

Sind dieses Tricksereien schlimm? Ich finde: nein. Im Studium sind Freiräume wichtig. Erst sie ermöglichen eine intensive und eigenständige Beschäftigung mit Themen. Wenn man sich diese Freiräume erschleichen und erschummeln muss, dann ist das eben so. Die Tricksereien schaden der Bildung nicht. Sie ermöglichen sie erst.

Nicolas Weisensel, 28, studiert Praktische Philosophie in Kiel. "Felix Krull" habe er garantiert wirklich selbst gelesen, sagt er.

2. WGs sind nicht Pflicht

Allein wohnen ist okay

Nach dem Abitur träumte ich vom WG-Leben. Ein etwas verlebter Altbau, zusammen mit meinen besten Freunden. Hitzige politische Diskussionen am Küchentisch. Laue Sommerabende auf dem Balkon. So in etwa malte ich mir das aus.

"Wer studiert, sollte auf jeden Fall mal in einer Wohngemeinschaft gelebt haben", solche Sätze hörte ich oft, bevor ich an die Uni kam. Heute weiß ich: Das ist Schwachsinn! Das WG-Leben kann zwar toll sein, aber in vielen Fällen ist es das nicht. Ich habe langjährige Freundschaften in WGs zerbrechen sehen. Oft zogen Menschen zusammen, die sich zwar mochten, im Alltag aber nicht zusammenpassten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/17.

Ein Beispiel: Die Freundin kann zwar gut zuhören, aber als Mitbewohnerin lässt sie einen das Badezimmer allein putzen und deponiert das schmutzige Geschirr der abendlichen Kochorgie in der Spüle. Eine Lappalie? Ja, beim ersten und beim zweiten Mal. Aber wenn es immer wieder passiert, hat man die gute Zuhörerin bald vergessen und sieht nur noch den egoistischen Messie. Am Ende verliert man beide: die Mitbewohnerin und die Freundin.

Die meisten Studenten wohnen übrigens gar nicht in WGs. Laut der neuen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks lebt nicht mal jeder Dritte in einer Wohngemeinschaft. Die anderen wohnen bei ihren Eltern (20 Prozent), im Wohnheim (12 Prozent), allein (17 Prozent) oder zusammen mit ihrem Partner (21 Prozent).

Wenn man allein wohnt, muss man zwar mehr Geld ausgeben und die nervige GEZ-Gebühr allein zahlen. Dafür kommt man abends nach Hause, und die Wohnung sieht noch genauso aus, wie man sie am Morgen verlassen hat. Statt sich mit Mitbewohnern über den Putzplan zu streiten, hat man seine Ruhe. Die Küche ist frei, und man kann so oft Freunde einladen, wie man mag. Das ist viel wert.

Stefanie Sippel, 24, ist nicht kategorisch gegen WGs. Zum Master in Potsdam ist sie jetzt sogar selbst in eine gezogen.