Explizit gesucht werden Geisteswissenschaftler fast nie. Aber ohne Arbeit bleiben sie deshalb nicht – sie müssen nur flexibler sein. So funktioniert der Berufseinstieg.

Wie ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt?

Geisteswissenschaftler müssen beim Berufsstart flexibler und kreativer sein als andere. Ausdrücklich gesucht werden sie fast nie. Das zeigt der Adecco-Stellenindex, der Inserate in 32 Online-Jobbörsen und 166 Printmedien auswertet. So richtete sich im ersten Halbjahr 2016 nur ein Prozent der Anzeigen für akademische Berufseinsteiger explizit an Geisteswissenschaftler. Viele dieser Angebote sind außerdem Teilzeitstellen oder befristet – und oft schlecht bezahlt. Der Grund: Häufig werden sie mit Förder- oder Projektmitteln finanziert, die nur für begrenzte Zeit fließen. "In der Privatwirtschaft bekommt man leichter einen unbefristeten Vertrag als bei einer kulturellen oder sozialen Einrichtung, die von der öffentlichen Hand finanziert wird", sagt Kolja Briedis, Absolventenforscher am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Diese seien aber bei Geisteswissenschaftlern besonders beliebt.

Dass Geisteswissenschaftler in die Arbeitslosigkeit hineinstudieren, ist dagegen ein Mythos. Die Arbeitslosenquote liegt bei unter drei Prozent – und damit nicht höher als im Durchschnitt aller Akademiker. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Fächern. Bei den Historikern liegt die Quote mit knapp fünf Prozent deutlich höher als bei den Sprach- und Kulturwissenschaftlern (knapp drei Prozent).

Einen Nachteil haben Geisteswissenschaftler vor allem gleich nach dem Abschluss. Sie müssen oft länger nach Jobs suchen, und viele bekommen nicht die ersehnte Stelle in der Medien- oder Kulturbranche. Am Ende gelingt es zwar fast allen, im Berufsleben Fuß zu fassen, doch die ersten Jahre sind oft mühsam. Eine Befragung des Absolventenjahrgangs 2013 durch das DZHW ergab, dass sich eineinhalb Jahre nach dem Studium 40 Prozent der Geisteswissenschaftler für ihre Stelle überqualifiziert fühlen.

In den ersten drei Berufsjahren seien Jobwechsel und Neuorientierungen nichts Ungewöhnliches, sagt der Absolventenforscher Kolja Briedis. Die berufliche Etablierung dauere bei einem Teil der Geisteswissenschaftler zwar eine Weile, doch nach vier bis fünf Jahren seien viele angekommen. "Spätestens dann haben die meisten einen angemessenen Job mit entsprechender Bezahlung", so Briedis.

Wie verbessert man seine Chancen als Bewerber?

Sobald man seinen Berufswunsch kennt, kann man den Lebenslauf mit Studienschwerpunkten, Zusatzqualifikationen und Praktika darauf ausrichten. "Legen Sie eine Mappe an, in der Sie Stellenausschreibungen von Traumjobs sammeln", rät Annette Retsch vom Career Service der Uni Würzburg. "So sehen Sie, welche Kompetenzen gefragt sind, und können gezielt die passenden Zusatzqualifikationen sammeln, zum Beispiel mit einem Photoshop-Kurs, einem Moderationstraining oder auch durch ein Ehrenamt, mit dem Sie Ihr Talent fürs Projektmanagement unter Beweis stellen", so Retsch.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Nr. 7/2017.

Je genauer die Bewerbung auf die ausgeschriebene Stelle zugeschnitten sei, desto größer die Erfolgschance, sagt auch Ulrike Kretzschmar, die Präsidentin des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin. Für ein Museumsvolontariat mit Schwerpunkt Kommunikation und Marketing etwa brauche man neben dem Masterabschluss praktische Erfahrungen in der Kultur- oder in der Medienbranche und sehr gute Englischkenntnisse. Außerdem sollte man mit Content-Management-Systemen umgehen können. Habe das Volontariat dagegen einen wissenschaftlichen Schwerpunkt, sei neben Museumserfahrungen eine inhaltlich passende Promotion von Vorteil, in der Regel in Geschichte oder Kunstgeschichte.

Gute Chancen hätten Interessenten vor allem dann, wenn sie ihre Motivation mit eigenen Erfahrungen begründen können. "Wenn jemand schon mal in einem Museum gearbeitet hat, kann er uns besser davon überzeugen, dass eine Museumslaufbahn genau das ist, was er machen will", sagt Kretzschmar.

Wo gibt es Stellen für Geisteswissenschaftler?

Rund die Hälfte der Geisteswissenschaftler arbeitet in klassischen Feldern wie Kultur oder Medien, der größte Einsatzbereich ist das Bildungswesen. Auch in der Wirtschaft gibt es passende Jobs – vor allem in der Unternehmenskommunikation und in der Personalabteilung, seltener auch im Marketing, im Vertrieb, in der Kundenbetreuung und im Produktmanagement. Die Lufthansa bietet ein Programm für Quereinsteiger, in dem auch Geisteswissenschaftler wirtschaftliche Grundlagen im Unternehmen lernen können.

Es lohnt sich, offen zu sein. So kommen in einem Ingenieurkonzern wie Siemens zwar auf die 114.000 Mitarbeiter in Deutschland weniger als ein Prozent Geisteswissenschaftler. Doch absolut gesehen, sind es immerhin 750. "Im vergangenen Jahr haben wir eine zweistellige Zahl Geisteswissenschaftler eingestellt", sagt Hans-Christoph Kürn, der bei Siemens für das Recruitment-Marketing zuständig ist. Die meisten von ihnen arbeiten in Abteilungen für Kommunikation und Personal, andere auch im Consulting, Marketing, Projektmanagement und im Bereich Government Affairs. Wenn Bewerber aus den Geisteswissenschaften im Studium Wirtschaftswissenschaften als Nebenfach belegt hätten, sei das ein Vorteil, aber kein Muss, sagt Hans-Christoph Kürn.

Worauf muss man bei Volontariaten achten?

Der Einstieg in "klassische" Arbeitsbereiche wie Verlage, Redaktionen oder Museen läuft oft über ein sogenanntes Volontariat. Auch in PR-Agenturen werden Volontariate angeboten, während Anfänger in den Kommunikationsabteilungen von Unternehmen meist als Trainee starten. Ein Volontariat dauert in der Regel ein bis zwei Jahre und ist schlechter bezahlt als eine normale Stelle. Dafür soll es Einblicke in unterschiedliche Arbeitsfelder bieten und Ausbildungscharakter haben. Neben der Arbeit im Büro sollte es deshalb theoretische Ausbildungsphasen mit Vorträgen und Seminaren enthalten.

Nach dem "Volo" bekommen nur wenige Absolventen eine feste Stelle. Trotzdem ist der Andrang groß: Bei der Deutschen Welle zum Beispiel kommen im Schnitt mehr als 40 Bewerber auf einen Volontariatsplatz, beim Goethe-Institut sind es mehr als 100 Bewerber und beim Deutschen Historischen Museum konkurrieren jährlich mehr als 200 Bewerber um einen der sieben Volontariatsplätze.

Im Journalismus sind Standards für Volontariate bei Zeitungen und Zeitschriften durch Tarifverträge geregelt, an die sich aber nicht alle Verlage halten. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sowie einige private Sender haben eigene Tarifverträge. Auch in der PR-Branche gibt es Musterverträge für Volontariate, die für Arbeitgeber allerdings nicht verbindlich sind. Für Volontariate an Museen haben der Deutsche Museumsbund und die Kultusministerkonferenz Richtlinien entwickelt, die von vielen größeren Museen umgesetzt werden, von kleineren jedoch oft nicht.

Der Begriff "Volontariat" ist arbeitsrechtlich nicht geschützt. Um Ausbeutung zu vermeiden, sollten Bewerber interne Informationsquellen nutzen, empfiehlt die Kunsthistorikerin Cathleen Tasler, die sich im Arbeitskreis Volontariat des Deutschen Museumsbundes engagiert. "Auf den Internetseiten der Museen stehen meist die Namen der aktuellen Volontäre, die kann man fragen, wie die Arbeitsbedingungen sind." Auch wenn man schon im Volontariat sei, könne man versuchen, bessere Bedingungen auszuhandeln. "Oft kann man etwas erreichen, wenn man darauf hinweist, dass es für die Volontärsausbildung am Museum und auch für die Vergütung einen Leitfaden gibt, der von vielen Arbeitgebern bereits umgesetzt wird", so Tasler.

Worauf muss man als Freiberufler achten?

Etwa jeder fünfte Absolvent in den Geisteswissenschaften arbeitet laut DZHW freiberuflich. Für Dozenten, Coaches, Übersetzer, Lektoren und Autoren ist das Freelancer-Dasein inzwischen der Normalfall, weil Bildungseinrichtungen, Verlage und Agenturen einen großen Teil der Arbeit auslagern und von Freiberuflern erledigen lassen. Die meisten arbeiten als sogenannte Solo-Selbstständige, also ohne angestellte Mitarbeiter. "Eine erfolgreiche freiberufliche Laufbahn braucht Zeit und vor allem eine Strategie", sagt Chanell Eidmüller, Leiterin der Gründungsberatung am Institut für Freie Berufe der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie empfiehlt einen Businessplan, in dem die Ziele für die ersten Berufsjahre definiert werden – Projekte, mögliche Auftraggeber, Kooperationen, Honorare und Marketingmaßnahmen wie die Entwicklung einer aussagekräftigen Website. Gerade im Kultur- und Mediensektor werden viele Aufträge nicht ausgeschrieben, sondern über persönliche Kontakte vergeben. Zum Netzwerken gebe es neben Facebook und anderen sozialen Medien auch interessante Gründertreffs und Stammtische, sagt Chanell Eidmüller. Das Ziel: nicht nur Leute aus der eigenen Branche kennenlernen, sondern auch Kontakte zu Vertretern anderer Disziplinen knüpfen. So könnten freiberufliche Kulturwissenschaftler beim Austausch mit Betriebswirtschaftlern ihr Fachwissen teilen und gleichzeitig vom Know-how der anderen profitieren.

Text: Oliver Burgard