Denn Gewissheit, ob es mal mit einem Lehrstuhl klappt, gibt es selbst für die sehr guten Naturwissenschaftler nicht. Aber keine Sorge, Wirtschaft geht immer.

Wie ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt?

Der Einstieg ins Berufsleben gelingt den meisten Naturwissenschaftlern gut. Die Arbeitslosenquote ist mit rund zwei Prozent gering. Eine Ausnahme bilden die Biologen mit einer Quote von fünf Prozent. "Allerdings arbeiten nicht alle Naturwissenschaftler auch an naturwissenschaftlichen Fragestellungen", sagt Ralf Beckmann von der Bundesagentur für Arbeit (BA). Viele würden nicht wegen ihrer Fachkenntnisse eingestellt, sondern zum Beispiel wegen ihrer analytischen Fähigkeiten.

Im vergangenen Jahr hat sich die Nachfrage laut der Arbeitsagentur insbesondere im Bildungswesen, im öffentlichen Dienst, im Gesundheitswesen, bei Versicherungen und Finanzdienstleistern und bei Umweltverbänden erhöht. Absolventen können aber auch als Experten in einer Umweltberatung arbeiten oder sich für den Quereinstieg als Lehrer entscheiden. Physik und Chemie sind an Gymnasien oft sogenannte Mangelfächer, in denen Lehrer gesucht werden.

Arbeitgeber bevorzugen nach wie vor den Masterabschluss oder die Promotion, so die Studie JobTrends Deutschland 2016. Immerhin gut ein Drittel ist aber auch an Bachelorabsolventen interessiert. In der Forschung wird die Promotion vorausgesetzt.

Knapp ein Viertel aller Naturwissenschaftler arbeiten im Bereich Lehre und Forschung – viele nehmen dafür eine Aneinanderreihung befristeter Verträge in Kauf. Zwar wurde im vergangenen März das sogenannte Wissenschaftszeitvertragsgesetz geändert, sodass Arbeitsverträge nun nicht mehr grundlos befristet werden können, aber erst in einigen Jahren wird sich zeigen, ob die Karriereverläufe in der Wissenschaft dadurch stabiler werden.

Wer in die Forschung geht, braucht viel Leidenschaft – und Optimismus. "Karrierewege in der Wissenschaft sind nicht mit Garantien verbunden, es gibt kein Laufbahnsystem. Sie brauchen Glück in entscheidenden Momenten, und es gibt auch für die sehr Guten keine absolute Gewissheit, dass es irgendwann mit dem Lehrstuhl klappt", sagt Hubert Detmer, der beim Deutschen Hochschulverband Nachwuchswissenschaftler und Professoren auf ihrem Karriereweg berät. Gut ist es, wenn man viele Kontakte zu anderen Wissenschaftlern hat und weiß, wie man erfolgreich Projektanträge für Drittmittel schreibt. Darüber hinaus spielen jedoch auch Faktoren eine Rolle, die man nicht beeinflussen kann. Etwa, wie viele Lehrstühle es im angestrebten Bereich gibt und wie lange die Stellen dort besetzt sind – darüber sollte man sich informieren, um seine Chancen realistisch einschätzen zu können.

Von der Wissenschaft in die Wirtschaft wechseln?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Nr. 7/2017.

Nach der Promotion von der Wissenschaft in die Wirtschaft zu gehen sei sehr gut möglich, sagt Petra Lehmann. Lehmann, selbst Chemikerin, berät beim Career Service der Universität Heidelberg unter anderem Studenten und Promovenden der Naturwissenschaften. Auch nach ein bis zwei Jahren Postdoc-Phase könne man noch problemlos wechseln, sagt sie. Danach werde der Übergang jedoch zunehmend schwieriger. Der Grund: In der Wissenschaft kann man sich über einen längeren Zeitraum mit speziellen Themen der Grundlagenforschung befassen und in die Materie immer tiefer eintauchen. Anders in Unternehmen. "In der Wirtschaft muss in einem vorgegebenen Zeitraum ein Produkt entstehen, mit dem man Geld verdienen kann", sagt Klaus Schewe, der den Bereich Neueinstellungen beim Gesundheitsunternehmen Roche Diagnostics in Mannheim leitet. "Das ist ein großer Unterschied. Wenn jemand viele Jahre in der Wissenschaft war, stellt sich die Frage, ob er diese Umstellung noch hinbekommt", so Schewe.

Wer überlegt, in die Wirtschaft zu gehen, oder sich die Möglichkeit offenhalten will, sollte so früh wie möglich Kontakte knüpfen, anwendungsbezogen forschen und bei der Bewerbung seine Zusatzqualifikationen herausstellen. Das können zum Beispiel Kenntnisse im Projekt- oder Qualitätsmanagement sein, aber auch die Fähigkeit, gut und klar zu kommunizieren. "Hierbei können manchmal Nebentätigkeiten oder Praktika in der Studienphase, bei denen man diese Fähigkeiten erworben hat, das Zünglein an der Waage sein", sagt Petra Lehmann.

Außerdem sollte man rechtzeitig überlegen, wie man arbeiten will: Im Familienbetrieb auf dem Land herrscht eine andere Arbeitskultur als in der Zentrale eines Großkonzerns. Es ist nützlich, sich vorher zu überlegen, ob man lieber für ein enges Spezialgebiet verantwortlich sein möchte oder für einen größeren Bereich, ob man lieber nur mit anderen Wissenschaftlern zusammenarbeitet oder interdisziplinär mit Abteilungen wie dem Einkauf, dem Marketing und dem Vertrieb. Großkonzerne suchen tendenziell mehr Spezialisten als kleine Unternehmen.

In welchen Bereichen man arbeitet, hängt auch vom Abschluss ab. Forschungsleiter werde man eher mit Uni-Abschluss, um Prozesse in der Fertigung zu organisieren, seien dagegen FH-Absolventen sehr gefragt, so Klaus Schewe von Roche. Der Konzern stellt auch Bachelorabsolventen ein. Sie sind zum Beispiel für die Qualitätssicherung zuständig und dafür, Ergebnisse zu dokumentieren.

Gibt es Alternativen zu Uni und Unternehmen?

Neben dem Einstieg in der Wissenschaft oder in einem größeren Unternehmen gibt es weitere Optionen für Naturwissenschaftler: Sie können auch bei einem Start-up einsteigen oder aber Unternehmensberater werden. Der Berufseinstieg in einem jungen Unternehmen eignet sich besonders für diejenigen, die flache Hierarchien, Gestaltungsmöglichkeiten und Eigenverantwortung mögen und gern etwas aufbauen. Sie müssen dafür aber auch große Einsatzbereitschaft mitbringen, das Gehalt, das sie bekommen, ist geringer und nicht zuletzt besteht die Gefahr, dass das Unternehmen scheitert.

Um den Unterschied zwischen der Arbeit in einem großen Konzern im Vergleich zu einem Start-up klarzumachen, spricht der Biotech-Unternehmer Dirk Vetter gern von "Überlebenskampf versus Verteilungskampf". Vetter selbst startete in einem Konzern, ging dann unter die Gründer und hat seither drei Firmen mit aufgebaut. "Im Start-up wird viel Kraft darauf verwendet, ein Produkt am Markt durchzusetzen. In etablierten Unternehmen fließt dagegen viel Energie in Verteilungskämpfe zwischen Abteilungen", so seine Beobachtung.

Wer als Naturwissenschaftler selbst ein Unternehmen gründen wolle, brauche neben einer guten Idee vor allem ein gutes Team, betont Vetter. Besonders bei Ausgründungen aus der Hochschule müsse jemand mit wirtschaftlichem Sachverstand dabei sein, der die Idee auf Verdienstmöglichkeiten abklopfen und Investoren überzeugen kann. "In den Naturwissenschaften funktionieren Garagengründungen nicht, weil man in großem Stil auf Kapital für Labore und Ausrüstung angewiesen ist", sagt Vetter.

Eine weitere Alternative für Naturwissenschaftler ist der Einstieg bei einer Unternehmensberatung. Bei der Boston Consulting Group (BCG) wird zum Beispiel fast jede vierte Stelle mit den Absolventen von naturwissenschaftlichen Studiengängen besetzt, und auch andere Beratungen werben unter Physikern, Biologen und Chemikern um Kandidaten für den Einstieg im Consulting.

Naturwissenschaftler seien sehr gut auf die Unternehmensberatung vorbereitet, weil sie eine hohe Methodenkompetenz hätten und wüssten, wie man komplexe Probleme löse, sagt Carsten Baumgärtner, Senior Partner und Chefrecruiter bei BCG. Viele seien sich ihrer Fähigkeiten jedoch nicht genügend bewusst. "Denkt darüber nach, was euch begeistert, bevor ihr 20 Jahre im Labor steht, nur weil es sich so ergeben hat", empfiehlt Baumgärtner. Betriebswirtschaftliche Kenntnisse können Naturwissenschaftlern im Bewerbungsprozess helfen, sind aber keine Einstellungsvoraussetzung. Alle Fachfremden erhalten zu Anfang einen Crashkurs in BWL.

Text: Friederike Lübke