Immer mehr Wirtschaftswissenschaftler strömen auf den Arbeitsmarkt. Aber ihr Fachwissen wird auch fast überall gebraucht. Die Hauptsache: ein klares Profil.

Wie sind die Jobaussichten?

Solide – so kann man den Arbeitsmarkt für Wirtschaftswissenschaftler beschreiben. Das klingt zwar langweilig, doch für Jobsuchende sind das gute Voraussetzungen. Die Arbeitslosenzahlen sind auf niedrigem Niveau stabil, stellt die Bundesagentur für Arbeit (BA) fest. Das dürfte auch erst mal so bleiben. "Zurzeit zeichnen sich keine großen Veränderungen ab", sagt Susanne Lindner, Arbeitsmarktexpertin bei der BA.

Dass zunehmend mehr Wirtschaftswissenschaftler auf den Arbeitsmarkt strömen, weil es immer mehr Wirtschaftsstudenten gibt, lässt in den nächsten Jahren zwar verstärkte Konkurrenz erwarten. Noch beurteilt Lindner die Lage aber als unkritisch. Der Arbeitsmarkt für Wirtschaftsexperten sei nach wie vor aufnahmefähig. Sie profitieren davon, dass ihr Fachwissen in Bereichen wie Controlling oder Vertrieb in nahezu jedem Unternehmen gebraucht wird, ganz egal, in welcher Branche. Geht es einer Branche mal nicht so gut, haben sie Ausweichmöglichkeiten.

In der JobTrends-Studie des Staufenbiel Instituts gaben knapp 70 Prozent der Unternehmen an, Bedarf an Wirtschaftsabsolventen zu haben. Absolventen werden vor allem für den Vertrieb, das Controlling und das Projektmanagement gesucht. Auch Nachwuchs für die Personalabteilungen und die Unternehmensfinanzen ist gefragt. Besonders begehrt sind Wirtschaftsabsolventen bei Unternehmensberatungen – 80 Prozent sind auf der Suche nach Nachwuchs mit Wirtschaftsstudium. Zum Vergleich: In der Automobilbranche und im Bereich IT und Telekommunikation trifft dies nur auf rund die Hälfte der Unternehmen zu. Die Nachfrage aus Banken ging stark zurück, viele Institute haben wegen schlechter Geschäftslage ihre Suche nach Nachwuchs eingeschränkt.

Die großen Konzerne sind die beliebtesten Arbeitgeber der Wirtschaftsabsolventen. Doch es lohnt sich, auch den Mittelstand in den Blick zu nehmen. "Dort gibt es viele attraktive Stellen, man hat schneller mehr Verantwortung und sieht, was man bewirkt", sagt Matthias Meyer-Schwarzenberger, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte.

Wo gibt es Stellen für Volkswirte?

Der Arbeitsmarkt für Volkswirte ist winzig im Vergleich zu den großen betriebswirtschaftlichen Tätigkeitsfeldern. Nur ein Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Wirtschaftswissenschaftler arbeitet laut Bundesagentur für Arbeit im Unterbereich "Volkswirtschaft". Speziell nach Volkswirten suchen Banken, Forschungsinstitute und der öffentliche Dienst, aber auch mancher Konzern. "Die Fähigkeiten von VWL-Absolventen brauchen wir in bestimmten Bereichen, zum Beispiel beim Verwalten unserer Betriebsrenten oder dort, wo es um die Analyse regionaler Wachstumsmärkte geht", sagt Markus Strothjohann, Personalleiter Konzernfunktionen des Automobilzulieferers Continental. Weil im VWL-Studium meist auch grundlegende betriebswirtschaftliche Fächer gelehrt werden, stehen Volkswirten auch andere Stellen offen. Wer später in einem Unternehmen arbeiten will, sollte im Studium verstärkt BWL-Kurse belegen und Praktika in Betrieben machen, rät Strothjohann.

Womit kann man bei Unternehmen punkten?

Gute Noten gelten bei vielen großen Unternehmen als Eintrittskarte, um zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Sie sind aber fast nie das einzige Einstellungskriterium. "Wir haben keinen automatischen Notenfilter, sondern schauen uns jede Bewerbung an", sagt Markus Strothjohann von Continental. Ebenso wichtig, manchmal sogar wichtiger, sei Praxiserfahrung. Praktika dürfen für Unternehmen dann auch gerne länger als drei Monate dauern. Dafür kann man die Regelstudienzeit auch etwas überziehen. Wer seine Bachelor- oder Masterarbeit in Kooperation mit einem Unternehmen schreibt, bekommt ebenfalls einen guten Einblick in den Berufsalltag.

Die Inhalte im Studium und aus den Praktika sollten ein klares Profil ergeben. So sind Erfahrung im Ausland und sehr gute Englischkenntnisse vor allem dann wichtig, wenn man in einem international tätigen Unternehmen arbeiten möchte. Das, was man kann und weiß, sollte man mit den Anforderungen der Stelle und dem Unternehmen in Verbindung bringen. "Auch wenn die Ausschreibungen allgemein gehalten sind, ist es wichtig, im Bewerbungsschreiben Bezüge zum eigenen Lebenslauf herzustellen", sagt Strothjohann. Berufseinsteiger mit Bachelorabschluss sollten besonders viel Wert auf die Praxiserfahrung legen. Prinzipiell hat man mit einem Bachelor in den Wirtschaftswissenschaften gute Aussichten, eine Stelle zu finden. Weil aber nach wie vor viele Firmen unsicher sind, was genau sie von Bachelorabsolventen erwarten können, muss man vermitteln, was man kann und wie das dem Unternehmen nützen wird. In einigen Unternehmen, etwa bei Bosch, haben nur Masterabsolventen Zugang zu bestimmten Stellen und Traineeprogrammen.

Zählt im Job nur das Gewinnstreben?

Bei vielen Unternehmen stehen nachhaltiges Wirtschaften und soziale Verantwortung immer höher auf der Agenda, sei es, weil sie ernsthaft etwas verändern wollen, sei es, weil sie etwas für ihr Image tun möchten. Doch egal aus welchen Gründen: Vor allem in Konzernen gibt es ganze Corporate-Social-Responsibility-Abteilungen, die darauf achten sollen, dass bei allem Gewinnstreben die soziale Verantwortung nicht vernachlässigt wird. Dort beobachtet man, welche Auswirkungen das Unternehmenshandeln auf Umwelt und Menschen hat, und überlegt, welche ökologischen oder sozialen Maßnahmen deshalb sinnvoll sein könnten. Die Ideen reichen von Materialeinsparungen bei der Produktion bis hin zur Einführung schärferer Umwelt- und Gesundheitsstandards in der Lieferkette.

Wer als Einsteiger im Nachhaltigkeitsbereich anfangen will, sollte mit Begriffen wie Ökobilanz, Suffizienz oder Degrowth umgehen können und die ökologischen und sozialen Überzeugungen der Unternehmen teilen. Eine Spezialisierung auf Nachhaltigkeitsthemen im Studium sei zwar interessant, sagt Erik Poppe, Vorstand bei der Unternehmensberatung Sustainum, die Betriebe zum Thema Nachhaltigkeit und Ökobilanz berät. Entscheidend seien aber ebenso methodische und analytische Kompetenzen. "Man muss zum Beispiel das statistische Handwerkszeug beherrschen und in der Lage sein, schnell zu erfassen, um welche Problemstellung es bei einem Kunden geht." Auch müsse man einen gewissen Pragmatismus mitbringen. "Nicht alle Unternehmen, die wir beraten, teilen unsere Überzeugungen hundertprozentig. Damit muss man umgehen können."

Poppe beobachtet ein zunehmendes Interesse von Absolventen am Thema, in den letzten Jahren habe Sustainum immer mehr Initiativbewerbungen bekommen. Als Bewerber ist man bei Unternehmen mit Schwerpunkt auf Ökologie und Nachhaltigkeit im Vorteil, wenn man sich in der Gesellschaft engagiert. Dabei muss es nicht unbedingt ein Öko-Projekt sein. "Ich habe vor meinem Job hier Konzerte gegen rechts organisiert", sagt Poppe, "das war im Bewerbungsgespräch Thema."

Worauf kommt es beim Gründen an?

Neben Großkonzernen und Mittelständlern sind auch Start-ups auf die Expertise von Wirtschaftswissenschaftlern angewiesen. "Am erfolgreichsten sind Gründerteams mit technischem und wirtschaftlichem Know-how", sagt Bernhard Plum, der an der Hochschule Furtwangen das Innovations- und Gründungszentrum leitet und einen Ratgeber über das Gründen für Hochschulabsolventen geschrieben hat.

Einige Hochschulen bieten ihren Studenten und Absolventen Unterstützung und Beratung für die Gründung an. Außerdem gibt es in manchen Studiengängen auch Kurse, die auf das Unternehmertum vorbereiten. Sie heißen zum Beispiel "Entrepreneurship", "Business Planning" oder "Gründungs- und Innovationsmanagement". Mit ein bisschen Glück bekommt man die Leistungen dort dann auch noch fürs Studium anerkannt.

Auch etablierte Unternehmen sehen es häufig gerne, wenn Bewerber während oder nach dem Studium gegründet haben. "Leute mit Start-up-Erfahrung sind bei uns zum Beispiel im Bereich Business Development gefragt, insbesondere bei der Frage, welche digitalen Geschäftsmodelle sich wirtschaftlich lohnen", sagt Markus Strothjohann von Continental. Bernhard Plum, der Gründungsexperte von der Hochschule Furtwangen, beobachtet, dass Gründer später häufig Topjobs in Unternehmen bekommen. Eine mögliche Erklärung: Wer gründe, lerne viel über seine Motivation, Belastbarkeit und Teamfähigkeit und sich selbst dadurch besser kennen. Davon profitiert dann auch das Unternehmen, das Gründer einstellt.