Wie ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt?

Kreativität, Flexibilität und Um-die-Ecke-Denken sind Qualitäten, die sich fast alle Arbeitgeber derzeit wünschen. Dennoch hört man immer wieder, wie problematisch der Berufseinstieg für Kreative sein soll. Wie passt das zusammen? Kreativität als Herangehensweise habe tatsächlich einen hohen Stellenwert am Arbeitsmarkt, sagt Werner Eichhorst, Direktor für Arbeitsmarktpolitik Europa am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). "Aber in klassischen Kreativberufen wie Schauspiel, Journalismus oder Fotografie ist die Konkurrenz groß." Nur weil im Management oder der Produktentwicklung eines Konzerns kreatives Denken gefragt ist, entsteht keine neue Stelle für einen Schauspieler.

Außerdem ist die Branche extrem vielfältig, und das macht die Lage unübersichtlich. Zur Kreativwirtschaft zählen beispielsweise die Architektur, der Buch- und Kunstmarkt, die Design-, Musik- und Filmwirtschaft, der Markt für Schauspiel, Regie, Ballett, der Werbe- und Pressemarkt, die Rundfunkwirtschaft sowie die Videospiele-Industrie. Die einzelnen Branchenzweige entwickeln sich unterschiedlich: Besonders gefragt sind zurzeit Kreative mit guten Technikkenntnissen, zum Beispiel Mediendesigner, die programmieren können. Auch Architekten haben derzeit gute Chancen. Im Buchmarkt und in der Presse gibt es dagegen immer weniger Stellen. "Ich würde jedem, der in den Journalismus möchte, zumindest eine gelbe Ampel in den Weg stellen", sagt Werner Eichhorst.

Im Kulturbereich sind sogenannte Patchwork-Arbeiter häufig anzutreffen: Jemand ist freier Aquarellmaler, macht dazu noch Bildungsprojekte für die Volkshochschule sowie die Illustrationen für eine Quiz-App. Auffällig ist der extrem hohe Anteil an Selbstständigen in der Kulturbranche: Laut einer aktuellen Studie des Europäischen Amtes für Statistik liegt er bei Künstlern und Schriftstellern bei 56 Prozent. Darunter fallen unter anderem Journalisten, Autoren, Musiker, Tänzer, Schauspieler und Regisseure.

Viele selbstständige Kreative verdienen schlecht. Insgesamt werde die Kreativbranche aber zu oft mit dem Begriff "prekär" in Verbindung gebracht, sagt Michael Söndermann, Experte für die Kreativwirtschaft und Gründer des Büros für Kulturwirtschaftsforschung in Köln. Schließlich sei der gesamte Dienstleistungsbereich ein schwieriges Feld, nicht nur für Kreative. Der Kreativbranche gehe es in letzter Zeit sogar erstaunlich gut. "Die Zahl der Selbstständigen ist stabil, und es gab im vergangenen Jahr zwei Prozent mehr abhängig Beschäftigte."

Wie kommt man an Jobs und Aufträge?

Die meisten Jobs oder Aufträge kommen durch Empfehlungen zustande oder sind Folgeprojekte. Daher sollte man schon im Studium sein Netzwerk aufbauen und nach jedem Praktikum den Kontakt halten. Oft kennt man jemanden, der jemanden kennt, der jemanden sucht – und das sollte man dann mitkriegen! Wer noch kaum Kontakte hat, kann diese zum Beispiel durch Präsenz in Facebook-Gruppen oder Fachblogs aufbauen. Immer mehr Regionen richten Kreativberatungsstellen ein. Dort kann man Projektideen vorstellen und bekommt Kontakte vermittelt. Manchmal gibt es auch Stammtische, bei denen man sich mit anderen Kreativen austauschen und Kooperationen einfädeln kann.

Ob es sinnvoll ist, gleich zu Berufsbeginn eine feste Stelle anzustreben, hängt auch von der Branche ab. Im Kulturbereich gibt es nur wenige feste Stellen für Einsteiger, man tastet sich eher durch Projekte an Arbeitgeber heran und hat später dann bessere Chancen auf eine Stelle. In Design-, Werbe- und Kommunikationsagenturen ist es dagegen nützlich, sich gleich zum Einstieg um eine Anstellung zu bemühen, denn Freie haben es als Einsteiger schwer, an Aufträge zu kommen. Fest in einer Agentur kann man Erfahrungen und Kontakte sammeln und Abläufe kennenlernen.

Initiativbewerbungen sind in der Kreativbranche üblich. Dabei zählen vor allem Arbeitsproben und Praktika. Auch Preise kommen gut an. Studiennoten sind nicht so wichtig, das Studium sollte aber abgeschlossen sein.

Welche aktuellen Entwicklungen gibt es?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Nr. 7/2017.

Die Welt wird digitaler, daher ist es für Kreative leichter als früher, ihre Produkte zu produzieren und zu vermarkten. Vieles, wofür man früher die technische Ausstattung eines Verlages benötigt hätte, kann heute am heimischen Rechner produziert werden. Beim Verkauf braucht man oft keinen Zwischenhändler mehr – eine Business-Software wie Myfactory reicht aus.

Andererseits hat sich der Konkurrenzdruck verstärkt. Besonders deutlich wird das auf sogenannten Crowdworking-Portalen wie 99designs.de, clickworker.de, textbroker.de. Dort stellen Unternehmen Aufträge ein: Es soll zum Beispiel ein Musikclip für die Firmen-Facebook-Seite oder eine Comic-Reihe für einen Newsletter gemacht werden.

Bei den Aufträgen handelt es sich meist nur um Mikrojobs, die gering honoriert werden. Alle registrierten kreativen Crowdworker können sich darauf bewerben. Der Auftraggeber entscheidet dann, wer den Zuschlag erhält. "Diese Crowdworking-Entwicklung sehe ich als echtes Problem für die Branche", sagt der Kulturwirtschaftsforscher Söndermann. "Neulingen empfehle ich, davon die Finger zu lassen. Man sollte nicht nur günstiger Dienstleister sein." Besser verwirkliche man seine Ideen, produziere eigene Sachen und schärfe sein Profil.

Um passende Honorare zu verlangen, sollte man sich bei Berufsverbänden wie dem Interessenverband Deutscher Schauspieler erkundigen. Dabei sollte man nicht vergessen: Der Preis reflektiert nicht nur das Produkt oder die Dienstleistung, man muss auch Akquise, Verwaltung, Marketing, Reisezeiten, Steuern, Krankheit oder Urlaub einrechnen.

Worauf muss man als Selbstständiger achten?

Viele kreative Berufseinsteiger verlangen zu Beginn sehr niedrige Preise und kommen so schnell zu vielen Kunden. Was zunächst sinnvoll klingt, um sich einen Namen zu machen, birgt Gefahren. Oft schwimmt man dann in Arbeit und verdient dennoch wenig. Eine alternative Strategie ist es, sich von Beginn an über Qualität zu definieren, einen selbstbewussten Preis zu verlangen und mit wenigen, aber zufriedenen Dauerkunden zu arbeiten.

Eine andere Einnahmequelle für Musiker, bildende Künstler, Journalisten oder Architekten sind Fördergelder. Auch die Gelder von Verwertungsgesellschaften (zum Beispiel VG Bild-Kunst, Gema, VG Wort, GVL, Produzentenallianz) sollte man sich nicht entgehen lassen. Bei der VG Wort zum Beispiel meldet man als Journalist oder Autor in einem Onlineportal seine veröffentlichten Texte oder Hörfunkbeiträge – und bekommt dafür Ausschüttungen.

Sinnvoll für die soziale Absicherung ist die Künstlersozialkasse (KSK). Die KSK übernimmt für freie Kreative den Arbeitgeberanteil der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung. Die Abgaben sind vergleichsweise gering, allerdings sind es die Rentenansprüche dann auch. Eine private Rentenversicherung ist daher dringend zu empfehlen.

Text: Mischa Drautz