Nicht um jeden Preis, sagt der Berufsberater Thomas Röser. Wichtig ist, dass man weiß, was man will.

ZEIT Campus: Herr Röser, acht von zehn Studenten starten ihr Masterstudium laut einer Umfrage, um einen guten Job zu finden. Braucht man dafür wirklich den Master?

Thomas Röser: Das hängt vom Studienfach ab. Bei Lehramt, Jura, Medizin und manchen Geisteswissenschaften ist ein Master quasi unverzichtbar. Ohne kommt man da nicht weit. In anderen Fächern wie BWL oder Soziale Arbeit kann ein Bachelorabschluss ausreichend sein, um eine gute Stelle zu finden. Vor allem wenn man während des Studiums schon Arbeitserfahrungen gesammelt hat.

ZEIT Campus: Es gibt Studien, die zeigen, dass man mit einem Masterabschluss deutlich mehr verdient – vor allem langfristig. Also doch lieber weiterstudieren?

Röser: Das sind meist internationale Studien, deren Aussagen sich nicht auf den deutschen Arbeitsmarkt übertragen lassen. Bei uns ist das Bachelor-Master-System noch zu neu, um Schlüsse über den langfristigen Werdegang der Absolventen zu ziehen.

ZEIT Campus: Die höhere Qualifikation, die ein Masterabschluss belegt, bringt also nicht automatisch mehr Geld?

Röser: Ein Masterabschluss ist kein Beweis für Intelligenz oder Lernfähigkeit, sondern steht vielmehr für Zielstrebigkeit. Wer noch kein Ziel vor Augen hat, dem rate ich dringend davon ab, einfach irgendeinen Master anzufangen oder weitere zehn Semester lang vor sich hin zu studieren. Deutsche Unternehmen schätzen einen stärkeren Praxisbezug mehr als einen Masterabschluss, weil sie das von der betrieblichen Ausbildung her so kennen.

ZEIT Campus: Woran machen Sie das fest?

Röser: Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat 2014 verschiedene Unternehmen befragt, welche Erwartungen sie an Hochschulabsolventen haben. Dabei kam heraus, dass die wenigsten einen Masterabschluss bevorzugen. Für die meisten Arbeitgeber steht stattdessen die sogenannte Leistungsmotivation an erster Stelle, also die Frage, wie schnell ein Berufsanfänger vorankommen möchte. Fast ebenso wichtig ist, dass sich die Absolventen mit der Firma identifizieren können.

ZEIT Campus: Bedeutet das: Was ich studiere, ist egal, solange die Persönlichkeit stimmt?

Röser: Nein, das ist zu extrem formuliert. Fachwissen ist natürlich wichtig. Ein Unternehmen wird keinen Ingenieur anstellen, wenn es einen Germanisten sucht, und umgekehrt. Allerdings werden persönliche und soziale Kompetenzen von Berufseinsteigern für Arbeitgeber immer wichtiger. Wie gut kann man seine Bewerbung begründen? Wie reflektiert wirkt man im Gespräch? Wie lernbereit ist man während der Probezeit? Fehlendes Fachwissen lässt sich im Zweifel auch später noch nachholen, zumal Weiterbildungsangebote für Berufstätige immer besser werden.

ZEIT Campus: Sie meinen bei einem berufsbegleitenden Studium?

Röser: Genau. Viele Betriebe stehen dem sehr offen gegenüber. Wenn jemand einige Jahre im Unternehmen war und dann sagt: "Dieser Bereich gefällt mir, da will ich mich spezialisieren", dann wird das meistens unterstützt. Überhaupt gilt: Je länger man bereits arbeitet, desto unwichtiger wird es, welchen Abschluss man hat. Dann entscheiden vielmehr die Arbeitserfahrung und das persönliche Netzwerk darüber, ob man für eine neue Stelle oder Führungsposition geeignet ist.

ZEIT Campus: Trotzdem haben viele Angst, sie könnten bei der Studienplatzwahl eine falsche Entscheidung treffen und dadurch in eine Sackgasse geraten. Ist das Quatsch?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 2/2017.

Röser: Oft entsteht diese Sorge bei Leuten, die kaum praktische Erfahrungen haben und nicht genau wissen, wohin sie eigentlich wollen. Wer genauere Vorstellungen hat, kann sich über Karrierewege informieren und braucht keine Angst zu haben. Man muss nach dem Bachelorabschluss noch nicht zwingend den konkreten Traumjob vor Augen haben. Aber man sollte wissen, für welchen Fachbereich man sich begeistert und ob man eher der praktische Typ ist oder in die Forschung möchte.

ZEIT Campus: Und wenn man das nach dem Bachelor einfach noch nicht weiß?

Röser: Dann sollte man sich besser frühzeitig Rat holen. Dafür sind zum Beispiel die Studienberater der Arbeitsagenturen da.

ZEIT Campus: Welche Tipps geben Sie Studenten, die nicht wissen, wohin sie wollen?

Röser: Ich empfehle ihnen zum Beispiel, Praxiserfahrung zu sammeln. Man kann nach dem Bachelor ein Gap-Year einlegen und die Zeit für Praktika nutzen, am besten in ganz unterschiedlichen Bereichen. So kann man herausfinden, wo und wie man später einmal arbeiten möchte. Das kann bei der Entscheidung für den richtigen Master sehr helfen.

ZEIT Campus: Angenommen, man hat sich informiert, hat Praktika gemacht – und merkt im Master, dass er nicht passt. Was dann?

Röser: Falls der Master nicht den eigenen Erwartungen entspricht, sollte man sich fragen: "Komme ich damit trotzdem meinem Traumberuf näher?" Falls ja, lohnt sich das Durchhalten. Falls man aber verzweifelt und nicht weiß, ob der Master zu schaffen ist, kann ein Abbruch sinnvoll sein. Dann sollte man sich schnell eine Alternative suchen, zum Beispiel ein anderes Studium oder einen Job. Und: Man sollte diese Entscheidung in Bewerbungsgesprächen gut begründen können.

ZEIT Campus: Wie oft passiert es, dass gut ausgebildete Menschen zu Ihnen kommen und zugeben müssen: "Ich bin gescheitert"?

Röser: Selten. Aber es kommt natürlich vor. Oft haben sich die Betroffenen vorher zu wenig Gedanken gemacht. Ein typisches Beispiel sind Lehramtsstudenten, die erst am Ende ihrer Zeit an der Uni feststellen, dass sie nicht vor einer Klasse stehen können. Und es droht eine weitere Gefahr: Mittlerweile gibt es sehr spezialisierte Masterstudiengänge, die Theaterwissenschaften etwa, bei denen nur sehr wenige Absolventen auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Das kann den Jobeinstieg später erheblich erschweren.

ZEIT Campus: Es kann auch passieren, dass man erst nach ein paar Jahren im Beruf merkt, dass er nicht der richtige ist. Was dann?

Röser: Auch dann ist ein Wechsel noch machbar. Es kann sogar Vorteile haben, wenn man bereits einige Jahre in einem Bereich gearbeitet hat. Dann verfügt man in der Regel über gute Kontakte und kann sich in einen Job, der ähnliche Kompetenzen erfordert, schnell einarbeiten. Das hilft. Möchte man jedoch etwas völlig Neues machen, zum Beispiel nach fünf Jahren im Marketing lieber als Ingenieur arbeiten, wird es natürlich schwieriger. Aber mit ausreichend Eigeninitiative und Disziplin ist vieles möglich, auch ein krasser Fachwechsel.