Wann reicht ein Bachelor aus?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 2/2017.

Kaum eine Fachgruppe ist auf dem Arbeitsmarkt so gefragt wie die der Informatiker. In einer Studie des Instituts Staufenbiel gaben mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen an, dass sie IT-Experten suchen, quer durch alle Branchen. Entsprechend gut sind auch die Chancen für Absolventen ohne Master. "Im Bereich IT sind wir flexibel. Bachelorabsolventen sind für uns so interessant wie Bewerber mit höheren Abschlüssen", sagt Ulla Mönius, Personalreferentin bei der Allianz.

"Bei Mathematikern erwarten wir für den Berufseinstieg mindestens einen Masterabschluss, da etwa im Risikomanagement oder bei der Kalkulation von Preisen vertieftes Fachwissen gefragt ist", sagt Ulla Mönius. Im Mathe-Bachelor würden Teilgebiete verkürzt dargestellt, erst im Master beschäftige man sich ausgiebig mit Disziplinen wie Topologie. Auch Anja Robert vom Career Center der RWTH Aachen sagt: "Nur der Master bietet die Chance, ein Fach in seiner ganzen Tiefe kennenzulernen."

Wie finde ich den richtigen Master?

Generell gilt: Wer in der Berufswahl noch unsicher ist, sollte einen breit angelegten Master studieren. Wer sehr genau weiß, in welchem Bereich er später arbeiten möchte, entscheidet sich am besten für ein spezialisiertes Programm wie zum Beispiel Biomathematik. "Mit der Wahl des Masters legt man sich nicht für den Rest seiner Karriere fest", sagt Anja Robert. "Biografien nehmen heute ganz unterschiedliche Verläufe. Man sollte sich überlegen, für welche Bereiche man brennt, und sich gezielt nach Hochschulen umsehen, die in diesen Disziplinen einen guten Ruf haben."

Viele Hochschulen werben damit, großartige Lehre und Forschung zu betreiben. An ein paar Indizien kann man überprüfen, ob da was dran ist. In welchen Bereichen besonders aktiv geforscht wird, verraten zum Beispiel die Drittmittel, die eine Universität einwirbt. Die Lebensläufe der Professoren geben Aufschluss darüber, wie gut diese international vernetzt sind. "Man sollte diese Entscheidung bewusst treffen und nicht aus Bequemlichkeit an der alten Hochschule bleiben", sagt Anja Robert.

Wie gebe ich meinem Studium eine Richtung?

Die fachliche Orientierung sollte man von seinen eigenen Interessen abhängig machen, nicht von den Stellenangeboten. "Die Studenten müssen sich nicht verbiegen, um ihren Lebenslauf den Unternehmen anzupassen", sagt Ulla Mönius. "Uns ist wichtiger, dass die Absolventen ihre Entscheidungen nachvollziehbar erklären können." Wer sich für praxisnahe Disziplinen interessiert, zum Beispiel für Wirtschaftsmathematik, kann das durch Praktika oder durch eine Werkstudententätigkeit ergänzen. Wer dagegen tiefer in die fachlichen Themen einsteigen möchte, sammelt am besten Erfahrungen als studentische Hilfskraft. Von technischen Trends sollten sich Studenten nicht zu sehr ablenken lassen. "Die IT-Branche ist sehr schnelllebig. Aber mit dem, was die Studenten an der Hochschule lernen, sind sie für die Zukunft bestens gerüstet", sagt Anja Robert.

Worauf kommt es beim Berufseinstieg an?

Die Berufschancen sind sowohl für Mathematiker als auch für Informatiker gut. Je nach Schwerpunkt steigen Mathematiker bei Banken, Versicherungen, bei Unternehmensberatungen oder in der Software-Industrie ein. Wer später Führungsverantwortung übernehmen möchte, sollte sich durch besonderes Engagement hervortun. Das kann etwa die Leitung von Jugendgruppen sein. "Unternehmen wollen sehen, dass Absolventen kommunikativ und teamfähig sind", sagt Anja Robert. "Je stärker man das durch praktische Erfahrung nachweisen kann, desto besser."

Von Absolventen werde aber nicht verlangt, beim Einstieg schon alles zu können. "Man muss nicht alle Programmiersprachen beherrschen. Wichtiger ist, dass man sich schnell und mit Begeisterung in neue Themen einarbeitet", sagt Ulla Mönius. "Fähigkeiten wie Projektmanagement eignen sich die Absolventen ohnehin viel schneller in der Praxis an."

Was muss man für eine Uni-Karriere mitbringen?

Wer eine akademische Karriere anstrebt, muss promovieren. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung kam 2014 rund jede dritte Doktorarbeit aus einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Fach. Schon im Master kann man erste Vorbereitungen für eine Promotion treffen, zum Beispiel, indem man eine passende Hochschule wählt oder mögliche Betreuer anspricht. "Wissenschaftler müssen eine hohe Motivation mitbringen und in der Lage sein, tief in ein Thema einzutauchen", sagt Anja Robert. "Auch Kommunikation ist wichtig, da die akademische Welt heute stark vernetzt ist."

"Mit einem höheren Abschluss hat man bessere Gehaltschancen"

"Ich arbeite neben dem Studium als App-Entwickler in einer Agentur. Dort habe ich gemerkt, dass man mit einem höheren Abschluss bessere Gehaltschancen hat. Deshalb wollte ich einen Master machen. Im Master sind die Inhalte spannender als im Bachelor. Zwar müssen wir mehr Mathe lernen, besonders in Fächern wie IT-Sicherheit und Kryptografie, meine Schwerpunkte kann ich aber selber wählen. Mir gefallen vor allem Computergrafiken und Virtuelle Realität. Ich arbeite drei Tage pro Woche und werde deswegen ein Semester länger studieren. Dafür kenne ich mich bei manchen Themen besser aus als meine Kommilitonen. Etwa mit Datenbanksystemen, damit arbeite ich ständig."

"Im Bachelor kratzt man die großen Themengebiete der Mathematik nur an"

"Im Bachelor kratzt man die großen Themengebiete der Mathematik nur an. Ich wollte unbedingt mehr wissen. Für den Master bin ich nach Berlin gezogen, dort kann ich Vorlesungen verschiedener Unis hören. Ich studiere an der Humboldt-Universität, besuche aber auch Kurse an der Freien Universität und der Technischen Universität. Im Master braucht man ständig die Grundlagen aus dem Bachelor. Zum Beispiel die Beweistechniken, die wir in den ersten Semestern gelernt haben. Ich interessiere mich für algebraische Geometrie und Topologie, das sind abstrakte Disziplinen. Angewandte Mathematik und Inhalte, die für Versicherungen und Banken wichtig sind, liegen mir nicht so."