Direkt nach dem Bachelor, berufsbegleitend oder gar nicht? Wenn ja: spezialisieren oder nicht? Und was ist mit Praktika? Orientierungshilfe für junge Ingenieure

Wie wichtig ist der Master für die berufliche Laufbahn?

Bei Einsteigerjobs für Ingenieure wird selten ein bestimmter akademischer Grad verlangt. Die meisten Angebote richten sich an Bachelor- und Masterabsolventen gleichermaßen. "Viele Studenten befürchten jedoch, dass sie ohne Master keinen guten Job finden, dabei sind die Chancen für Bachelorabsolventen gar nicht so schlecht", sagt Knud Ahlborn, Leiter des Career Service der TU Braunschweig.

Vor allem für Tätigkeiten in Vertrieb, Marketing und Produktionsplanung oder in Forschung und Entwicklung stellen Unternehmen gern Ingenieure mit Bachelorabschluss ein. Wer den Berufseinstieg nach dem ersten Studium schafft, kann auch ohne Master Karriere machen. Das zeigt eine Studie vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Auch bei höheren Fach- und Führungspositionen ist für weniger als drei Prozent der befragten Unternehmen ein Master oder Doktortitel sehr wichtig.

Es gibt aber auch Laufbahnen, für die Masterabschlüsse unverzichtbar sind. Typische Beispiele sind eine Forscherkarriere in der Wissenschaft oder eine Beamtenlaufbahn im höheren Dienst. Auch in vielen Unternehmen werden Ingenieure mit Master bei der Stellenvergabe bevorzugt, ergab vor Kurzem eine Studie des Staufenbiel Instituts, eines Jobportals für Absolventen. Das liegt nicht nur an der höheren fachlichen Qualifikation. "Für Jobs mit viel Verantwortung oder Kundenkontakt wird meist erwartet, dass jemand neben dem akademischen Grad auch eine souveräne Ausstrahlung mitbringt", sagt Knud Ahlborn. "Ingenieure mit Bachelorabschluss kommen für manche Positionen nicht infrage, weil sie dafür einfach zu jung sind."

Soll ich mich im Master spezialisieren?

Der Lebenslauf eines Bewerbers sollte möglichst gut zur ausgeschriebenen Stelle passen. Viele Unternehmen legen darauf großen Wert. Für fast alle Arbeitnehmer sind die Studienschwerpunkte ein entscheidendes Einstellungskriterium. Auch das zeigt die aktuelle Studie des Staufenbiel Instituts.

Trotzdem sollte man sich im Master nicht allzu stark spezialisieren. "Das schränkt die eigenen Möglichkeiten bei der Stellensuche ein und ist nur dann sinnvoll, wenn man genau weiß, was man will", sagt Lars Funk, Bereichsleiter Beruf und Gesellschaft vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Eine aktuelle Studie des VDI ergab, dass Absolventen von breit angelegten Masterstudiengängen bei Unternehmen beliebter sind. "Junge Ingenieure müssen damit rechnen, dass sie ihre Schwerpunkte im Lauf ihrer Karriere mindestens zwei- oder dreimal umstellen werden", erklärt Funk. Er empfiehlt Studenten daher, ihr Profil zu schärfen – auch wenn es keine Spezialisierung im Master gibt. "Zum Beispiel, indem man neben dem Studium gezielt Praxiserfahrungen in einer bestimmten Branche sammelt und die Masterarbeit darauf abstimmt", sagt Funk.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 2/2017.

Wie wichtig sind praktische Erfahrungen?

"Was jemand neben dem Studium gemacht hat, ist ein entscheidender Faktor im Bewerbungsprozess", sagt Vera Winter, die den Bereich Personalmarketing bei Bosch leitet. Am besten absolviert man studienbegleitend ein oder zwei Praktika von jeweils vier bis sechs Monaten in verschiedenen Firmen. Wer deshalb länger studiert, hat nicht unbedingt einen Nachteil. "Studienbegleitende Praxiserfahrungen sind oftmals wertvoller, als die Regelstudienzeit einzuhalten", sagt Winter.

Wer keine Zeit für längere Praktika hat oder die Regelstudienzeit wegen des Bafögs nicht überschreiten möchte, kann auch als wissenschaftliche Hilfskraft an der Hochschule praktische Erfahrungen sammeln oder als Werkstudent in einem Unternehmen. Laut Knud Ahlborn von der TU Braunschweig sind längere Praktika aus Sicht vieler Arbeitgeber aber besser: "Unternehmen wollen Bewerber, die sich in der Arbeitswelt außerhalb der Universität auskennen und bereits eigenverantwortlich tätig waren." Das funktioniere allerdings nur, wenn man einige Monate Vollzeit in einem Unternehmen mitgearbeitet habe.

Die Aufgaben während eines Praktikums hängen stark von der Firma und der Abteilung ab, in der man eingesetzt wird. Gute Praktika zeichnen sich zum Beispiel dadurch aus, dass man eigene Projekte umsetzt und dabei vielleicht eine Produktionslinie effizienter organisiert oder eine neue Software installiert. "Man sollte sich vorab erkundigen, wie das Praktikum ablaufen wird, und dem Arbeitgeber signalisieren, dass man ein eigenes Projekt übernehmen möchte", so Ahlborn.

Wann ist der beste Zeitpunkt für den Master?

Die meisten Studenten entscheiden sich für den Master, nur wenige machen nach dem Bachelor eine längere Pause. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat untersucht, wie viele Studenten spätestens eineinhalb Jahre nach dem Bachelor ein Masterstudium aufgenommen haben. Das Ergebnis: Bei Ingenieuren von der Uni entscheiden sich neun von zehn dafür, unter den Absolventen von Fachhochschulen rund die Hälfte. Wer direkt weiterstudiert, hat oft einen Vorteil: Das Wissen aus dem ersten Studium ist noch frisch, das wissenschaftliche Arbeiten fällt leichter.

Es geht aber auch anders. "Für ein Masterstudium ist es nie zu spät", sagt Vera Winter von Bosch. Der Konzern bietet zum Beispiel verschiedene Teilzeitmodelle, um Mitarbeitern ein berufsbegleitendes Masterstudium zu ermöglichen. Damit ist die Firma kein Einzelfall: Jedes zweite Unternehmen unterstützt seine Angestellten dabei, neben dem Job berufsbegleitend zu studieren und einen Master zu machen, so das Ergebnis einer Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. Studiert man neben der Arbeit, kann das Vorteile bringen: Man kann den Master gezielt als Karrierebaustein nutzen, um sich für neue Aufgaben oder eine höhere Position zu qualifizieren. Dieses Modell bedeutet aber auch, dass man viele Abende und Wochenenden für Klausuren lernt oder mit Seminararbeiten verbringt. Außerdem übernimmt nicht jeder Arbeitgeber die Studiengebühren. Bei berufsbegleitenden Mastern in Ingenieurfächern liegen die Kosten in der Regel zwischen 9.000 und 30.000 Euro.

"Ich erforsche, wie man Altmetalle wiederverwerten kann"

"Ich bin in Paraguay aufgewachsen und für den Bachelor nach Taiwan umgezogen – mit einem Stipendium für Umweltingenieurwesen. Dieses Studium war sehr theoretisch. Für den Master wollte ich noch einmal die Uni wechseln, auch das Land. Ein Teil meiner Familie lebt in Deutschland, deshalb wollte ich hier studieren. In Münster kannte ich sogar schon ein paar Studenten aus meinem Bachelor. Für die Zulassung in Bauingenieurwesen an der Fachhochschule in Münster brauchte ich mindestens eine 2,3 als Abschlussnote. Das war kein Problem für mich. Und einen Sprachnachweis brauchte ich, das Studium ist auf Deutsch. Auch den konnte ich vorweisen. Nach einem Semester habe ich gemerkt, dass ich mich mehr für Umweltthemen interessiere. Also habe ich das Fach gewechselt: Jetzt studiere ich Technisches Management in der Energie-, Gebäude- und Umwelttechnik. Was mir daran besonders gut gefällt, ist die Kombination von Theorie und Praxis. Montags bis mittwochs arbeiten wir in einem Unternehmen oder Hochschulinstitut, donnerstags bis samstags sitzen wir in Seminaren und Vorlesungen. Daneben arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut. Dort schreibe ich meine Masterarbeit über Recyclingprozesse. Ich erforsche, wie man Altmetalle im Labor wiederverwerten kann. Nach dem Studium möchte ich gerne im Bereich Ressourcenmanagement arbeiten."

"Im Master kann ich endlich meine eigenen Schwerpunkte setzen"

"Nach dem Bachelor war mir klar: Ich will an meiner Hochschule in Aachen bleiben. Dort kannte ich viele Leute, und mir gefiel die Uni. Ein Jahr Pause wollte ich nicht machen. Laut Lehrplan ist der technische Anteil im Master Wirtschaftsingenieurwesen größer als der wirtschaftliche, das Studium besteht zu 70 Prozent aus Maschinenbau. Inhaltlich baut vieles auf dem ersten Studium auf. Im Bachelor waren einige Vorlesungen völlig überfüllt, neben mir saßen Hunderte Studenten im Hörsaal. Im Master sind wir viel weniger Studenten, das ist toll. Jetzt kann ich meine Kurse frei wählen und endlich meine eigenen Schwerpunkte setzen. Ich konzentriere mich auf Produktionstechnik, Qualitätsmanagement und Recycling. Ein Teil der Wahlfächer wurde mir bei meinem Auslandssemester angerechnet. Ich war in den USA, an der Universität in Wisconsin. Jetzt schreibe ich meine Masterarbeit über ein Thema aus der Medizintechnik. Ich entwickle einen Leitfaden für eine Anlage, die Wirkstoffe von Stammzellen richtig dosieren soll. Dabei muss alles den EU-Richtlinien entsprechen. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Produktion sicher sein muss und nichts verunreinigt sein darf. Wie es nach dem Master weitergeht, wusste ich erst nicht genau. Mittlerweile steht fest: Ich werde in Aachen am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie promovieren. Vor Kurzem kam die Zusage."