"Weg mit Chamenei" wird im Iran gefordert. Doch nicht alle stehen dahinter. Fünf iranische Studenten blicken auf die Proteste – vom Revoluzzer bis zum Regimetreuen.

Seit einer Woche erschüttern Massenproteste den Iran. Die arme Landbevölkerung demonstriert gegen Armut und Arbeitslosigkeit. Religiöse Hardliner versuchen, das als Kritik am moderaten Präsidenten Ruhani auszulegen. Und Regimegegner rufen Parolen gegen die Islamische Republik. Zum ersten Mal wird dabei Protest in den Provinzen stark sichtbar.

Aber auch in der Hauptstadt Teheran erlebt die Generation unter 25 zum ersten Mal bewusst, wie Demonstranten auf den Straßen vor Wasserwerfern fliehen und Studierende verhaftet werden. Für die Proteste der Grünen Revolution im Jahr 2009 war diese Generation noch zu jung, jetzt sehen einige ihre Zeit gekommen. Doch wie der Rest der iranischen Gesellschaft sind auch die jungen Menschen gespalten – in Regimetreue, Revoluzzer, Reformer und Unpolitische. Im Gegensatz zu 2009 lehnen selbst viele systemkritische Studierende den Protest ab. Soziale Schicht und wirtschaftspolitische Einstellung bilden dabei die Trennlinien des Protests, bei vielen schlägt die Wut in radikale Regimekritik um.

Über Telefon und verschlüsselte Telegram-Chats erzählen fünf Studierende aus Teheran, was sie politisch antreibt. Sie alle wollen anonym bleiben – ihre Namen sind deswegen geändert.

Der Revoluzzer

Seit Monaten hat Philosophiestudent Amir, 22, auf diesen Moment gewartet. Er hat in studentisch organisierten Marx-Lesekreisen Das Kapital gelesen, hat zusammen mit anderen sozialistische Kritik an der Islamischen Republik geübt. Er hat in linken Telegram-Gruppen nach Gleichgesinnten gesucht. Und er hat versucht, Kommilitonen zu überzeugen, dass sich dieser Kampf lohne: Gegen die Wirtschaftspolitik des Präsidenten Hassan Ruhani zu demonstrieren – obwohl dieser Präsident moderat ist, obwohl er die Rolle der Religion im Staat etwas zurückdrängt. Und obwohl er dafür gesorgt hat, dass die meisten der bei den Massenprotesten 2009 inhaftierten Studierenden wieder freikamen und an die Unis zurückdurften.

Jetzt schreibt er in einem verschlüsselten Chat: "Es demonstrieren Studierende der Uni Teheran und Arbeiter im ganzen Land. Das ist ein marxistischer Protest." Die meisten Studierenden, die dabei seien, stünden politisch sehr links. Der Protest sei spontan und nicht zentral organisiert. "Deswegen hat das niemand kommen sehen. Vor allem die Reformer, die sich eher für die kulturellen Freiheiten interessieren – sie haben die Armen aus den Augen verloren." Amir ist einer von jenen iranischen Studierenden, die sich nicht nur weniger Religion im Staatssystem wünschen, sondern in erster Linie eine sozialistischere Politik.

"Was Ruhani macht, ist uns nicht genug", sagte Amir schon bei einem Treffen in der Uni Teheran im Februar 2017. "Er sorgt für mehr kulturelle Freiheit, aber zermürbt uns durch Privatisierung."

Ruhani setzt seit seinem Amtsantritt 2013 fort, was einige seiner Vorgänger längst begonnen haben: Er verkauft einige staatliche Unternehmen an den privaten Sektor, besonders im Energiebereich. Damit sollen auch internationale Investoren angelockt werden, letztlich soll das die Wirtschaft ankurbeln. Amir kritisiert das als neoliberal.

Die Wut wurde weiter angefacht, als Ende Dezember bekannt wurde, dass der Staatshaushalt religiöse Stiftungen und die Aktivitäten in Syrien und im Irak mit Milliardensummen finanziert – obwohl gleichzeitig viele Subventionen gestrichen werden. "Das kann man dem Menschen vom Land, der seine Familie ernähren muss, nicht mehr erklären", meint Amir. Deswegen geht er seit einer Woche fast jeden Tag auf die Straße, ruft "das Land bettelt, der Herr lebt wie ein Gott".

Auf die Frage, was die Demonstranten wollten, schreibt Amir nur: "Revolution."

Die Reformerin

Ob jemand für oder gegen die Proteste ist, entscheidet sich auch an politischen Prioritäten. Fateme, 23, findet eine soziale Wirtschaftspolitik wichtig, doch im Protest sieht sie viele Gefahren für die kulturelle Freiheiten, die sie und andere sich in den letzten Jahren erkämpft haben.

Fateme studiert Architektur und ist Vertreterin einer kritischen Uni-Gruppe, die 2009 eine zentrale Rolle für die Mobilisierung der Studierenden spielte. Über die aktuelle Situation sagt sie: "Ich kenne die Demonstranten nicht und unsere Gruppe hat nicht zu Protesten aufgerufen." Es gebe zwar Einzelpersonen aus ihrer Organisation, die demonstrierten. "Aber ich persönlich halte das für gefährlich. Die Demonstrationen haben kein realistisches Ziel. Daraus entsteht nur Gewalt."

Wie viele fürchtet Fateme, der Iran könnte durch zu radikale Proteste in bürgerkriegsähnliche Zustande abgleiten, da es zu viele fragmentierte Gruppen im Staat gebe – das Beispiel Syrien schreckt sie ab.

"Man muss nicht gleich die Islamische Republik abschaffen."
Fateme

Sie kann sich mit keiner der beiden Strömungen in den Protesten identifizieren: Wirtschaftlich geht es ihr gut, sie hat es an die Uni Teheran geschafft, an der es keine Studiengebühren gibt, ihre Eltern bezahlen ihr bald einen Auslandsaufenthalt in den Niederlanden.

Und sie ist gegen "plumpe Regimekritik", wie sie sagt: "Ich bin durchaus kritisch gegenüber dem System und der Rolle der Religion darin. Aber die letzten Jahre haben gezeigt, dass man auch innerhalb des Systems einiges verändern kann, durch Reformen, und wenn moderate Präsidenten gewinnen." Die Religionspolizei nehme Frauen jetzt zum Beispiel wegen freizügiger Kleidung nicht mehr mit aufs Revier, an den Unis werde viel freier über Politik diskutiert.

"Man muss nicht gleich die Islamische Republik abschaffen, um Menschenrechte und kulturelle Freiheiten zu erkämpfen", glaubt Fateme. Zumindest sei das nicht realistisch. "Das bedeutet nur Blutvergießen – oder einen konservativen Backlash."

Trotzdem will sie sich an ihrer Uni dafür einsetzen, dass verhaftete Studierende schnell freikommen. "Alle, die unter staatlicher Repression leiden, haben meine Solidarität, uneingeschränkt." 

Die Unpolitische

Eigentlich will Nilufar, 28, nur den Englischtest bestehen, der in einer Woche darüber entscheiden wird, ob sie in Kanada eine Promotionsstelle antreten kann. Doch nicht weit von ihrer Teheraner Haustür entfernt liefen in den letzten Tagen Demonstranten durch Tränengaswolken, Polizisten prügelten auf Studierende ein. Sie hat gerade ihren Master in Informatik gemacht, wohnt mit ihrem Freund und einer Mitbewohnerin in einer Zweizimmerwohnung in der Nähe des Revolutionsplatzes Meydane Enghelab, wo viele der Demonstrationen stattfanden.

"In meinem Englischkurs reden seit Tagen alle nur noch über die Proteste, tauschen Informationen aus – besonders als Telegram und Instagram geblockt waren", erzählt sie. Ursprünglich kommt sie aus Chomeinishahr, einer Kleinstadt bei Isfahan, die nach dem ersten religiösen Führer benannt ist – "eigentlich dachte ich, das ist ein relativ konservativer Ort", sagt Nilufar. Demonstranten griffen dort Regierungsgebäude an, riefen "Tod dem religiösen Führer", mehrere Menschen starben, darunter ein minderjähriger Junge.

"Den Menschen scheint es schlechter zu gehen, als wir dachten."
Nilufar

Während sich in den größeren Städten zuletzt auch einige Menschen aus der Mittelschicht eingemischt haben, bilden die sozialen Schichten in den Provinzen immer noch die Trennlinien des Protests. "Meine Mutter sagt, es waren arme Leute, Männer und Frauen, die sie persönlich nicht kennt", sagt sie. Ihre Familie gehört zur Mittelschicht. Dann klingt sie fassungslos: "Dass so was in diesem kleinen Ort passiert, schockiert mich. Woher kommt diese Wut? Den Menschen scheint es schlechter zu gehen, als wir dachten."

Nilufar will ein selbstbestimmtes Leben leben, ohne zu viele religiöse Regeln. Doch Politik schreckt sie ab. "Politik ist in diesem Land so frustrierend, dass ich entschieden habe, nicht mehr darüber nachzudenken, sondern einfach mein Leben zu leben. Man kann sowieso nichts machen", sagt sie. Deswegen will sie ins Ausland – "in ein Land, in dem es auch solche gewalttätigen Proteste nicht gibt. In dem es sie nicht geben muss." Sie hofft, ihren Englischtest trotz der Proteste zu bestehen.