Seit die Pille danach rezeptfrei ist, steigt die Nachfrage. Doch wie gut beraten Apotheker tatsächlich? Und händigen sie jeder Frau die Pille aus?

Lea hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, als sie mit Simon (beide Namen geändert) einen Schnaps nach dem anderen auf einer Studentenparty trinkt. Eine gemeinsame Freundin hatte sie einander vorgestellt. Am Ende des Abends sitzen beide im Taxi auf dem Weg zu Simons Wohnung. Es ist das erste Mal, dass Lea mit einem mehr oder weniger fremden Mann nach Hause fährt.

Ein paar Wochen später kann sich Lea, 21, nicht mehr an alle Details des Abends erinnern. Aber sie weiß noch: Sie hat Sex mit Simon und es macht ihr Spaß. Als Simon sie fragt, ob sie die Pille nimmt, antwortet sie: Ja. Sie benutzen kein Kondom. Am nächsten Morgen wachen sie um halb sieben nach nur zwei Stunden Schlaf auf, Simon fährt zur Uni, Lea nach Hause.

Lea nimmt die Antibabypille, seit sie 14 Jahre alt ist. Damals hatte sie noch keinen Sex, aber alle ihre Freundinnen nahmen sie, also zog Lea nach. Sie freute sich, dass ihr Zyklus durch die Hormone regelmäßig und die Menstruationsschmerzen weniger wurden. Mit ihrem ersten Freund war sie bis kurz vor der Nacht mit Simon zusammen, die Pille war bislang ihr einziges Verhütungsmittel. Sex ohne Kondom fühlt sich für sie völlig selbstverständlich an. Das Risiko, sich mit Krankheiten anzustecken, kommt ihr im Rausch des Moments nicht in den Sinn. "Ich war auch leider viel zu betrunken, um das alles noch groß zu hinterfragen", sagt sie heute.

Zu Hause bemerkt sie, dass sie die Pille in jenem Monat einmal vergessen hat. Sofort macht sie sich auf den Weg in die Apotheke. Die Apothekerin habe sie gefragt, wie lange der ungeschützte Geschlechtsverkehr her sei, erzählt Lea, und ihr anschließend eine kleine Verpackung gegeben. "20 Euro bitte. Vielen Dank. Auf Wiedersehen."

Die Pille danach ist seit 2015 in Deutschland rezeptfrei erhältlich. Wenn ein Mann und eine Frau ungeschützten Geschlechtsverkehr haben und eine Schwangerschaft verhindern wollen, reicht es seitdem, im Anschluss eine Apotheke aufzusuchen und das Präparat dort zu kaufen. Dank der Rezeptfreiheit sollte der Weg zur Pille danach vereinfacht und beschleunigt werden, indem Barrieren wie Öffnungs- und Schließzeiten von gynäkologischen Praxen wegfallen. Doch können Apotheker einen Besuch beim spezialisierten Arzt wirklich ersetzen? Und wie funktioniert das seitdem?

In Leas Fall sei mit der Frage, wie lange der ungeschützte Geschlechtsverkehr her ist, die wichtigste Frage gestellt worden, erklärt Petra Thürmann, Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für klinische Pharmakologie am Helios Klinikum Wuppertal. Von der Antwort auf diese Frage hängt ab, welches der beiden Pille-danach-Präparate gegeben werden kann: die Pille danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, das bis zu 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr wirkt, oder das Präparat mit dem deutlich stärkeren Hormon Uliprestal, das bis zu fünf Tage später eingenommen werden kann.

Doch darüber hinaus bewertet Petra Thürmann die Beratung, zumindest wie Lea sie gegenüber ZEIT Campus ONLINE berichtet, als nicht ausreichend. Die Apothekerin hätte fragen müssen, ob die junge Frau Medikamente einnimmt, die ein Notfallkontrazeptivum unwirksam machen können, wie beispielsweise Medikamente gegen HIV oder Epilepsie, sagt die Ärztin. Auch die Frage nach der letzten Regelblutung gehöre zu einem Beratungsgespräch, um auszuschließen, dass die Frau gegebenenfalls bereits schwanger ist.

Die Nebenwirkungen

Übelkeit und Bauschmerzen sind die häufigsten Nebenwirkungen der Pille danach – und vor allem darüber müssten die Frauen aufgeklärt werden, erklärt Petra Thürmann. Denn wenn sie sich in den ersten Stunden nach der Einnahme übergeben, kann die Pille danach gegebenenfalls nicht wirken. Weitere Nebenwirkungen sind Schwindel, Kopf- und Unterleibsschmerzen. Bei einer Einnahme von Uliprestal kann es außerdem zu kurzzeitigen psychischen Problemen im Sinne einer emotionalen Störung kommen: Angst, Hyperaktivität, depressive Verstimmungen.

"Langzeitfolgen wie beispielsweise ein erhöhtes Thromboserisiko, die durch das Einnehmen der regulären Pille entstehen können, sind uns jedoch schlichtweg nicht bekannt", sagt sie. Generell seien die hormonellen Einflüsse der Pille danach vernachlässigbar, da der Wirkstoff nach ein paar Tagen den Körper verlassen habe und das Präparat anders als die Antibabypille nicht kontinuierlich genommen werde.

Nachdem sie die Pille danach genommen hat, litt auch Lea den ganzen Tag unter extremer Übelkeit. Doch sie sagt: "Das ist ein kleiner Preis dafür, dass ich nicht schwanger geworden bin." Mehr Beratung hätte sie nicht gebraucht, glaubt sie. Sie war einfach froh, dass es so schnell und reibungslos ging und sie sich keinem "Kreuzverhör" stellen musste.

Größere Sorgen hat sie sich wegen möglicher ansteckender Krankheiten gemacht. "Ein One-Night-Stand ohne Gummi, das war einfach dumm von mir", sagt sie, "so einen Scheiß macht man nicht zweimal." Zum Frauenarzt geht sie zwei Tage später. Dort erfährt sie, dass sie sich auf HIV erst in einigen Wochen testen lassen kann. Lea ist froh, dass sie das Thema ungewollte Schwangerschaft nicht auch noch ansprechen muss und sich im Vorfeld selbst darum kümmern konnte. "Die ganze Situation beim Arzt war auch so schon unangenehm genug", sagt sie heute.

Was für Lea eine Erleichterung war, sieht Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF), kritisch: "Apotheker bekommen, wenn überhaupt, eine vierstündige Ausbildung mit noch kürzerem medizinischen Teil, um die gesamte hormonelle Situation der Frau, den Zyklus, Verhütungsmethoden und die Möglichkeiten der Notfallverhütung zu lernen", erklärt er. Obendrein, so sagt der BVF-Präsident, würden in den Unterlagen, die Apothekerinnen und Apothekern von ihren Apothekerkammern als Vorbereitung bekommen haben, wesentliche Aspekte fehlen – manche Informationen seien gar falsch, so Albring. "Somit ist die Beratung in der Apotheke nicht nur fachlich ungenügend, sondern führt sicherlich öfter zu unnötiger Abgabe der Pille danach beziehungsweise in anderen Fällen zu einer Unterversorgung", sagt Albring, der auch als niedergelassener Arzt in Hannover arbeitet.