Wie hält man es aus in einer Branche, in der Frauen überwiegend männliche Geschäftsleute bei Laune halten sollen? Das anonyme Gehaltsprotokoll einer Messehostess

Die meisten Mädchen, die nach dem Abi einen Nebenjob suchen und Hostess werden, halten es nicht länger als ein Jahr aus. Gelockt von schnell verdientem Geld fangen sie an, dann ekeln sie sich, finden es schrecklich und hören auf. Auch ich war mehrmals an dem Punkt, an dem ich dachte: Ich kann nicht mehr, ich muss diesen Job sofort beenden.

Dass es so schlimm werden könnte, hatte ich vor fast sieben Jahren nicht geahnt. Damals, nach der Schule und einem Jahr Neuseeland, zog ich nach München und brauchte Geld. Ich war jung, schlank, weiblich, also gab ich bei Google "Messehostess München" ein und bewarb mich auf das erstbeste Angebot.

Ich fing an, auf Messen Infostände zu betreuen. Bald bekam ich weitere Aufträge. Ich empfing aus dem Ausland angereiste Geschäftsleute zu Events ihrer Firma und begleitete sie während des Abends. Auf Galas schenkte ich Wein aus, bei Betriebseröffnungen beriet ich Kunden über Produktneuheiten.

Wer attraktiv ist, bekommt die gut bezahlten Jobs.

Die Aufgabe einer Hostess ist es, Gäste zu begrüßen, zu betreuen, über Produkte zu informieren, kurz: den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Bezahlung hängt von der Tätigkeit und der Agentur ab, die einen anstellt. Gastronomischer Service bringt etwa zehn Euro die Stunde, Produktberatung elf, Betreuung von Abendveranstaltungen zwölf. Als VIP-Begleitung verdient man 18 Euro.

Gut aussehen ist das Wichtigste bei dem Job. Wer attraktiv ist, bekommt die gut bezahlten Jobs. Wer zu dick ist, wird aussortiert. Das Auswahlverfahren funktioniert so: Wenn man sich erfolgreich bei einer Agentur beworben hat, bekommt man Jobangebote zugeschickt. Möchte man eines annehmen, schickt die Agentur Fotos an den jeweiligen Auftraggeber, der dann bestimmt, welche Hostessen er haben möchte. Es werden übrigens auch Männer ausgewählt, sie heißen Hosts. Aber es gibt viel weniger Hosts als Hostessen.

Der Fokus auf das Äußere macht es einerseits einfach, denn man muss außer gut aussehen und höflich sein nicht viel können. Andererseits bekommt man Aufträge wie diesen: In München stellte ein Autobauer sein neues Fahrzeug vor. Ich sollte acht Stunden lang in hohen Schuhen und kurzem Rock neben dem Fahrzeug stehen. Meine einzige Aufgabe war es, das Auto so oft wie möglich mit meinem Körper zu berühren.

Nicht nur die Arbeit selbst degradiert Frauen zu Objekten. Als Hostess bin ich konstant von Männern umgeben, von denen viele unangenehm und einige belästigend sind. Auf einer Messe in Köln verwickelte mich tagsüber ein Mitte 50-Jähriger in ein Gespräch. Plötzlich lobte er mein Outfit und fragte, wo meine Kolleginnen und ich übernachteten. Am Abend nach meinem Schichtende wartete er am Ausgang auf mich und fragte: "Also, wollen wir jetzt noch etwas trinken gehen?"

Ein anderes Beispiel: Einmal musste ich Messebesuchern helfen, neuartige Kontaktlinsen auszuprobieren. Jeweils ein Gast konnte meinen Stand betreten, der hinter einer Glasscheibe aufgebaut war. Als ich einem Mann beim Einsetzen der Linsen half, versammelten sich seine Kollegen vor der Scheibe. Sie riefen dem Mann mehrmals zu, er solle seine Sitzposition ändern, damit ich mich strecken müsse. Meine Aufgabe war, die Hand des Kunden festzuhalten, damit ihm nicht schwindlig wurde. Daher musste ich meine Körperhaltung seinen Bewegungen anpassen. Die Zuschauer wollten meinen Körper sehen, in allen möglichen Stellungen. Auf der Messe wurde offiziell Englisch gesprochen, sie wussten offenbar nicht, dass ich ihr Deutsch verstand – vielleicht war es ihnen auch egal.