Iwan unterstützt Putin, Timur die Opposition und Viktoria boykottiert: Wir haben drei junge Russen gefragt, wie sie die Präsidentschaftswahl erleben.

Wie fühlt sich eine Wahl an, deren Ausgang schon allen klar ist? Am Sonntag wählt Russland einen neuen Präsidenten – und dass der neue Präsident der aktuelle Präsident sein wird, gilt als sicher. Wladimir Putin liegt in den Umfragen mit knapp 70 Prozent weit vorne. Es wäre seine vierte Amtszeit. Eine ganze Generation junger Russinnen und Russen kennt kein Russland ohne Putin – und sie ist gespalten.

Viele junge Russen hatten ihre Hoffnung in Oppositionspolitiker Alexej Nawalny gesetzt, der sie im vergangen Jahr für Antikorruptionsproteste mobilisieren konnte. Aber aufgrund einer Verurteilung wegen angeblicher Unterschlagung von Geld des internationalen Kosmetikkonzerns Yves Rocher wurde er von der Wahl ausgeschlossen. Als Reaktion hat Nawalny seine Anhänger dazu aufgerufen, die Wahl zu boykottieren, während die Regierung dafür wirbt, wählen zu gehen.

Neben Putin gibt es sieben weitere Kandidaten, aber sie gelten lediglich als Statisten in einer Inszenierung des Kremls. Einige junge Russen wollen nicht zur Wahl gehen und so protestieren. Andere geben ihre Stimme lieber der verbleibenden Opposition – aber wohl die meisten wählen Putin. Laut dem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada ist Putin gerade bei den Jungen besonders beliebt. Warum? Und glauben sie, dass die Wahlen fair sind? Wir haben mit drei jungen Russinnen und Russen gesprochen.

Timur, 21, aus St. Petersburg

Ich wähle am Sonntag Paris Hilton. Xenia Sobtschak hat einen ziemlich schlechten Ruf, weil sie aus einer reichen Familie kommt und mal TV-Moderatorin war. Sie war lange Zeit sozusagen die russische Paris Hilton. Jetzt scheint sie sich aber wirklich gemacht zu haben und arbeitet mittlerweile als Politikjournalistin für regierungskritische Medien. Für mich ist sie die einzig wirkliche oppositionelle Option, den anderen Kandidaten vertraue ich nicht. Sie wurden vom Kreml eingesetzt, um der Welt vorzugaukeln, dass wir eine Auswahl haben. Es gibt Gerüchte darüber, dass auch Sobtschak ein Projekt des Kremls ist, um davon abzulenken, dass Nawalny nicht zur Wahl antreten darf – was übrigens verfassungswidrig und einfach nur empörend ist. Aber ich bin mir da nicht so sicher.

Sobtschak hat viele Probleme angesprochen, was sicherlich nicht passiert wäre, wenn sie Putins Marionette wäre. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ihr Wahlkampf im nationalen Fernsehen Aufmerksamkeit für die Probleme unseres Landes erzeugt hat. Denn unsere Medien sind alles andere als frei und normalerweise kommen solche Dinge nicht zur Sprache.

Sie will die Korruption bekämpfen, die in Russland ein großes Problem ist, und tritt auch für eine friedlichere Außenpolitik ein. Das ist mir besonders wichtig. Ich studiere Internationale Beziehungen und bin mit der Außenpolitik unseres Landes ganz und gar nicht zufrieden – sie ist viel zu aggressiv. An einem Tag will Russland Teil von Europa sein und am nächsten geht es wieder seinen eigenen eigensinnigen Weg.

Ich habe Sobtschaks YouTube-Channel abonniert und folge ihr auch bei Instagram. Sie hat viele Videos zu verschiedenen politischen Themen gemacht und postet Fotos von ihren Treffen mit Wählern im ganzen Land. So verfolge ich ihren Wahlkampf. Von Putin hingegen sieht man überhaupt nichts. In den Städten gibt es ein paar Reklametafeln, aber das war's – er hat nicht mal ein Wahlprogramm! Er hat ein paar Ziele definiert, aber ohne jegliche Details. Und vor der Wahl gibt es immer eine große Debatte im Fernsehen. Da nehmen alle Kandidaten teil, nur er nicht. Er lässt sich nirgendwo blicken. Wahrscheinlich, weil er keine Lust auf unangenehme Fragen hat. Aber er hat es auch einfach nicht nötig, denn er hat auch so eine Menge Rückhalt. 

"Die Leute, die Putin wählen, lieben ihr starkes Staatsoberhaupt."
Timur


Die Leute, die Putin wählen, lieben ihr starkes Staatsoberhaupt. Sie sind froh, dass er die Krim zurückerobert hat und dass er das Image von einem Russland erschaffen hat, das nicht besiegt werden kann. Er inszeniert den Westen als unseren Feind. Er versucht, die Russen davon zu überzeugen, dass der Westen ein größeres Problem ist als Korruption, soziale Ungerechtigkeit und Armut. Die Leute danken Putin dafür, dass wir momentan kein Problem mit Terrorismus haben und sie sind bereit, Freiheit und Wohlstand aufzugeben, nur um sich sicher zu fühlen.

Am Sonntag möchte ich mir anschauen, welche Leute zur Wahl gehen und versuchen zu verstehen, was in ihren Köpfen vorgeht. Ich glaube auf jeden Fall, dass es besser ist, zu wählen. Ein Boykott wird nichts bringen und ich habe Angst davor, dass ungenutzte Stimmen einfach an Putin vergeben werden. Ich meine, das Wahlergebnis wird wahrscheinlich sowieso so manipuliert, dass Putins Zahlen noch besser aussehen, aber ich möchte mein Wahlrecht trotzdem nutzen. Putin wird gewinnen, das ist klar, und bei einer solchen Wahl gibt es keine Möglichkeit, das Richtige zu tun. Aber wenigstens kann ich mir sagen, dass meine Stimme nicht an diesen korrupten Präsidenten gegangen ist.