Wer cool ist, kommt zu spät. Dabei sind wir, die Pünktlichen, die Allein-am-Achtertisch-Wartenden, die wahren Helden des Alltags. Eine Abrechnung mit allen Zuspätkommern

Jedes Mal will ich dir sagen, dass ich es satt habe. Ich plane es, fünf, zehn, fünfzehn Minuten lang, denn ich habe ja Zeit, ich nehme es mir fest vor, und wenn du kommst, sagst du: "Sorry für die Verspätung." Und ich sage doch wieder: "Klar, kein Ding." Jedes Mal. Bis jetzt.

Du weißt, wen ich hier meine. Jeder kennt jemanden wie dich. Oder ist wie du. Eine Immerzuspätkommerin. Du nervst. Nur sage ich es dir nie. Weil ich zu viel Anstand habe, zu höflich bin. Aber ich will nicht mehr nur die Klar-kein-Ding-Frau sein. Deshalb schreibe ich diesen Text, damit du endlich erfährst, wie ich mich fühle. Ich bin die Stimme der Stehengelassenen, der Wartenden, der Regennassen, der Ausschauhaltenden, der Schon-mal-Ticket-Holenden und der Allein-im-Restaurant-am-Achtertisch-Sitzenden.

Unpünktlichkeit ist cool

Du bestimmst, wann es losgeht. Obwohl du sonst so viel Wert darauf legst, mit allen fair umzugehen – wenn es um meine Zeit geht, ist dir das egal. Pünktlich sind nur Loser. Langweiler, die nicht so busy sind wie du, Leute wie ich. Danke auch.

Denn Unpünktlichkeit scheint die einzige unsoziale Eigenschaft zu sein, für die sich keiner schämt. Die jeder gern und ungestört in eine Freundschaft hineinträgt. Wer Geheimnisse ständig weitererzählt, mit dem wird irgendwann nicht mehr geredet. Wer ständig Verabredungen absagt, wird irgendwann nicht mehr eingeladen. Wer einem nie zum Geburtstag gratuliert, sitzt irgendwann alleine bei der eigenen Party. Nur Unpünktlichkeit ist cool. Vielleicht, weil Verspätung vorgaukelt, wie locker und unkompliziert wir alle doch sind. Sie ist ein Statussymbol für einen ganzen Freundeskreis.

Unpünktlichkeit scheint die einzige unsoziale Eigenschaft zu sein, für die sich keiner schämt.

Jeder kommt mal zu spät. Fahrradschloss kaputtgegangen, Bus mit Panne, irgendwer, der in der Supermarktschlange sein Kleingeld nicht findet – nicht kalkulierbare Ereignisse, Alltag halt. Fremdbestimmt, unvermeidlich. Das passiert mir auch. Nur passiert es dir komischerweise jedes Mal, wenn wir uns treffen. Denk doch mal drüber nach, warum jedes Mal die S-Bahn gerade dann nicht fährt, wenn du zu mir willst. Aber irgendwie immer geht, wenn ich zu dir will.

Und wenn du ankommst, schmückst du dich mit Rechtfertigungen, denen ich, vom Warten durchgefroren, lauschen muss: wichtiges Telefonat, ganz wichtige E-Mail, dieser eine fantastische Text für dieses fantastische Seminar. Deine Ausreden lassen mir eine Antwort zu: Klar, kein Ding. Kenn ich, die Zeit, der Stress. Also vergebe ich dir. Und beim nächsten Treffen läuft es wieder so. Du zu spät, ich steh rum.

Aber meine Zeit gehört dir nicht

Diese zehn, fünfzehn Minuten sind nicht dein Eigentum, aber du nimmst sie dir einfach. Denn deine Unpünktlichkeit ist ein Machtbeweis: Du zeigst mir, wie frei du bist, dass du bestimmst, wann es losgeht. Wenn wir uns um 15 Uhr verabreden, sind wir abhängig voneinander – aber du bist so frei, zu spät zu kommen. Du willst dir nicht deinen Tagesablauf diktieren lassen. Zumindest nicht von mir.

Denn auch du, die ständige Zuspätkommerin, kommst natürlich manchmal pünktlich: zu Flügen, Zugfahrten oder Vorstellungsgesprächen. Immer dann, wenn nicht du diejenige bist, die die Macht in der Hand hat. Immer dann, wenn eine Verspätung bedeuten würde, dass du warten müsstest: auf den nächsten Flug, den nächsten Zug, die nächste Jobchance. Und dieses Warten tust du dir selber natürlich nicht gerne an. Meine Zeit kannst du verplempern, aber deine? Och, nö.

Wir, die Pünktlichen, sind die Helden des Alltags.

Dabei bin ich es, sind wir es, die Pünktlichen, die dich regelmäßig retten. Wir halten Plätze frei, wir stellen uns schon mal in der Schlange an, wir kaufen Eintrittskarten, bevor es zu spät ist, wir reservieren die Tische und passen auf, dass sie nicht schon weggegeben sind, bis du auftauchst. Wir, die Pünktlichen, sind die Helden des Alltags, auch deines.

Wir sind diejenigen, die einspringen, wenn deine anderen Freunde alle nicht können, weil ihre S-Bahn ausgefallen ist. Diejenigen, die für dich da sind, wenn andere ihre Macht ausspielen. Die im Regen stehen, für dich. Zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten. Weil wir unsere Zeit lieber teilen, als sie zu klauen. Wir sind Freunde, eh klar. Du wirst weiterhin zu spät kommen, und ich werde sagen: Klar, kein Ding. Aber dann sag doch einfach mal nicht sorry, sondern: danke.