Annas Vater ist streng katholisch. Als sie sich in Henning verliebt, wird das zum Problem.

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Als Annas Vater die Tür öffnete, machte ich mir fast in die Hose. Es war ein Abend kurz nach Neujahr. Ich hatte viel von ihm gehört. Ich wusste, dass er Anna verbieten wollte, mich zu sehen, und auch, dass ich bei ihm unerwünscht war. Trotzdem war ich gekommen und klingelte an seiner Tür. Alleine, ohne Anna. "Was willst du hier?", fragte er mich. Für einen Moment dachte ich: Der sticht mich gleich ab.

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Mein Vater ist sehr katholisch. Er geht jeden Sonntag in die Kirche. Wenn jemand den Papst kritisiert, regt er sich tierisch auf. Und Sex vor der Ehe ist für ihn ein No-Go, das lernte ich schon als Kind. Als meine ältere Schwester mit ihrem Freund zusammenkam, ist mein Vater ausgerastet. Wenn meine Schwester bei ihrem Freund übernachtete, rief mein Vater sie um fünf Uhr morgens an und verlangte, sie solle sofort nach Hause kommen. Die beiden stritten damals viel. Ich wusste: Mein Vater würde Henning nie akzeptieren.

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Anna und ich waren einige Monate vor Silvester zusammengekommen. Sie war 19, ich 23. Ich hatte sie über ihre ältere Schwester kennengelernt. Von der wusste ich schon, wie ihr Vater drauf ist. Das hielt mich nicht davon ab, Anna zu küssen. Aber es verkomplizierte unsere Beziehung. Anna wohnte noch bei ihren Eltern. Ich hatte dort Hausverbot. Und wenn wir in der Kneipe waren, musste sie oft um 22 Uhr nach Hause. Dabei war sie doch erwachsen!

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Als ich zum ersten Mal bei Henning schlafen wollte, fragte mein Vater: "Wo willst du hin?" Da sagte ich es ihm. Er versuchte, mich aufzuhalten, aber ich ging trotzdem. Als wir uns später wiedergesehen haben, schrie er mich an, ich könne nicht klar denken und sei geblendet vor Verliebtheit. Dann zitierte er Studien. Angeblich lassen sich Menschen, die unehelichen Sex haben, später häufiger scheiden.

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Was ihr Vater denkt, ist Anna, glaube ich, ziemlich egal. Bei ihrer Mutter ist das anders. Die ist zwar nicht so eine radikale Christin. Aber wenn sie mich kritisiert, nimmt Anna sich das zu Herzen. Vor Silvester zum Beispiel. Anna und ich wollten zusammen feiern. Ich hatte Leute eingeladen und extra ein Schokofondue vorbereitet. Dann bekam sie ein paar Tage vorher eine Grippe. "Du musst schnell wieder gesund werden", sagte ich, ohne groß darüber nachzudenken. Anna erzählte das ihrer Mutter, und die regte sich darüber auf, dass ich sie unter Druck setzen würde. Danach haben Anna und ich uns wahnsinnig gestritten. Ich forderte von ihr, mehr gegen ihre Eltern zu rebellieren. Silvester haben wir dann nicht zusammen gefeiert, das ging einfach nicht.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/18.

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Es ist nicht so, dass ich meinen Eltern nie widersprochen habe. Meinem Vater sagte ich zum Beispiel: "Die Bibel verbietet Sex vor der Ehe nicht." Es war mir zwar unangenehm, mit ihm über so intime Dinge zu reden. Aber ich wollte ihm unbedingt sagen, dass er mit seinen Ansichten falsch liegt.

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Nach dem Streit mit Anna kaufte ich ihre Lieblingsschokolade mit Popcorn-Geschmack. Ich wusste, Anna würde an dem Abend nicht zu Hause sein. Mit Schokoladenstückchen wollte ich "I love you" auf ihren Zimmerboden legen. Zur Versöhnung. Aber dafür musste ich an ihrem Vater vorbei. Ich nahm allen Mut zusammen und klingelte. "Du weißt schon, das mit dir und Anna wird nie funktionieren", sagte ihr Vater. Er ließ mich trotzdem rein.

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Als ich die Schokolade in meinem Zimmer entdeckte, habe ich mich riesig gefreut. Wegen der Überraschung. Vor allem aber, weil Henning sich getraut hatte, sich meinem Vater zu stellen. Plötzlich hatte ich das Gefühl: Unsere Beziehung kann keiner zerstören. Inzwischen sind wir seit zwei Jahren zusammen. Mein Vater hat Henning bis heute nicht akzeptiert. Wenn ich zu Hause von einer guten Note in der Uni erzähle, sagt er: "Schön. Wenn du nur diesen Freund nicht hättest." Inzwischen bin ich bei meinen Eltern ausgezogen und wohne in einer WG mit meiner älteren Schwester. Jetzt kann Henning endlich auch bei mir übernachten.

Ein Moment, zwei Perspektiven: Laura Cwiertnia fragt für jede Ausgabe zwei Menschen unabhängig voneinander nach einem Erlebnis. Anna und Henning wollen offen über ihre Gefühle sprechen, aber ihre echten Namen für sich behalten. Auch was zu erzählen? Schreib an laura.cwiertnia@zeit.de