Fatih Akins "Aus dem Nichts" ist der deutsche Kandidat für die Oscars. Im Interview erzählt er von den NSU-Morden, von klischeehaften Figuren und der Uni als Befreiungsschlag.

Kein deutscher Filmemacher erzählt so mitreißend wie Fatih Akin. Liebe, Hass, Hoffnung, Angst, daraus sind seine Geschichten gemacht. Vor 13 Jahren wurde er mit dem Liebesdrama "Gegen die Wand" international bekannt, sein neuer Thriller "Aus dem Nichts" ist der deutsche Kandidat für die Oscars. Jetzt hat er den Golden Globe gewonnen. Wir haben mit Akin vor einigen Wochen in der dunklen Mensa der Hamburger Kunsthochschule gesprochen, wo er studiert hat. Fatih Akin, 44, verspätete sich um Spielfilmlänge, ein Sturm hatte den Verkehr in der Stadt lahmgelegt. Doch dann Auftritt im schwarzen Mantel: nass und gelassen wie ein Cowboy.

ZEIT Campus: Fatih, du hast in der Oberstufe dein erstes Drehbuch geschrieben und das sogar an eine Produktionsfirma verkauft. Warum wolltest du nach dem Abi studieren, statt Drehbuchautor zu werden?

Fatih Akin: Ich wusste nicht, wie es nach der Schule weitergehen sollte. Was aus dem Drehbuch werden würde, war damals noch unklar. Ich hab mir ein Praktikum bei Wüste Film besorgt, einer Filmproduktion in meinem Kiez, war Fahrer und so. Einer der Wüste-Leute war der Regisseur Lars Becker, der später Filme wie Kanak Attack gedreht hat. Lars wurde mein Mentor und hatte an der Kunsthochschule studiert. Ich dachte mir: Mach ich das einfach auch.

ZEIT Campus: Dein Bewerbungsfilm hieß Das Ende. Worum ging es?

Fatih: Das war Frühjahr 94, Kurt Cobain hatte sich gerade erschossen, und ich hab viel Nirvana gehört. Jens, die Hauptfigur, ist auch ein unglücklicher Mann, der sich umbringt. Er kommt ins Jenseits und trifft da auf eine brutale Bürokratie. Wie bei Sartre, Das Spiel ist aus. Jens wird abgewiesen, weil er sich vordrängelt. Er muss wieder zurück auf die Erde.

ZEIT Campus: Deine Eltern waren als Gastarbeiter nach Hamburg gekommen. War es ihnen wichtig, dass du studierst?

Fatih: Ja, vor allem meiner Mutter. Sie hatte nicht studiert, auch mein Vater und mein älterer Bruder nicht. Es war zwar exotisch für sie, dass es ausgerechnet Kunst sein musste, aber immerhin. Für BWL oder Medizin hätte mein 3,0-Abi sowieso nie gereicht.

ZEIT Campus: Deine Familie ist religiös und konservativ, du warst links. Wie kam das?

Fatih: Meine Mutter wollte, dass ich als Jugendlicher türkische Folklore tanze. Es gab einen Verein, der das unterrichtet hat. Ich kam da rein, und dann war das eine Hochburg von türkischen Linken, Autonomen, Maoisten. Meine Mutter hat natürlich nichts geahnt.

ZEIT Campus: Hast du damals gut an die Kunsthochschule gepasst?

Fatih: Ich war schon eher Außenseiter. Ich hatte Dreadlocks, war der einzige Deutschtürke und mit Anfang zwanzig mit Abstand der Jüngste. Gleichzeitig hab ich schon in den ersten Semestern zwei Kurzfilme gedreht, die Preise gewonnen haben, dann zwei Spielfilme.

ZEIT Campus: In einem der Kurzfilme, Sensin, fällt der Satz: "Meine Traumfrau muss Türkin sein und auf Dackelblut stehen."

Fatih: Das hab ich Gott sei Dank überwunden. Dackelblut wär heute mein Albtraum! Das war eine Punkband, die ich gefeiert habe. Der Satz zeigt auch: In den Studentenfilmen damals wurde wenig nachgedacht und unheimlich viel gequatscht. Pulp Fiction lief in den Kinos, und jeder zweite Film an der Hochschule hatte Dialoge, als wäre er von irgendwelchen Tarantino-Bastarden.

ZEIT Campus: Hast du jemals am Sinn deines Studiums gezweifelt?

Fatih: Ja. Vieles an der Uni ging mir auf den Sack, zum Beispiel, dass alles so bürokratisch war. Aber 1994 war ich gerade Deutscher geworden und sollte direkt zur Bundeswehr eingezogen werden, Panzerbataillon. Es gab damals ja noch die Wehrpflicht. Das Studium hat mich davor geschützt. Ich habe an der Uni aber auch was für später gelernt. Vor allem in den Seminaren über Essen und Sex in Filmen. Die Dozentin war Helke Sander, eine feministische Filmemacherin, die später auch meine Diplomarbeit betreut hat.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/18.

ZEIT Campus: Die Arbeit hatte den Titel Geschlechterrollen in den Filmen von Fatih Akin.

Fatih: Das hatte Helke Sander vorgeschlagen, die Arbeit sollte eine Selbstkritik sein. In meinen ersten Filmen Ende der Neunziger waren Frauen nur Klischees. Darüber nachzudenken hat mir viel gebracht. Ich habe gelernt, mich beim Schreiben von Drehbüchern nicht mehr zu fragen: "Was würde eine Frau jetzt tun?", sondern: "Was würde ich da machen?" Heute denke ich manchmal, meine Frauenfiguren sind fast die plausibleren Helden. Die Diplomarbeit wurde nicht benotet, weil Ausdruck und Rechtschreibung unter aller Sau waren. Ich hab nebenbei Im Juli gedreht und die Arbeit einem Praktikanten zum Korrigieren gegeben. Der Spacken hat das nicht gemacht. Das Diplom hab ich trotzdem bekommen.

ZEIT Campus: Was hast du im Studium sonst für dein späteres Leben gelernt?

Fatih: Als die Schule vorbei war, habe ich das als große Befreiung erlebt, als wär ich raus aus Alcatraz. Ich war wie neu geboren. Ich habe als Student begriffen: Ich bin ein Macher, ich kann zuverlässig liefern. Ich kann Drehbücher schreiben in superkurzer Zeit, ich kann durcharbeiten, ich kann auch mit großen Budgets Filme drehen. Das hat mich alles überrascht. Denn ich war nie ein guter Schüler, niemand hätte mir eine große Karriere vorausgesagt, vor allem ich selbst nicht.

"Die Wut war mein Motor"

ZEIT Campus: Nach dem Studium hast du alle zwei Jahre einen Film ins Kino gebracht. Gegen die Wand, Auf der anderen Seite, Soul Kitchen. Immer erfolgreich, aber völlig verschiedene Themen und Stimmungen. Warum?

Fatih: Ich hab viele Persönlichkeiten, die ich mit meinen Filmen ausleben kann. Ich lache viel und über den größten Quatsch, aber ich bin auch sehr nachdenklich oder heftig. Die Hollywood-Regisseure der guten alten Zeit, Billy Wilder und so, die hatten auch eine irre Bandbreite, haben abwechselnd Alkoholikerdramen und Parodien gedreht. Ich wäre gerne ein Filmemacher in dieser Tradition. Ich will unberechenbar sein, wie David Bowie in der Musik, wie Bruce Lee im Kampfsport.

ZEIT Campus: Dein teuerstes und aufwendigstes Projekt floppte: The Cut, ein historischer Film, der vom Genozid an den Armeniern erzählt, wurde von der Kritik verrissen und lief kommerziell schlecht.

Fatih: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Selbst die Scorseses, Coppolas und Wenders dieser Welt haben mal was richtig in den Sand gesetzt. Eigentlich sind das für einen Regisseur sogar wichtigere Filme als die erfolgreichen. Man muss nur die richtigen Schlüsse ziehen.

ZEIT Campus: Was waren deine?

Fatih: Kleinere Budgets, schneller drehen, nicht vier, fünf Jahre an einem Film rummachen. Einfach mal losgehen und drehen. Wie als Student eigentlich. The Cut ist nicht so beschissen, wie die Kritiker geschrieben haben, aber ich hab mich schon verzettelt. Zu viel darüber nachgedacht, wie Holz ausgeleuchtet werden muss, damit es aussieht wie Holz in Havanna im Jahr 1920. Und zu wenig, wie es in meinen Figuren aussieht.

ZEIT Campus: Dein neuer Film Aus dem Nichts spielt auf die NSU-Morde an. Einer der Anschläge war damals in deiner Nachbarschaft in Hamburg-Altona, 2001 wurde dort der Gemüsehändler Süleyman Taşköprü erschossen. Wie erinnerst du dich daran?

Fatih: Taşköprü war ein Bekannter von meinem Bruder. Ich habe gehört, was man damals gemunkelt hat, auf den Straßen, in den Fitnesscentern, in meinem Boxverein: Dönermorde, das war die Türkenmafia und so.

ZEIT Campus: Dann kam zehn Jahre später raus: Die Täter waren Neonazis.

Fatih: Das war schlimm. Auch zu merken: Der Rassismus, das sind nicht nur Glatzen mit Springerstiefeln. Der ist salonfähig im Establishment. Ich war so wütend, habe aber lange gezweifelt, dass da filmisch was drinsteckt.

ZEIT Campus: Was hat dich abgeschreckt?

Fatih: Ich wollte schon seit den Anschlägen in Mölln und Solingen Anfang der Neunziger was über Nazis machen, noch bevor ich hier studiert habe. Aber ich fand es zu schwierig, ohne Zeigefinger zu erzählen, nicht in so eine Selbstmitleidshaltung zu geraten als Türke in Deutschland. Das hat Erfahrung gebraucht, Reife, um damit filmisch umzugehen. Die Wut war dann mein Motor.

ZEIT Campus: Du fokussierst im Film die Opfer, die Angehörigen. Warum ist deine Heldin, Diane Kruger, blond und blauäugig?

Fatih: Mir war wichtig, zu zeigen, dass das Bedürfnis nach Rache nichts ist, was kulturell verordnet ist. Nichts, was nur Kanaken machen. Es war entscheidend, das Klischee zu brechen. Ich habe genauso viele weiße Freunde, die sich rächen würden, wenn jemand ihren Kindern was antun würde. Mir hat auch das Bild gefallen: Eine blonde Deutsche, eine Arierin wie aus einem Leni-Riefenstahl-Film, legt sich mit Nazis an. Arisch gegen völkisch.

ZEIT Campus: Du hast die Handlung des Films in die Gegenwart verlegt. Ist das ein Statement, dass sich am Rassismus seit den NSU-Morden nichts geändert hat?

Fatih: Na ja. In der Entstehung des Films haben mich auf einmal andere Sachen interessiert als der Rassismus: Was bleibt von einer Mutter übrig, wenn sie ihr Kind verliert? Wie viele Farben hat Schmerz? Wie wird Schmerz zu Hass und zu Gewalt? Deswegen ist das für mich doch kein politischer Film geworden.

ZEIT Campus: Früher, als du als Teenager in der linken Straßengang Home Boys warst, hättest du das vermutlich verachtet.

Fatih: Das kann man nicht vergleichen, das waren andere Zeiten. Damals konntest du den Feind sehen. Du wusstest, der hat Glatze und geht samstags zum HSV. Den konntest du hinterher am Stadion abfangen oder auf St. Pauli in seiner Kneipe zusammenhauen. Aber das war auch plump. Den Feind besiegst du ja nicht mit Gewalt. Den musst du mental besiegen.

ZEIT Campus: Wie denn?

Fatih: Mit einem Film, über den die Leute reden müssen, wenn sie aus dem Kino kommen. Das verändert die Welt nicht auf Anhieb, aber ist wie ein Stein im Schuh.

ZEIT Campus: Im Frühling 2018 könntest du mit Aus dem Nichts einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewinnen.

Fatih: Das wäre super, das wäre eine Art Rente. Wenn du so ein Ding hast, kriegst du, wenn du dich nicht allzu doof anstellst, für den Rest deines Lebens deine Filme finanziert.

Mit ZEIT Campus kehren Künstler und Promis in ihre alte Mensa zurück. Interviews mit Kraftklub und anderen unter zeit.de/campus/mensa