Nie waren wir sexuell so frei wie heute. Aber sind wir auch glücklich? Ein Gespräch mit Volkmar Sigusch, Sexualmediziner

Sex wird die Welt retten! Das war die Stimmung im Jahr 1968. Die Pille befreite damals Frauen von der Angst vor ungewollten Schwangerschaften. Pornos wurden legal und galten als fortschrittlich. Schwule und Lesben kämpften für ihre Rechte. Und ein junger Mediziner namens Volkmar Sigusch veröffentlichte seine ersten sexualwissenschaftlichen Forschungen. Heute ist die Euphorie etwas verflogen. Wenn von Sex die Rede ist, geht es oft um Missbrauch (vgl. Harvey Weinstein et al.). Pornos halten viele für ein Problem. Und über wenig wird so heftig gestritten wie über Genderfragen. Volkmar Sigusch, 77, beobachtet diese Entwicklung seit 50 Jahren. Von 1973 bis 2006 leitete er an der Uni Frankfurt das Institut für Sexualwissenschaft, zugleich war er Paartherapeut. Unsere Sprechstunde findet auf Wunsch von Volkmar Sigusch per E-Mail statt.

ZEIT Campus: Herr Sigusch, Sie sprechen seit vielen Jahren mit Paaren über ihr Sexleben. Sind die Deutschen schlecht im Bett?

Volkmar Sigusch: Ja, ohne Frage. Nach allem, was wir wissen, auch aus empirischen Studien, handelt es sich bei Paaren, die länger zusammen sind, um eine Praxis, die ich "Karnickelsex" nenne. Mit anderen Worten: rein, raus, gute Nacht. Das große Problem, das auch bei Jüngeren dahintersteht, ist, dass wir keine Ars erotica entfaltet haben.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit?

Sigusch: Wir haben keine Liebes-, Erregungs- und Sexualkultur, die den Namen verdient. Das liegt an der Entwicklung in den letzten tausend Jahren in Europa. Wir entschieden uns, Vernunft, Arbeit und Besitz zu unseren Helden zu machen. Sie sind die Kontrahenten erotischer Sinnlichkeit und sexueller Triebhaftigkeit. Das ist bis heute so. Selbst die Liebe soll bei uns vernünftig und fleißig sein.

ZEIT Campus: Wir sind zu vernünftig, deswegen haben wir schlechten Sex?

Sigusch: Ganz kurz gesagt: Ja.

ZEIT Campus: Dann wird es vermutlich schwierig, aus der Nummer rauszukommen.

Sigusch: Eigentlich bräuchten wir eine andere Kultur, die es uns erlaubte, beim erotischen Umgang miteinander alles Rationale zu vergessen, um angstfrei mit einem geliebten Menschen zu verschmelzen.

ZEIT Campus: Haben Sie Tipps für Paare, die schon länger zusammen sind und deren Sexleben eingeschlafen ist?

Sigusch: Es gibt erfreulicherweise etwas Wunderbares, durch und durch Positives, ja Einzigartiges in unserem sexuell oft armen Leben: die Liebe. Sie ist eine wunderbare Errungenschaft der Menschheit. Um sie sollten wir ringen, und wenn wir sie erlebt haben, sollten wir an ihr festhalten. In Paartherapien, die wir Sexualtherapeuten entwickelt haben, geht es letztlich darum, eine einmal gefundene Liebe nicht zu verlieren. Manchmal hilft dabei auch, das sexuelle Miteinander angenehmer und befriedigender zu gestalten.

ZEIT Campus: Was ist für Sie das Wunderbare und Einzigartige an der Liebe?

Sigusch: Sie springt uns immer wieder aus der Reihe und lässt sich nicht wie Sex zu einem Geschäftsbereich erklären. Sie kann nicht produziert und nicht gekauft werden. Sie ist gewissermaßen das Negativ der Ware.

ZEIT Campus: Sie klingen jetzt etwas schwärmerisch. Ist nicht auch die Partnersuche im Internet wie ein Geschäft organisiert? Es gibt Angebot und Nachfrage, man präsentiert sich und seine Eigenschaften wie eine Ware.

Sigusch: Das würde ich nicht so kritisch einordnen. Die Suche im Internet ist heute für viele die beste oder sogar die einzige Möglichkeit, auf recht anständige Weise eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Ich möchte also um Gottes willen nicht alles vernichtend kritisieren, was uns heute sexuell möglich ist. Für viele Menschen ist das Internet eine zentrale Quelle ihres Sexuallebens. Sie schauen sich erregende Bilder und Filme an oder verabreden sich dort mit anderen Menschen.

ZEIT Campus: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Sigusch: Einmal erlebte ich, dass ein Patient mit einer extrem seltenen sexuellen Perversion nach jahrelanger Suche im Internet endlich einen Gleichartigen in Australien fand und glücklich war. Sehr positiv aufgefallen ist mir auch immer wieder, dass Partner weniger analog fremdgehen, weil sie sich ja jederzeit virtuell vergnügen können. Das Internet kann also sogar Beziehungen retten.

ZEIT Campus: Kennen Sie die sexpositiven Partys, über die in Berlin gerade viele reden?

Sigusch: Nein, das kenne ich nicht. Was passiert denn dort?

ZEIT Campus: Das sind Clubnächte mit Namen wie The House of Red Doors oder Pornceptual, bei denen Gäste, wenn sie wollen, einfach nackt tanzen können. Wenn sie Lust verspüren, dürfen sie diese auch ausleben. Auf einer Schaukel, einer Liege, im Darkroom. Ist das aus Ihrer Sicht eine Befreiung der Sexualität oder ein kommerzielles Event?

Sigusch: Was soll ich dazu sagen? Ich bin nicht der Richter über Veranstaltungen, die ich gar nicht persönlich kenne. Aber Befreiung gibt es nicht in einer unfreien Gesellschaft. Man oder frau kann eine Kultur nicht verlassen. Wir sind durch die Kultur, die wir haben, bis in die letzte Faser geprägt. Auch wenn wir uns aufrichten und gegen sie ankämpfen, können wir ihr nicht entrinnen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT-Campus-Magazin 1/18.

ZEIT Campus: Die Generation meiner Eltern ist auf Tupper-Partys gegangen und hat sich dort neue Küchengeräte vorführen lassen. Heute gibt es nach dem gleichen Prinzip Dildo-Partys, zu denen sich Freundinnen treffen. Früher waren Sexshops etwas Verruchtes, heute gibt es Sextoys auch in großen Drogeriemarktketten. Zeigt das nicht, dass wir sexuell experimenteller werden?

Sigusch: Ich denke, ja.

ZEIT Campus: Das sind dann aber gute Nachrichten, oder?

Sigusch: Ja. Viele erleben erst durch das Anwenden von Dildos, wie erregend das gelungene Berühren der Genitalien sein kann.

ZEIT Campus: Warum ist für viele Frauen die Klitoris noch die große Unbekannte?

Sigusch: Mich überrascht das ehrlich gesagt auch immer wieder. Aber Sie müssen wissen, dass selbst die Medizin lange nicht ganz im Bilde war. Ich habe schon vor einigen Jahrzehnten versucht, Anatomen dazu zu bringen, den inneren Umfang des Organs festzustellen und in den anatomischen Atlanten dann darzustellen. Das ist nicht gelungen. Sie sind alle ausgewichen, sagten, das Gewebe der inneren Klitoris lasse sich an Leichen nicht oder nur sehr unklar erkennen. Es hat lange gedauert, bis die Anatomie endlich wusste, wie groß der unsichtbare Innenteil der Klitoris ist.

"Wir sind alle polysexuell"

ZEIT Campus: Viele Menschen wollen sich nicht mehr in das Mann-Frau-Schema pressen lassen und brechen mit klassischen Geschlechterrollen. Wie bewerten Sie das?

Sigusch: Ich denke, das gehört zur neosexuellen Revolution, also zu den Veränderungen der Sexualität seit den späten sechziger Jahren. Es gibt heute immer mehr Agender und Menschen, die zwischen den beiden großen Geschlechtern hin- und herschwanken. Für diese Menschen musste ich erst ein neues Wort erfinden: Liquid Gender.

ZEIT Campus: Sie haben auch den Begriff "Cis-Gender" geprägt, der in den Gender-Studies heute zum Standardvokabular gehört.

Sigusch: Diesen Begriff habe ich eingeführt, um die Transsexuellen endlich auch sprachlich anzuerkennen und einzuordnen. Ich kam darauf, weil es die Wendungen "transalpin" und "cisalpin" gibt, die "jenseits der Alpen" und "diesseits der Alpen" bedeuten. Jetzt also auch: jenseits und diesseits der Genitalien. Mit anderen Worten: Wenn es Cissexuelle gibt, dann muss es auch Transsexuelle geben. Das heißt, die sind ganz normal.

ZEIT Campus: Im amerikanischen Facebook kann man nicht nur zwischen "Mann" und "Frau", sondern zwischen fast 60 verschiedenen sexuellen Identitäten wählen. Wie viele unterschiedliche Geschlechter kennen Sie?

Sigusch: Unsere sprachlichen Einteilungen in Mann, Frau, Agender, Intergeschlechtliche, Transgender, Liquid Gender und so weiter ist immer noch grob. Ich sage: Es gibt so viele Geschlechter, wie es Menschen gibt.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Sigusch: Keine Geschlechtlichkeit eines Menschen ist mit der eines anderen Menschen identisch. Das ist einzigartig wie ein genetischer Fingerabdruck. Wir sind auch grundsätzlich alle in der Lage, alle Formen des Sexuellen zu praktizieren, hetero-, homo-, bisexuell und so weiter. Wir sind alle polysexuell.

ZEIT Campus: Wohin wird sich die Sexualität in den kommenden Jahren noch entwickeln?

Sigusch: Das weiß kein Wissenschaftler.

ZEIT Campus: Gibt es Entwicklungen unseres Sexualverhaltens, die zunehmen werden?

Sigusch: Ich sage: Die Polyamorie wird kommen. Seit Jahren wird sie in den westlichen Ländern behutsam erprobt, oft abgelegen in einem Dorf. Da wir immer älter werden und alles, was möglich ist, auch besitzen möchten, wird sich die Polyamorie ausbreiten. Zum Beispiel werden sich alte Paare junge Liebhaber und Liebhaberinnen in ihr Haus holen und das Liebes- und Sexualleben dadurch wieder beleben. Noch aber sind das recht seltene Ereignisse. Manchmal ist das auch sehr überraschend. So erfuhr ich im Juni, dass in Kolumbien drei Männer geheiratet haben. Ein älteres Männerpaar holte sich einen jungen Mann in die gleichgeschlechtliche Ehe. So wird es auch bei uns demnächst sein, sagen wir in den nächsten 20 bis 30 Jahren.

ZEIT Campus: Ist die neosexuelle Revolution mit der Ausbreitung der Polyamorie an ihrem Ziel angekommen?

Sigusch: Nein. Denken Sie nur an den Internet- oder Robotersex. Da stehen wir ja noch fast am Anfang.

ZEIT Campus: Robotersex?

Sigusch: Unsere Personal Computer werden sicher bald durch Personal Robots ergänzt werden, im Haushalt, in der Pflege und so weiter. Erste Sexroboter sind bereits auf dem Markt. Sie kosten etwa 10.000 Euro und werden alte Liebes- und Sexpuppen ablösen. Als neue Sonderbarkeit, früher Perversion genannt, wird sich eine Robotophilie etablieren. Schließlich wird immer mehr Menschen das Zusammenleben mit einem Roboter sehr viel angenehmer sein als mit einem komplizierten, eigenwilligen und bösartigen Menschen.

Alles, alles, alles über Sex gibt es in dem Buch "Sexualitäten" (Campus, 2013).

In jeder Ausgabe trifft ZEIT Campus eine Koryphäe zur Sprechstunde, zum Beispiel Philosophen wie Martha Nussbaum und Slavoj Žižek. Online unter zeit.de/sprechstunde