Seine Doktorarbeit wird ausgezeichnet. Er gilt als talentierter Dozent. Dann kommt raus: Er ist ein Betrüger. Und fast keiner hat was bemerkt.

Im Sommersemester 2014 hält Dr. Christian M. die Einführungsvorlesung Politische Ideengeschichte, jeden Montag von 14 bis 16 Uhr. Im Raum 011 des Zentralen Hörsaalgebäudes der Uni Göttingen geht es um Platon, Kant, Marx, die großen Denker. Ein wenig wirkt Dr. Christian M., 33, selbst wie einer: die ergrauenden Schläfen, die Brille, die feine Kleidung. M., hoch und hager, schreitet souverän um sein Pult und spricht wie gedruckt. Ein charismatischer Dozent, sagt ein Student, der damals dabei war. M. habe seine Veranstaltungen regelrecht zelebriert. Ein Dozent mit Hang zur Exzentrik sei er gewesen, adrett mit Stoffhose und Hemd unter dem Pullover, die Kragenfarbe auf die Socken abgestimmt. Keine Spur von Unsicherheit. Dabei hatte M. Angst vor der Vorlesung, sagen seine früheren Kollegen. Kein Wunder: Denn der charismatische Dr. M. hätte niemals Dozent sein dürfen. Seine ganze akademische Karriere bestand aus Betrug und Täuschung.

Etwas stimmt nicht, das fällt einem der Politikstudenten damals auf. Die Vorlesung passt nicht zur Literatur, die M. angegeben hatte. Aufbau, Definitionen, Formulierungen: Alles war anders als im Lehrbuch von M.s Doktorvater, den er als Dozent bei der Vorlesung vertritt. Der Student, damals im zweiten Semester, stößt in einem Buchladen auf ein anderes Lehrbuch, Tobias Bevc, Politische Theorie. Ein Buch, das in Göttingen eigentlich keine Rolle spielt, in der Lehrbuchsammlung der Uni-Bibliothek sucht man vergeblich danach. Doch in der Buchhandlung blättert der Politikstudent und staunt: Da ist die Abbildung 1 auf Seite 19 in Bevc’ Werk über Gerechtigkeitsdefinitionen, die er von Folie 8 aus M.s Vorlesung kennt. Da sind Passagen, die wortwörtlich auf eng bedruckten Folien der Vorlesung standen, etwa die Deutungen des Sozialismus, bei Bevc 29 Zeilen lang auf Seite 166. Offensichtlich hat M. große Teile seiner Vorlesung aus diesem Buch übernommen.

Warum gibt der Dozent das Werk seines Professors an, baut seine Vorlesung aber auf einem ganz anderen Buch auf? Seltsam, findet der Politikstudent, behält es aber für sich, er ist ja noch neu an der Uni. M. hat Glück. Noch. Zweieinhalb Jahre später füllt die Geschichte des falschen Politikwissenschaftlers Dr. Christian M. 21 Ordner bei der Staatsanwaltschaft Göttingen. Er wird unter anderem wegen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Es ist das Ende einer steilen akademischen Karriere. Und einer Geschichte, die die Frage aufwirft, ob Bluff und Blenderei in der Wissenschaft so alltäglich sind, dass handfester Betrug jahrelang nicht auffällt. Selbst an einer renommierten Hochschule wie der Georg-August-Universität in Göttingen, die sich mit mehr als 40 Nobelpreisträgern rühmt, wo die Gebrüder Grimm lehrten und Carl Friedrich Gauß die Sternwarte leitete.

Das Schweigen der Anderen

Wer mehr über Christian M. wissen möchte und sich heute an der Uni Göttingen umhört, bekommt schnell das Gefühl, alle, die etwas zu seinem Fall sagen könnten, hätten sich verabredet zu schweigen. Ein Kollege von damals sagt, er sei von M. über Jahre "massiv getäuscht und belogen" worden, will sich darüber hinaus aber nicht äußern. Ein anderer spricht von einem "traurigen Kapitel", das für ihn abgeschlossen sei. Und der Professor, der M. als Doktorvater gefördert hat, legt mitten im Telefonat auf, kommt man auf seinen einstigen Doktoranden zu sprechen. Anschließend reagiert er lange nicht auf E-Mails und weitere Anrufe. Wer also war Christian M.?

Antworten darauf lassen sich in den Akten finden, in den internen Berichten und in Gesprächen mit Weggefährten. So ist eine Annäherung an M. möglich.

Bevor er nach Göttingen kommt, hat Christian M. ganz andere Pläne. 2008, da ist er 27, bewirbt er sich beim Benediktinerorden in St. Ottilien, 40 Kilometer westlich von München. Er will Mönch werden. Der Abt zögert, so erzählt er es heute. M.s Werdegang erscheint ihm unstet, rastlos. Doch M. habe ihm versichert, sein innerer Drang sei stark, er sei entschieden. Das Kloster nimmt ihn als Novizen auf. Christian M. darf das schwarze Gewand für ein Jahr auf Probe tragen, das ist so üblich bei Neuen in der Gemeinschaft. Am Morgen steht M. um 4.45 Uhr auf, trifft sich mit den Brüdern zum Frühgebet. Die Vormittage verbringt er mit einer Handvoll Novizen im Unterricht, unter den strengen Augen Christi, der an einem Kruzifix in der Stube hängt. Nachmittags arbeitet M. im Klosterbetrieb, melkt die Kühe. Kontakt nach draußen hält er gern altmodisch, mit Briefen. Er nennt sich Bruder Julius.

Als der Bayerische Rundfunk im April 2009 einen Fernsehbeitrag über das Leben im Kloster drehen will, empfehlen die Benediktiner Christian M. als Interviewpartner. Im Fernsehen erzählt M. mit sanfter Stimme von seinen Eltern, die sich an den Gedanken gewöhnen mussten, dass ihr Kind jetzt im Kloster lebt. Von der Stille in seinem Zimmer. Von seinem Hadern mit Jesus, den Zweifeln am Glauben. "Aber letztendlich", sagt er langsam, "überwiegt dann doch die Gewissheit: Ja, das, was ich mache, auch in den schweren Augenblicken, ist richtig."

Wenige Monate später ist M.s Gewissheit verflogen. Er verlässt das Kloster, überstürzt und im Zorn, wie ein Mitbruder heute sagt. Die Gemeinschaft war nicht überzeugt, wollte ihn noch ein Jahr auf Probe dabehalten. M. muss das als Kränkung empfunden haben. Ein Mitbruder hilft ihm noch, das Zimmer auszuräumen, dann verschwindet M. Eine Adresse hinterlässt er nicht.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/18.

Er muss zu dieser Zeit auf die Ausschreibung des Professors gestoßen sein, der bald darauf sein Doktorvater wurde. "Wer Interesse hat, eine Abschlussarbeit oder Dissertation zum Thema Was heißt 'Gewissen' in politischen Kontexten zu verfassen, ist herzlich eingeladen, das an meinem Lehrstuhl zu tun", steht auf der Website des Seminars für Politikwissenschaft an der Uni Göttingen. Vor seinen Kollegen behauptet M. später, er habe sich mit einer Postkarte beworben. So berichtet es ein Mitdoktorand. Sein Doktorvater widerspricht: "Herr M. hat sich mit den üblichen Bewerbungsunterlagen beworben."

Der strenge Dozent

Christian M. reicht zwei Zeugnisse ein, beide aus der Zeit vor dem Kloster: Seinen Magisterabschluss an der Münchner Hochschule für Philosophie, mit Siegel und Unterschrift, Note 1,3, beglaubigt am 21. August 2009 von der Stadt Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Später ein Theologie-Diplom der Hochschule St. Georgen, ebenfalls 1,3, unbeglaubigt. Die Uni Göttingen nimmt ihn an, im Herbst 2009 beginnt M. seine Promotion. Bald gibt er auch Seminare. Wahrheit, Moral, Gewissen und Gerechtigkeit in der Politik heißt eines, Krisenethik – Ethikkrisen ein anderes.

Kommen Studenten in M.s Sprechstunde, gibt er sich streng. Einer sagt, dass M. pikiert auf die Frage reagiert habe, ob der Student den Schein machen könne, obwohl er so selten im Seminar gewesen sei. Ein anderer erzählt, wie er M. nach Aufschub für seine Hausarbeit fragte. "Ich bitte Sie", habe M. entgegnet. "Als ich Student war, habe ich an einem Wochenende zwei Hausarbeiten geschrieben, und die waren zwanzig Seiten lang, nicht nur zehn." Auch mit seiner Dissertation ist M. außergewöhnlich zügig. "Sein Tempo hat bei uns für Erstaunen gesorgt", sagt einer, der damals ebenfalls promovierte. Am Lehrstuhl habe M. als Musterdoktorand gegolten, sagen andere.

Seine Dissertation: ein Plagiat

Nur einmal wird es brenzlig für M.: Sein Doktorvater schlägt als zusätzliche Gutachterin für die Doktorarbeit von M. die Politikprofessorin Renate Martinsen vor, die an der Uni Duisburg-Essen lehrt. Martinsen hat ein paar Jahre zuvor zum Gewissen in der Politik habilitiert. Eine Expertin für M.s Thema also. Christian M. macht einen Gegenvorschlag: Er empfiehlt einen Moraltheologen, den er über die katholische Hochschulgemeinde in Osnabrück kennengelernt habe. Der passe besser als noch eine Politikwissenschaftlerin, sagt M., schließlich berühre seine Dissertation auch religiöse Fragen. Sein Doktorvater stimmt zu, der Theologe wird Zweitgutachter, Renate Martinsen wird nicht gefragt. Ein Fehler, wie sich noch zeigen wird.

M. besteht am 20. Juni 2012 seine mündliche Prüfung. Mit Bestnote, summa cum laude. Keine drei Jahre hat er für seine Promotion gebraucht. Im Vorwort der Arbeit dankt M. seinem Doktorvater für "die freundliche Überlassung des hochinteressanten Themas". Weiter schreibt er in seiner Dissertation: "Besonders bedanken will ich mich auch für die Freiheit, die er mir während des gesamten Forschungsprojektes gewährte, die maßgeblich zum Gelingen dieser Arbeit beitrug."

Die Auszeichnung

Die Aula der Universität Göttingen ist ein Saal mit Stuckdecke und Säulengang, von Sockeln schauen die Büsten alter Professoren. Am Freitag, dem 19. April 2013, ehrt die sozialwissenschaftliche Fakultät hier ihre besten Absolventen, fünf Studenten und zwei Doktoranden. Einer davon: Christian M. Für seine "herausragende Promotion" bekommt er 750 Euro Preisgeld. M. hält an diesem Vormittag eine kleine Ansprache, ganz im Gestus eines Gelehrten, wie sich ein Teilnehmer später erinnert. Dann gibt es Sekt.

M. doziert weiter an der Uni Göttingen, gibt auch ein Seminar an der Uni Hildesheim. Er bewirbt sich bei anderen Universitäten, einer Stiftung und dem Deutschen Ethikrat. Schließlich bekommt er eine Stelle am Institut für Theologie und Frieden in Hamburg, einer Forschungseinrichtung der Katholischen Militärseelsorge. M.s nächstes Ziel: die Professur. Bei einem Kollegen stellt M. sich mit den Worten vor, er hätte in Göttingen zuletzt "faktisch die Lehrstuhlvertretung" gemacht. Ein junger Wissenschaftler auf der Überholspur. Bis zum Crash.

An einem Tag im Sommer 2015 sitzt eine Professorin zu Hause an ihrem Rechner und recherchiert für einen Artikel. Ihr Name: Renate Martinsen, die Frau, die M.s Dissertation begutachten sollte. Sie will eine These des Soziologen Niklas Luhmann in ihren Artikel einbauen, die sie schon in ihrer Habilitation zitiert hatte. Wie aber war der Wortlaut? Martinsen googelt.

In der Buchvorschau stößt sie auf die Doktorarbeit von Christian M. Der hat auf Seite 63 seiner Arbeit dasselbe Luhmann-Zitat benutzt wie sie. Aber nicht nur das. Auch der Rest des Textes kommt ihr merkwürdig vertraut vor. Hatte der Doktorand nur schlampig gearbeitet? Oder hat er abgeschrieben? Martinsen bestellt M.s Dissertation. Nach ihrem Urlaub in Südtirol will sie der Sache nachgehen.

Das Plagiat

In der Zwischenzeit bemerkt auch eine wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Christian M.s Doktorvater, dass Teile aus der Doktorarbeit mit Martinsens Habilitation übereinstimmen. Nicht nur auf Seite 63, auf der das Luhmann-Zitat steht. Auch die gut 30 Seiten davor und die gut 200 Seiten danach: Bis auf einige Zwischenüberschriften und Unterkapitel sind sie identisch mit dem Buch der Professorin. Sogar die Klappentexte ähneln sich.

Am 23. Juni 2015 bespricht M.s Doktorvater den Plagiatsverdacht mit seinen Mitarbeitern. So steht es später in einem internen Bericht. Er informiert demnach das Dekanat, ruft dann seinen früheren Doktoranden an. Am 29. Juni 2015 schickt der Doktorvater einen Brief an "Herrn Dr. Christian M.", darin eine "vorläufige Aufstellung möglicher plagiierter Texte". Neben der Dissertation sollen fünf Veröffentlichungen M.s abgeschrieben sein, offenbar alles, was er je publiziert hat. Selbst ein Beitrag in einer Festschrift für seinen Doktorvater gehört dazu.

Gut zwei Wochen später, am 14. Juli 2015, geht bei der Uni ein Brief von M. ein. Darin seine Promotionsurkunde und ein Schreiben mit der Bitte, ihm den Titel abzuerkennen. Am folgenden Tag beschließt der Fakultätsrat, M. den Doktorgrad im Eilverfahren zu entziehen.

Über all die Jahre muss M. bewusst gewesen sein, was er beim Abschreiben riskierte. Während er an seiner Doktorarbeit sitzt, fliegt Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner plagiierten Dissertation auf und muss als Verteidigungsminister zurücktreten. Kurz vor M.s mündlicher Promotionsprüfung gerät Annette Schavan unter Verdacht, damals Bundesbildungsministerin. Sie hat eine Doktorarbeit über das Gewissen geschrieben, wie M. Doch M., der falsche Doktor, hatte nicht nur abgeschrieben.

Sein Magisterabschluss: eine Fälschung

Sein Doktorvater meldet den Fall der Hochschule für Philosophie in München, wo M. vor seiner Zeit im Kloster studiert hatte. Man möge sich dort M.s Magisterarbeit genauer ansehen. Aber eine Magisterarbeit ist nirgends zu finden. In sechs Semestern hatte M. nur eine einzige Prüfung bestanden, eine schriftliche zur Philosophiegeschichte des Mittelalters. Mit 4,0. In drei mündlichen Prüfungen war er durchgefallen. An der Hochschule St. Georgen, wo M. ab Herbst 2002 Theologie studiert hatte, war er durch die mündliche Prüfung zum Vordiplom gefallen. Zu zwei Wiederholungsterminen hatte er sich krank gemeldet. Im April 2005 ließ sich M. exmatrikulieren.

Die Einser-Abschlüsse, die M. seine Promotion erst ermöglicht haben: Fälschungen. Die Arbeit selbst: ein Plagiat. Gegenüber der Uni Göttingen spricht M. von tiefen Selbstzweifeln und innerer Zerrissenheit. Dem Zweitgutachter, der M.s Arbeit statt Martinsen geprüft hatte, schickt M. eine lange Mail, in der er seinen Betrug bedauert. M. schreibt von Erwartungen, die auf ihm gelastet hätten und denen er nicht mehr habe gerecht werden können, so erinnert sich der Professor. Er selbst habe als Theologe die plagiierten Passagen nicht erkennen können.

Dass auch der Doktorvater keinen Verdacht schöpfte, ist bemerkenswert. Denn M. schrieb unter anderem aus einem Aufsatz ab, den er zuvor gemeinsam mit dem Professor veröffentlicht hatte. Das sei ihm zwar aufgefallen, sagt der Doktorvater heute, er habe das "aber nicht als gravierend empfunden". Außerdem lobte der Doktorvater Renate Martinsen in einem seiner Aufsätze als Autorin einer "bahnbrechenden Studie". Dass sein Doktorand wenig später große Teile aus einer anderen Arbeit von Martinsen, ihrer Habilitation, im Wortlaut kopierte, fiel ihm offenbar nicht auf. Der Doktorvater sagt dazu: "Inhaltliche Ähnlichkeiten oder ähnliche Ergebnisse, zu denen Forscher aus verschiedenen Disziplinen kommen, werden in der Regel eher als Beleg für die Richtigkeit von Gedanken gewertet."

Im Januar 2017 verurteilt das Amtsgericht Göttingen M. wegen Betrugs, Urkundenfälschung, Verstoß gegen das Urheberrecht und Titelmissbrauchs zu einer einjährigen Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung. M. akzeptiert den Strafbefehl und zahlt die Bewährungsauflage von 2.000 Euro. Juristisch ist der Fall damit erledigt. Trotzdem bleiben Fragen offen: Reichen ein selbstsicheres Auftreten, ein hübscher Hemdkragen, ein strenges Gebaren gegenüber Studenten, um an der Uni als brillant zu gelten? Selbst wenn man, wie M., gar keinen Studienabschluss hat?

Die Konsequenzen

Auf die Frage, welche Konsequenzen an der Uni aus diesem Fall gezogen wurden, sagt ein Sprecher, dass Doktoranden heute sorgsamer ausgewählt würden. "Darüber hinaus setzt die Universität Göttingen verstärkt auf Prävention: Die Aufklärung über redliche wissenschaftliche Arbeit sollte möglichst früh beginnen", sagt der Sprecher. "Wir bieten beispielsweise im Rahmen der Hochschuldidaktik Seminare für Lehrende an, in denen die Vorbeugung anhand von Fallbeispielen trainiert wird. Das ist Teil des Gesamtpakets unserer Qualitätssicherung."

Doch hilft das, wenn einer bewusst täuschen will, so wie M.? Die Plagiatssoftware habe übrigens nicht angeschlagen, als man M.s kopierte Doktorarbeit nachträglich prüfte. "Die Effektivität von Plagiatssoftware wird häufig überschätzt", sagt der Sprecher der Universität dazu.

Der Politikstudent, der im zweiten Semester seine Zweifel an M.s Vorlesungsskript für sich behielt, hat seinen Glauben an die Universität verloren. "Mich überrascht im Wissenschaftsbetrieb inzwischen nur noch wenig", sagt er.

Und was sagt M.? Von seinen Mitbrüdern im Kloster und den Kollegen von der Uni Göttingen hat heute keiner mehr Kontakt zu ihm, die Stelle am Hamburger Institut musste er aufgeben, nachdem er den Doktortitel verloren hatte. Dann verliert sich seine Spur. Wählt man heute M.s alte Handynummer, dann meldet sich ein Mann. Er leugnet, Christian M. zu sein.

"Gut, mit wem spreche ich stattdessen?"

"Das geht Sie doch gar nichts an."

"Aber wenn Sie nicht Christian M. sind, dürfte es doch kein Problem sein, mir Ihren Namen zu nennen?"

"Warum sollte ich Ihnen das sagen müssen? Und wenn Sie Journalist sind, dann erst recht nicht."

"Ehrlich gesagt klingt Ihre Stimme wie die von Christian M., damals als Bruder Julius im Bayerischen Fernsehen."

"Kann ja sein, aber hier ist kein Christian M.", sagt der Mann. "Wir sind übrigens auch gar nicht in Deutschland. Und Sie stören beim Essen."

Wer auch immer Christian M. war, wer immer er sein wollte: Wahrscheinlich ist er längst ein anderer.